"China Code" Angst vor dem Drachen


Wie stark wird China, das boomende Reich der Mitte, Deutschland verändern? Dieser Frage geht der Wirtschaftsjournalist Frank Sieren in seinem Buch "China Code" nach. stern.de hat die gelungene Analyse gelesen.
Von Matthias Schepp

"Das ist ein Buch, das jeder lesen sollte, dem Deutschlands Zukunft am Herzen liegt." Mit diesem Superlativ preist der Journalist und Bestseller-Autor Peter Scholl-Latour den "China Code", das neue Werk des China-Experten Frank Sieren. Das Buch hat dieses Lob verdient, auch wenn es mitunter den Drachen aus dem Reich der Mitte so groß malt, dass die Angst der Leser vor dem Aufstieg der fernöstlichen Großmacht größer ausfallen dürfte als nötig. So ist zum Beispiel der Marktwert der chinesischen Inlandsbörse gerade mal so hoch wie der des amerikanischen Konzerns General Electric.

Der "China Code" bietet für Einsteiger einen interessanten historischen Überblick vom Boxeraufstand, mit dem die Chinesen gegen die Kolonialmächte rebellierten, über das Tiananmen-Massaker, der Studenten- und Arbeiterrevolte von 1989, bis hin zur Asienkrise Ende der Neunziger Jahre. Vor allem aber provoziert das Buch mit scharfen Thesen, etwa wenn Sieren behauptet, dass der wirtschaftliche Aufstieg Chinas die Welt gerechter mache und auflistet, dass "der Wert deutscher Arbeit durch das niedrige chinesische Lohnniveau neu bemessen werde, oder wenn er erklärt, wie "stabil China und instabil die USA sind".

Innenansichten, die auch für Experten neu sind

Anhand der Jobverlagerung, der wegen der hohen chinesischen Nachfrage explodierenden Rohstoffpreise und des Euro erklärt Sieren, "wie das boomende Reich der Mitte Deutschland verändert", so auch der Untertitel des 425-Seiten dicken Buches.

Sieren schreibt locker, was das Lesen dieses wichtigen Sachbuches an vielen Stellen zum Vergnügen macht. Erfreulicherweise wartet er mit jeder Menge Innenansichten auf, die nicht nur für China-Laien neu sein dürften, sondern auch für den einen oder anderen Experten. Beispielsweise wenn Sieren, seit mehr als zehn Jahren Korrespondent der "Wirtschaftswoche" in Peking, detailliert beschreibt, wie viele Pannen dem deutschen Transrapid-Konsortium beim Bau der Strecke in Shanghai unterliefen: Die sechs automatischen Kabelverlegungsmaschinen funktionierten nicht, die gelieferten Klimaanlagen taugten nicht für das schwül-heiße Shanghai und nur zwei Minuten, nachdem Bundeskanzler Gerhard Schröder und der damalige chinesische Premierminister Zhu Rongji vor den Augen der Weltpresse eine Testfahrt absolviert hatten, blieb der Zug auf offener Strecke stehen. "Erst über ein Jahr später konnte der Transrapid seinen regulären Betrieb aufnehmen. ThyssenKrupp ist verantwortungslos mit deutschen Steuergeldern umgegangen. Der Imageschaden für die deutsche Wirtschaft lässt sich nicht beziffern", schreibt Sieren.

Wie China Eigeninteresse als gemeinnütziges Handeln verkauft

Aufschlussreich auch, wie Premierminister Zhu Rongji, ein Liebling des Westens, eine amerikanische Delegation unter Leitung des Finanzstaatssekretärs Lawrence Summer auf dem Höhepunkt der Asienkrise nicht etwa in Peking empfing, sondern ins chinesische Hinterland einbestellte, in die Provinz Gansu. Zhu, der auf einer Inspektionsreise war, teilte Summers mit, dass China seine Währung nicht abwerten werde. Nach gängiger Meinung brachten die Chinesen ein Opfer, das ihr verantwortungsvolles Handeln gegenüber der Weltgemeinschaft unterstrich. Sieren stellt klar, dass die Regierung in Peking nur aus eigenem Interesse handelte.

An einige Stellen mag Sierens Blick auf China ein wenig zu rosig gehalten sein, zum Beispiel wenn er Shanghai als die "modernste Metropole der Welt" bezeichnet, ganz so als seien Tokio und New York schon abgeschrieben. Das aber ist nicht mehr als ein Schönheitsfehler angesichts des Verdienstes, mit dem Buch eine längst fällige Debatte angestoßen zu haben. Darüber nämlich, wie groß und gefährlich der chinesische Drache wirklich ist und welche Konsequenzen Deutschland aus dem wirtschaftlichen Aufstieg Chinas ziehen soll.


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