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Tod von George Floyd Aus für "Live PD" und "Cops": Wie Polizei-Reality-Shows den Rassismus in den USA befeuern

Live PD
Typische Szene aus "Live PD": Schwarzer Mann wird vom weißen Mann verhaftet
© Screenshot/Youtube/Live PD / stern
"Live PD" und "Cops" sind Geschichte. Die US-Polizei-Reality-Shows wurden (nicht nur) wegen des Todes von George Floyd eingestellt. Es ist nicht schade drum, denn sie waren eine pausenlose Bestätigung sämtlicher Vorurteile gegen Schwarze.

Es ist selten, dass die Einsätze so drollig verlaufen, wie bei diesem jungen Typen aus der Nähe von Austin, Texas. Wegen eines ungültigen Nummernschilds wird der Teenager von der Polizei angehalten, er ist bekifft, aber mehr als kooperationswillig: Ohne Umschweife überreicht er sein Grastütchen und räumt ein, keinen Führerschein zu haben. Wurde ihm wegen einer Drogengeschichte abgenommen. Die beiden Beamten sind von der Offenheit des Jungen so entzückt, dass sie ihn ein Bußgeld verpassen und nach Hause schicken.

Es ist selten, dass bei "Live PD" Leute mit dunkler Hautfarbe so gut wegkommen. Denn dort hat das Verbrechen ein Gesicht und das ist schwarz.

"Live PD" ist eine Reality-Show im US-Fernsehen, die landesweit echte Polizisten bei echten Einsätzen begleitet. Solche Sendungen gibt es auch hier zu Hauf, doch wer sie in den USA länger als eine halbe Stunde anschaut, wundert sich hinterher weder über Alltagsrassismus im Allgemeinen noch über den unter Polizisten im Besonderen. Dabei sind gezeigten Einsätze eher banal: Es geht um Familienstreitereien, um betrunkene Autofahrer, um Ladendiebstahl. Drogen sind häufig im Spiel, geschossen wird selten, es gibt manchmal Verfolgungsjagden. Warum und um wen sich die Polizei auch immer gerade kümmert: auffallend viele sind schwarz.

Javier Ambler wurde zu Tode getasert

So wie Javier Ambler, ebenfalls aus Austin, Texas. Im März vergangenen Jahres floh damals 40-Jährige vor einer Polizeikontrolle, ergab sich nach 20 Minuten schließlich mit erhobenen Händen. Die Beamten richteten ihre Taser auf den Mann und drückten mehrfach ab, auch dann noch, als er schon längst am Boden war. Wie auch der in Minneapolis von Polizisten getötete George Floyd wurde Ambler "pinned" wie es im Englischen heißt, also brutal niedergedrückt. Auf einem Mitschnitt des Geschehens soll zu hören sein, wie Ambler sagt, dass er keine Luft bekomme und an einer Herzinsuffizienz leide. Das berichten US-Medien. Ein Polizist sagt: "Ich glaube, ich habe ihm gerade den Finger gebrochen." Javier Ambler stirbt noch vor Ort. Mit der Kamera dabei war "Live PD" und nun wurde bekannt, dass die Produzenten die Bilder vom Sterben Amblers gelöscht haben.

Der Sender A&E auf dem "Live PD" läuft, sagte, das nie gesendete Material "des tragischen Todes von Javier Ambler" sei nach einer Untersuchung durch die Polizei vernichtet worden. Das klingt nicht danach, als habe irgendjemand gesteigertes Interesse an einem transparenten Umgang mit dem Fall. Im gleichen Atemzug gab A&E bekannt, dass die Show ab sofort eingestellt werde. Bereits am Tag zuvor war bereits das Aus für "Cops" verkündet worden, gleichsam die Mutter derartiger Shows. Sie lief seit 1989 auf Fox und seit einigen Jahren auch in Deutschland auf dem Spartensender Dmax. 

Screenshot zeigt Ausschnitt aus von der Polizei veröffentlichten Videos der Festnahme von Derrick Scott

"Live PD": pausenlos Vorurteile in Echtzeit

"'Live PD ist wie 'Cops' auf Steroiden, aber schlechter", schrieb Fernsehkritiker Josh McBee nach dem Start der Serie. "Moderator Dan Abrams steht im Studio mit zwei Ex-Polizisten, die das Geschehene wie ein Sportereignis kommentieren. Doch die Zurschaustellung vom Vertrauenszerfall zwischen städtischen Gemeinden und lokalen Strafverfolgungsbehörden hilft niemandem und sollte nicht zur Unterhaltung dienen", so McBee. Man könnte auch sagen, "Live PD" bestätigt in Echtzeit und pausenlos sämtliche Vorurteile, die vor allem im ländlichen, weißen, Amerika verbreitet sind: In den Städten, wo die meisten Schwarzen wohnen und die von Demokraten regiert werden, herrscht in Wahrheit das pure Verbrechen. Die Guten, das sind die Cops.

In Hamburg gingen 14.000 Menschen auf die Straße, um gegen Rassismus zu demonstrieren.

Afroamerikaner stellen je nach Region ungefähr 13 bis 20 Prozent der US-Bevölkerung. Doch im Durchschnitt verdienen sie schlechter und werden auch schneller arbeitslos als Weiße. Afroamerikaner gehen seltener auf Universitäten und landen eher im Gefängnis. 2019 sind USA-weit 1100 Menschen durch Polizeigewalt ums Leben gekommen, davon waren 24 Prozent Schwarze. Anders gesagt: Fast jeden Tag stirbt ein Afroamerikaner durch die Waffe eines Polizisten. Wer in den USA schwarz ist, landet nicht automatisch auf der Verliererstraße, doch die Chance dafür ist groß. Dass sich die Wut darüber auf den Straßen entlädt, wie jetzt wieder nach dem gewaltsamen Tod von George Floyd, war nur eine Frage der Zeit.

Jeder ist seines Glückes Schmied?

Über die Gründe für die verhältnismäßig weit verbreitete Kriminalität unter Schwarzen wird viel debattiert. Die Armut gehört sicher dazu, das fehlende soziale Netz, die überall erhältlichen Waffen, die sehr wettbewerbsorientierte Gesellschaft bei für Afroamerikaner schlechterer Ausgangslage. Für Hartherzige ist die Situation einfacher, sie predigen schlicht das amerikanischte aller Mantras: Jeder ist seines Glückes Schmied. Und wer nicht mithalten kann, ist eben selber Schuld. Sendungen wie "Live PD" liefern dazu die Bilder, die den Zirkelschluss des Alltagsrassismus bestätigen.

Quellen: NBC News, ZDF, Nondoc.com, "Tagesspiegel", Live PD, USA Today, Humboldt Foundation


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