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Marktplatz Wird Olaf Scholz am Ende bei der Bundestagswahl der lächelnde Dritte?

Olaf Scholz
Olaf Scholz
© Bernd von Jutrczenka / Picture Alliance
Olaf Scholz wird Kanzler? Lange Zeit war das nur mit viel Fantasie oder Autosuggestion vorstellbar, zu schwach ist die SPD. Nun steigen Scholz‘ Werte. Übersehen wir vielleicht etwas?
Horst von Buttlar

Die Kanzlerkandidatur des Olaf Scholz hatte von Anbeginn etwas Rätselhaftes. Sie war ohne Wumms, um mal mit Scholz zu sprechen, aber auch ohne Ausreißer nach unten – ein paar Altlasten bei Steuerdeals und Diskussionen um Steuerkonzepte für den Wahlkampf aus dem Ministerium ausgenommen. Bei den Oscars würde man sagen: bester Nebendarsteller. Denn die geringe Erfolgswahrscheinlichkeit, um nicht zu sagen die Aussichtslosigkeit einer Kanzlerkandidatur für die SPD schien Scholz nicht zu erschüttern. Er zeigte sich nach außen ruhig und gab sich überlegen, und wenn man ihn auf seine schmalen Perspektiven ansprach, war die Botschaft in etwa die: Ich seh etwas, was du nicht siehst. Nun, da seine ohnehin guten persönlichen Umfragewerte noch besser geworden sind und er sogar Armin Laschet überholt, wird dieses Kalkül von Scholz wichtiger.

Die Ironie ist, dass die SPD-Kampagne am frühesten entschieden und später kaum bezweifelt wurde, nicht wie bei Armin Laschet oder Annalena Baerbock. Und doch schien man Scholz fast zu vergessen. Die Fragen, die das Land bewegten und aufwühlten, waren andere: Habeck oder Baerbock, Laschet oder Söder und schließlich Laschet oder Baerbock. Dass es noch einen Dritten gab, war eine Formalie, ein Gnadenbrot für die SPD, worüber gespottet wurde, als die SPD in Umfragen gleichauf mit der FDP lag. Scholz wird Kanzler? Nur mit viel Fantasie, Autosuggestion oder bewusstseinserweiternden Substanzen vorstellbar. Oder nimmt man ihn zu früh aus dem Rennen?

Horst von Buttlar schreibt jede zweite Woche für den stern über Politik und Wirtschaft
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© Gene Glover/stern

Mission erfüllt

Ende Juni war Scholz in Washington, er sprach dort unter anderem mit US-Finanzministerin Janet Yellen. Es ging um das Projekt globale Mindeststeuer, ein Herzensprojekt von Scholz, und just in den Tagen wurde ein Durchbruch verkündet. Scholz hatte zwar nichts mehr verhandelt, aber sendete von dort eine Botschaft vor zwei Kulissen, dem Kapitol und dem Weißen Haus: Mission erfüllt. Die Bilder hatten eine subtile zweite Botschaft: Scholz auf der Weltbühne, auf Augenhöhe mit den Mächtigen der Welt, als Macher. Als eine amerikanische TV-Reporterin ihn auf seine schwierige Kandidatur ansprach, parierte er auf Englisch: Je näher die Wahlen kommen, desto mehr würden die Menschen nachdenken: Who should run the country? Und da gebe es nur einen.

Der Kerngedanke der SPD-Strategie ähnelt auf verblüffende Weise dem der CDU. Diese setzte auf einen entspannten Sommer, neue Lebensfreude und eine erfolgreiche Impfkampagne. Wenn die Deutschen aus dem Urlaub zurück sind und merken, dass Angela Merkel wirklich weg ist, nun, dann würden sie doch lieber Union wählen, die unser Auenland vor zu großen Umwälzungen bewahrt. Größtes Risiko lange Zeit: Delta. Die Hochwasserkatastrophe hat diese Schlafwagenstrategie – wenig anecken, wenig festlegen, wenig zumuten – durchkreuzt. Deshalb hat diese Woche Markus Söder die Union nochmal wachgerüttelt.

Auf der Zielgeraden

Scholz setzt auf das gleiche Szenario, eine Art Coverversion von "Ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben" – mit ihm als Bonustrack. An der Wahlurne werden die Menschen weniger über die Partei als über die Person nachdenken, so das Kalkül. Erst September werden sie merken, dass Merkel wirklich weg ist, und nach einem bekannten Gesicht suchen. Und mehr als vermutet könnten wählen, was Merkel am nächsten kommt, und das ist: Erfahrung. Merkel ohne Merkel sozusagen, oder, wie es in Scholz' Umfeld heißt: Merkel mit Plan, mit neuem Plan. Und vor allem mit Führung. Leadership ist eines der großen Worte von Scholz. Als Finanzminister hat er das Land vor dem Absturz bewahrt. Und genauso würde er uns auf dem schwierigen Pfad führen Richtung Klimaneutralität und was uns sonst noch so an Umbrüchen blüht.

Dass man die CDU einholt, redet sich nicht mal Scholz ein. Aber die Grünen? Am Ende wollen die Deutschen keine Novizin, die seit Wochen mit ihrem Lebenslauf und Copy-and-paste beschäftigt ist. Und dafür, rechnet man in Scholz' Lager, reichen schon 20 bis 21 Prozent, das langt für eine Ampelkoalition. Das Kalkül, dass sich die Lücke zwischen Scholz' starken Werten und denen der SPD noch schließt, ist eine vage Hoffnung. Aber sie ist nicht mehr absurd, nichts ist unmöglich.

Erschienen in stern 28/2021

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