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Machtwechsel in Washington "Ich war das Stinktier beim Picknick": Die Corona-Experten Fauci und Birx über ihre Zeit unter Donald Trump

Vor einer US-Flagge sitzt ein weißhaariger Mann im Anzug und lächelt
Sehen Sie im Video: US-Immunologe Anthony Fauci lobt die Corona-Strategie von US-Präsident Joe Biden.






O-Ton Anthony Fauci: "One of the things that we're going to do is to be completely transparent open and honest if things go wrong not point fingers but to correct them and to make everything we do be based on science and evidence."
Der renommierte US-Immunologe Anthony Fauci ist erleichtert, dass er nach dem Abgang von Präsident Donald Trump im Weißen Haus wieder die Fakten für sich sprechen lassen darf.
Bei Trump habe es Momente gegeben, in denen Dinge kommuniziert wurden, die nicht auf wissenschaftlichen Fakten basierten. Als ein Beispiel nannte er Trumps anhaltendes Werben für das Malaria-Mittel Hydroxychloroquin als Corona-Medikament. Dessen Wirksamkeit war aber nicht belegt.
"It was very clear that there were things that were said, regarding things like Hydroxychloroquin and another things like that. That was uncomfortable, because it was not based on facts."
Der 80-jährige Fauci ist Leiter des Nationalen Instituts für Infektionskrankheiten. Weil er sich auch nicht scheute, Trump zu widersprechen, wurde er über längere Zeit nicht mehr ins Weiße Haus eingeladen, um dort öffentlich über den Stand der Corona-Pandemie zu sprechen.
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In Washington wird die Zeit zurückgedreht: Mit Anthony Fauci kehrt einer der führenden Epidemiologen zurück ins Weiße Haus. Über seine Zeit an der Seite von Donald Trump verliert er kein gutes Wort - ebenso wie seine Kollegin Deborah Birx.

Mit 420.000 Corona-Toten und 25 Millionen Infizierten stehen die USA weit oben auf der Liste der am stärksten von der Pandemie betroffenen Regionen. Mitschuldig an der hohen Opferzahl ist nach Ansicht des renommierten US-Experten Anthony Fauci die abgewählte Regierung von Donald Trump. Deren Unaufrichtigkeit habe "sehr wahrscheinlich Leben gekostet", so der Infektiologe, der in mehreren Interviews über seine Zeit als oberster Pandemieberater des Weißen Hauses gesprochen hat – ebenso wie seine Kollegin Deborah Birx.

Bei CBS sagte die Covid-19-Taskforce-Chefin, dass sie trotz ihrer herausgehobenen Position fast nie mit Präsident Trump habe sprechen können. Dem wurden ohne ihr Wissen "alternative und irreführende Daten" von "außenstehenden Beratern" vorgelegt. "Ich habe gesehen, wie der Präsident Grafiken präsentiert hat, die nicht von mir stammten", so Birx in der Sendung "Face the Nation".

Donald Trumps Sicht auf die Corona-Zahlen

Im Sommer vergangenen Jahres machten Ausschnitte eines Gesprächs von Donald Trump mit dem Reporter Jonathan Swan die Runde. Angesprochen auf die desaströse Corona-Bilanz präsentierte der US-Präsident dem Journalisten von "Axios" seine eigenen Charts, in denen aufgeführt war, wie viele Corona-Erkrankte gestorben sind. Vergleicht man Tote pro Infektion, sinkt die Sterberate automatisch mit einer hohen Zahl an Infizierten – so berechnet fallen die Zahlen in den USA entsprechend gut aus. International üblich ist es dagegen, die Zahl der Toten prozentual auf die gesamte Bevölkerung zu beziehen. In der Statistik aber lagen und liegen die USA ziemlich weit hinten.

Ob die Zahlen und Daten, die dem US-Staatschef vorgelegt wurden, absichtlich falsch waren oder der Desinformation dienen sollten, konnte oder wollte Deborah Birx allerdings nicht sagen. Ihre Interview-Äußerungen stoßen allerdings auf Kritik: Die britische Ärztin und Corona-Expertin Seema Yasmin etwa warf der Kollegin vor, die Öffentlichkeit zu spät über ihre Bedenken informiert zu haben. "Ich habe den Eindruck, sie geht auf eine Entschuldigungstour. Aber wo waren ihre Zweifel, als sie die Position und die Plattform hatte, ehrlich zu den Menschen zu sein?". Die Reporterin der "New York Times", Maggie Haberman, schrieb auf Twitter, Birx habe oft Interviews abgelehnt und schien früher im Gleichschritt mit Trump marschiert zu sein.

Jemand musste dem Unsinn Einhalt gebieten

Auch Fauci äußerte sich über die frühere Taskforce-Chefin: Die Situation müsse für sie "deutlich schmerzhafter gewesen sein, weil sie viel engere Verbindungen zum Weißen Haus hatte", so der Mediziner in der "New York Times." Ihn selbst dagegen habe Trump manchmal angerufen, um "seiner Enttäuschung Ausdruck zu verleihen, dass ich nicht positiver sei". Der Präsident umgab sich "mit Leuten, die Dinge sagten, die wissenschaftlich keinen Sinn ergaben". Wie zum Beispiel Trumps Werben für das Malaria-Mittel Hydroxychloroquin als Corona-Medikament, obwohl dessen Wirksamkeit nicht belegt war. "Das war wirklich unangenehm, weil dies nicht auf wissenschaftlichen Fakten beruhte", sagte Fauci.

Seine Position aufgeben wollte Anthony Fauci deshalb aber nicht: "Ich war das Stinktier beim Picknick, aber ich wäre nicht mehr beim Picknick, wenn ich es verlassen hätte. Ich mag zwar nicht sehr effektiv darin gewesen sei, die vorherrschenden Meinungen zu ändern, aber mir war es wichtig zu zeigen, dass der ganze Unsinn, den sie verbreitet haben, nicht auch noch meinen Segen hatte." Seine häufigen Widerworte führten dazu, dass der Experte zuletzt nicht mehr ins Weiße Haus eingeladen wurde. Dass er als Berater unter dem neuen Präsidenten Joe Biden wieder die Wissenschaft für sich sprechen lassen könne, sei ein "befreiendes Gefühl", so der Leiter des Nationalen Instituts für Infektionskrankheiten.

Deborah Birx Anthony Fauci
Deborah Birx und Anthony Fauci im Mai 2020 im Weißen Haus
© Mandel Ngan / AFP

Wird es in den USA genug Impfstoffe geben? 

Biden hat versprochen, dem Kampf gegen die Pandemie Priorität einzuräumen und vor einigen Tagen einen rund 200 Seiten langen Aktionsplan vorgestellt. Ein Ziel der US-Regierung ist es, den schleppenden Anlauf der Impfkampagne zu korrigieren. Der designierte Gesundheitsminister Xavier Becerra hat den einzelnen Bundesstaaten dazu mehr Unterstützung aus Washington versprochen. "Man kann den Bundesstaaten nicht einfach sagen: Hier ist der Impfstoff, hier sind Masken, jetzt legt los", wie Becerra jetzt sagte. Trump hatte sich zwar darum gekümmert, die Impfstoffe im Land zu verteilen - den Rest aber den Bundesstaaten überlassen. Zweifel gibt es zudem daran, dass es bis zum Sommer die versprochenen Impfstoffe für alle geben wird. Bisher wurden rund 20 Millionen von mehr als 300 Millionen Amerikanern geimpft, nur gut drei Millionen von ihnen bekamen bereits beide Impfdosen.

Biden spricht davon, in den ersten 100 Tagen seiner Amtszeit 100 Millionen Impfdosen verabreichen zu lassen. Die Zahl wurde zum Teil als nicht ambitioniert genug kritisiert, nachdem die Trump-Regierung ein schnelleres Tempo versprochen hatte. Corona-Experte Fauci sagte dazu, dass dies ein Mindestziel sei, dass übertroffen werden könnte. "Das ist der Boden, nicht die Decke." Zudem prognostiziert er, dass es in den USA im Herbst eine gewisse Rückkehr zur Normalität geben könne, sofern es gelinge, bis dahin einen Großteil der Bevölkerung zu impfen.

Quellen: "Politico", CBS News, Johns-Hopkins-Universität, CNN, "The Guardian", DPA, AFP, "New York Times"

nik / tkr

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