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Ach Mensch – Gesellschaftskolumne Keine Chance

Armin Laschet
Im Regen stehen gelassen: Kanzlerkandidat Armin Laschet erfährt nach dem desaströsen Wahlergebnis der Union nur wenig Rückhalt aus den eigenen Reihen
© Michael Kappeler/ / Picture Alliance
Schon erstaunlich, mit welcher Brutalität Armin Laschet zum Sündenbock gemacht wird. Dabei hat er durchaus Respekt verdient.

Niemand weiß, ob Armin Laschet noch der Vorsitzende der CDU sein wird, wenn dieser stern erscheint. Aber unabhängig davon: Die Art und Weise, wie er vor den Augen der deutschen Öffentlichkeit erledigt wurde, lässt alle Regeln des menschlichen Anstands vermissen. Es geht um keine Sache mehr, es geht nur noch darum, welcher der Alphawölfe Merz, Spahn, Röttgen und Söder am Ende die ergraute Meute anführen wird. Das Leittier Laschet trägt inzwischen so viele Bisswunden im Fell, dass sein Ende besiegelt ist.

stern-Chefredakteur Florian Gless
stern-Chefredakteur Florian Gless schreibt hier jede zweite Woche über die Herausforderung, einfach Mensch zu sein
© Carolin Windel/stern

Natürlich hat der Kandidat Fehler gemacht. Aber es ist schon erstaunlich, wie er nun für alles verantwortlich gemacht wird, was der Union in der jüngeren Vergangenheit misslungen ist. Sein Wahlkampf war von Anfang an ein Aufreiben gegen Teile der eigenen Partei. Es lief nicht gut, und dann kam auch noch Pech dazu. Der Mann war völlig abgeschrieben. Und doch hätte er auf den letzten Metern fast noch die SPD eingeholt, wie schon 2017 in Nordrhein-Westfalen. Satte fünf Prozentpunkte hat er in den letzten zwei Wochen vor der Wahl gutgemacht. Es hat nicht gereicht: Die CDU hat verloren.

Nein: Armin Laschet hat verloren. So sieht es die Republik. So sieht es vor allem aber seine eigene Partei.

Niemand spricht über den unfähigen Verkehrsminister Andreas Scheuer. Keine Rede von einer überforderten Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner. Totales Schweigen über eine Bildungsministerin Anja Karliczek. Haben Sie ein Bild vor Augen, wenn Sie diesen Namen lesen?

Jens Spahn tritt mit einer Selbstgewissheit auf, als ob er allein das Virus besiegt hätte, dabei zeugten die vergangenen 18 Monate eher von einem übereitlen Minister, der viel versprach, zu spät lieferte und auch noch schwere Fehler machte, Stichwort Schutzmasken nur in Apotheken, zum Beispiel.

Stille auch über eine unglücklich agierende Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer, deren Interregnum an der CDU-Spitze das Desaster, in dem die Partei sich jetzt nach 16 Jahren unter Angela Merkel befindet, überhaupt erst eingeleitet hatte. Und wer wagt es, die Kanzlerin selbst mal in die Verantwortung zu nehmen?

Fehlender Rückhalt aus den eigenen Reihen

Wolfgang Schäuble hat in der Fraktion gesagt, er habe sich im "falschen Film" geglaubt, als Laschet kurz nach den ersten Prognosen einen Regierungsauftrag für die CDU beanspruchte. War er nicht dabei, als das Wording für diesen Auftritt in der Führungsetage des Konrad-Adenauer-Hauses besprochen wurde? Zu einem Zeitpunkt, als SPD und CDU in der ARD noch nahezu gleichauf lagen und das Ergebnis offen war?

Es ist erstaunlich, wie der sonst so souveräne Kanzlerwahlverein einen der ihren (und bis vor Kurzem ziemlich erfolgreichen Ministerpräsidenten) zum Sündenbock macht. Niemand will ihn zum Kandidaten gewählt haben gegen den in der Parteispitze ungeliebten Bayern. Niemand will mitgeschrieben haben an dem blassen Wahlprogramm, das so gar keine neue Idee lieferte für Deutschlands Zukunft.

Und Laschet? Ich habe mich in den vergangenen Tagen oft gefragt, wie er das aushält. Und warum er nicht längst hingeschmissen hat. Die einzig mögliche Antwort: Er wollte den Laden halbwegs zusammenhalten. Was drohte sonst, wenn die Ampel nichts wird? Und die CDU führungslos und zerstritten völlig unbrauchbar wäre für Jamaika-Verhandlungen?

Eine weitere GroKo wird es nicht geben. Und auf welchem Mandat basieren eigentlich die Fantasien Markus Söders? Nein, Laschet hat staatsbürgerlich gehandelt und dem Land eine Option offenhalten wollen. Zugegeben, eine schwache. Aber immerhin. Dafür hat er meinen Respekt.

Erschienen in stern 41/2021

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