HOME

100. Geburtstag: Der Kult um Ronald Reagan

Amerika huldigt einem Mann, der zu seiner Amtszeit auch Hassfigur war: Ronald Reagan, Schauspieler, Präsident, Star-Wars-Krieger. Spurensuche in einem verunsicherten Land, das sich wieder nach einem Held sehnt.

Von Sabine Muscat, Tampico

Wer mitten im Winter den Spuren von Ronald Reagan folgt, braucht Allradantrieb. Das flache Farmland von Illinois und der tiefe Himmel verschwimmen im Schneegestöber zu einer milchig weißen Fläche, der Mittelstreifen der schnurgeraden Landstraße lässt sich nur noch erahnen. Kurz vor der Ortseinfahrt von Tampico unterbricht eine elektrische Leuchttafel die Monotonie. "Reagan Centennial" flackert es gelblich grün.

Im Deer Valley Golf Club stieg an diesem Freitag eine große Gala zu Ehren des ehemaligen US-Präsidenten. Vor 100 Jahren, am 6. Februar 1911, wurde er hier in Tampico geboren. Als Festredner trat Newt Gingrich auf, der Republikaner und frühere Sprecher des Repräsentantenhauses. Nur zu gern würde er in Reagans Fußstapfen treten, es heißt, er wolle sich bald offiziell als Präsidentschaftskandidat für das Jahr 2012 bewerben. Der Glanz des alten Helden Reagan soll nun auf ihn abstrahlen.

Ganz ähnlich kalkulieren die Präsidentschaftsanwärter Mitt Romney und Sarah Palin, die sehr unterschiedliche Weltanschauungen haben, aber beide Reagan als ihr großes Vorbild bezeichnen. Und sogar der demokratische Präsident Barack Obama , der etwas verblasste Held der Gegenwart, ist voll der Bewunderung. Im Weihnachtsurlaub studierte er Reagans Biografie, in einem Essay schwärmte er vergangene Woche von dessen "Führungsrolle in der Welt" und von seiner "Begabung, seine Vision von Amerika zu kommunizieren".

Spitzname "Gipper"

Die USA sind im Reagan-Taumel. Amerika feiert den "Gipper", wie er in Anlehnung an eine seiner Filmrollen genannt wird, als Ideal eines Präsidenten, stilisiert zur Lichtgestalt aus einer goldenen Zeit. Dass jeder mit Reagan etwas anderes verbindet, ist dabei egal.

Es ist ein wunderliches Comeback. Ronald Wilson Reagan, von 1981 bis 1989 der 40. Präsident des Landes, gestorben 2004, war in seiner Amtszeit keineswegs unumstritten. In den 90ern war er bei den Amerikanern sogar verpönt, heute zählt er zu den beliebtesten Präsidenten der Geschichte, so wie Franklin D. Roosevelt oder John F. Kennedy.

Seine Wurzeln hat dieser Mythos im Mittleren Westen, wo das Leben langsamer ist und wo nach verbreiteter Ansicht das Herz Amerikas schlägt. Vielleicht findet sich hier eine Antwort auf die Frage, warum Reagan die kollektive Phantasie der Amerikaner so beflügelt.

Die Saga des einfachen Jungen

Joan Johnson steht fröstelnd auf der Main Street, in der Hand hält sie den Schlüssel zu Haus Nummer 111, Reagans Geburtshaus. "Hoffentlich macht das Wetter mit", sagt sie in Erwartung des großen Festes. Johnson ist 72 Jahre alt, ihr rosa Sweatshirt ziert das Logo des Reagan-Hauses. Ihr ganzes Leben lebt sie in Tampico. Früher arbeitete sie in einer Bank, heute führt sie ehrenamtlich Besucher durch das Haus, 2500 aus 26 Ländern waren es 2010, dieses Jahr rechnet sie mit mehr. Sie hütet das Erbe Reagans - mit der Sorgfalt einer Buchhalterin.

Johnson bewundert diesen Mann. 1950 hat sie ihm mal vom Straßenrand aus zugewinkt, als der Schauspieler an einer Parade teilnahm. "Das war aufregend", erzählt sie. Später hat sie ihn ab und zu hier im Haus gesehen.

Die alte Frau führt die Besucher durch die niedrigen Zimmerchen im zweiten Stock des Hauses, in dem es damals zwar schon Strom, aber noch kein fließendes Wasser gab. Immer wieder erzählt sie Reagans Geschichte. Vom kleinen Ronald, der mit seinem Bruder Neil auf dem Dach der Eisenbahn ins nächstgrößere Städtchen Dixon tuckerte. Vom Filmstar, vom Gouverneur in Kalifornien, vom Präsidenten. Es ist die Saga des einfachen Jungen, dessen Vater nicht mehr als 1 Dollar am Tag verdiente und der es selbst bis ganz nach oben schaffte - der Inbegriff des amerikanischen Traums

Tampico, eine Pilgerstätte

Stolz zieht Johnson das Heft mit den Sonderbriefmarken aus einer Schublade, die in Tampico ausgegeben werden sollen. Darauf ist das berühmte Foto von dem Regenbogen zu sehen, der sich am 3. November 1980 über diesem Haus wölbte. Einen Tag später gewann Reagan die Präsidentschaftswahl mit einem Erdrutschsieg.

Am Ende der Führung zeigt Johnson ihren Lieblingsplatz: das Schiebefenster, das die Wohnung mit der Nachbarwohnung verbindet. Wenn Mutter Reagan damals einen Babysitter brauchte, reichte sie ihre Söhne einfach auf die andere Seite. Als Reagan 1992 zum letzten Mal hier war, kletterte er zum Entzücken Johnsons durch dieses Fenster in seine Jugend.

Tampico ist im Lauf der Jahre zu einer quasi-religiösen Pilgerstätte geworden. "Vor allem die Ausländer sind so beeindruckt von den Dingen, die Reagan für ihre Länder getan hat", erzählt Johnson. Am letzten Nationalfeiertag habe ein Mann aus Ungarn ein handgeschriebenes Schild vor die Tür gelegt, um sich bei Reagan für das Ende der Spaltung Europas zu bedanken. Ja, ein toller Staatsmann sei Reagan gewesen, sagt Johnson, sie habe sich bei ihm so sicher gefühlt. "Manchmal wünschte ich, ich könnte mich umdrehen und in diese Zeit zurückkehren."

Sehnsucht nach einfachen Wahrheiten

So geht es vielen. Die einst stolze Nation ist verunsichert durch die Wirtschaftskrise, durch den Krieg im Irak, durch die neue Weltmacht China. Der American Dream erscheint längst nicht mehr selbstverständlich, die Gewissheit ewiger Überlegenheit ist gewichen.

Reagan dagegen steht für eine Zeit, in der die USA auf dem Gipfel ihrer Macht und mit sich im Reinen waren. Für eine Zeit, in der die Rollen von Gut (die Amerikaner) und Böse (die Kommunisten, vor allem die Sowjetunion, deren verrottetes Wirtschaftssystem an den Klippen des Kapitalismus zerschellte) so klar verteilt waren wie in den Hollywood-Filmen, in denen der junge Reagan mitspielte.

Für die Nachwelt scheint sein Erbe zu drei unumstößlichen Wahrheiten gefroren: Reagan entfesselte die marktwirtschaftliche Energie des Landes und brachte die Amerikaner nach der Krise der 70er-Jahre zurück in Lohn und Brot. Reagan zwang die Sowjetunion in die Knie und führte den Kalten Krieg zu einem friedlichen Ende. Und Reagan überwand ideologische Gräben durch Charisma - und leitete so ein konservatives Zeitalter ein.

Vergeblich schimpfen linke Kritiker gegen diese Nostalgie an. Dass der Reagan-Kult von den Republikanern geschürt und instrumentalisiert wird. Dass Reagans Politik falsch verstanden wird. Dass die Reaganomics, diese Mischung aus Steuersenkungen, Deregulierung und steigenden Defiziten, langfristig eher Fluch als Segen für das Land waren, ebenso wie Reagans Anbiederei an die christliche Rechte.

"Pray for Berlin"

Reagan ist Kult.

James Burke hat Reagan einst gewählt. Burke, ein Mann mit wohlgezogenem Scheitel, ist Demokrat. Er ist der Bürgermeister von Dixon, dem 16.000-Einwohner-Nest unweit von Tampico. Er sieht sich nicht als "Reagan Democrat", wie in den 80er-Jahren die konservativen Demokraten genannt wurden, die zu Reagan überliefen. Er habe Reagan gewählt, weil der hierherzog, als er zehn war, und weil er seine Wurzeln in Dixon nie vergessen habe. Und "weil er so ein anständiger Mensch war", sagt Burke. Klar, die gewerkschaftsfeindliche Wirtschaftspolitik habe ihm als Demokraten nicht gefallen. "Aber es gibt Zeiten, in denen man die Politik hintanstellt, um eine Person zu wählen statt eine Partei oder eine Ideologie", sagt er. In seinem Büro hängt ein Foto von Reagan mit seiner Frau Nancy. Burke mag es.

Im Zentrum seines Städtchens steht die originalgroße Kopie eines Mauerstücks aus Berlin. "Freiheit" steht auf den Platten und: "Pray for Berlin". Burke hat großen Respekt vor der außenpolitischen Leistung Reagans. "Herr Gorbatschow, reißen Sie diese Mauer nieder!", hatte der im Juni 1987 vor dem Brandenburger Tor in Berlin gerufen - eines seiner berühmtesten Zitate. Gut zwei Jahre später war die Mauer weg. Und unten, am Flussufer, steht eine Statue von Reagan. Der Präsident als bronzener Reiter, hoch zu Pferde, den Blick fest auf das Gebäude, in dem heute die örtliche Demokratische Partei ihren Sitz hat. "Als wollte er im Blick behalten, was bei uns passiert", sagt Burke und muss ein bisschen grinsen dabei.

Das Andenken an den Staatsmann erlaubt es Burke und anderen Demokraten, die Parteigrenzen, die dieses Land heute so grundlegend trennen, wenigstens im Geiste zu überwinden. Es ist auch die Sehnsucht nach etwas mehr Menschlichkeit in der Politik, die Reagan selbst für politische Gegner in einem so milden Glanz erscheinen lässt. "Er verstand, dass wir alle Patrioten sind, die das Wohlergehen unserer Mitbürger über alles andere stellen, auch wenn wir die Welt verschieden sehen und unterschiedliche Meinungen darüber haben, was das Beste für unser Land ist", schreibt Obama über seinen Vorvorvorvorgänger. Nach 18 Uhr könnte man ja Freunde sein, hatte Reagan einmal über seinen ärgsten politischen Gegenspieler gesagt. Heute würde so etwas keiner sagen.

Eine Serie von Reagan-Huldigungen

In den Kleinstädten des Mittleren Westens hat diese gelassene Haltung bis heute überlebt. Jerry Mitchell ist republikanischer Abgeordneter im Parlament von Illinois und sieht sich als bodenständigen Republikaner in Reagans Tradition. Der 68-Jährige empfängt Besucher in seinem muffigen Wahlkreisbüro in einem Vorort von Dixon, an der Wand lehnt ein Straßenschild vom Ronald Reagan Memorial Highway, hinter seinem Schreibtisch löst sich die Tapete. Im Parlament hat sich Mitchell kürzlich gegen die Steuererhöhung gestemmt, die die demokratische Mehrheit durchgedrückt hat. Dabei liegt es ihm fern, die andere Seite zu dämonisieren.

Mitchell trägt ein dunkelbraunes Stricksakko und spricht in Plauderton. Er wirkt wie jemand, den nichts aus der Ruhe bringen kann. Doch wenn die Rede auf das Reagan-Jubiläumsjahr kommt, reagiert er wie elektrisiert. Mitchell leitet die Kommission, die die 100-Jahr-Feiern in Illinois organisiert. Für ihn ist das eine Ehre, "eine der aufregendsten Sachen, die ich in meinen 17 Jahren als Abgeordneter gemacht habe".

Die Gala in Tampico soll nur der Auftakt für eine Serie von Konzerten, Konferenzen und Ausstellungen sein, die er gerade plant. Im Sommer soll Reagans Sohn Michael den ersten Ball bei einem Baseballspiel der Chicago Cubs werfen. Mitchell hat viel zu tun. Und bei aller Bescheidenheit: Er ist überzeugt, dass Reagans Erbe bei ihm in den richtigen Händen liegt.

Was hätte er mit Sarah Palin zu tun?

"Reagan und ich haben so viel gemeinsam", sagt er. Wie Reagan studierte auch Mitchell am College in Eureka, er hatte dort sogar denselben Footballcoach. Wie er war er während seiner Militärzeit Rettungsschwimmer - "mit dem Unterschied, dass Reagan im Lowell Park 77 Menschen das Leben rettete, während meine größte Heldentat war, die Frau eines Offiziers zu rügen, weil sie keine Badekappe trug".

Wie Reagan kam auch der frühere Lehrer Mitchell erst spät zur Politik. Und wie Reagan ist auch er in einer Familie überzeugter Demokraten aufgewachsen, bevor er umschwenkte. Das schütze vor ideologischer Starrheit, glaubt Mitchell.

So ist er zum Beispiel überzeugt davon, dass Reagan, der in seinem späteren Leben an Alzheimer erkrankte, ein Fan der Stammzellforschung gewesen wäre - auch wenn die Forschung an Zellen, die aus menschlichen Embryonen gewonnen werden, für die christliche Rechte in der republikanischen Partei ein absolutes Tabu ist. Überhaupt bei Themen wie Bildung oder Wissenschaft wäre Reagan wohl eher der Meinung Obamas als der der Fundamentalisten aus seiner Partei, sagt Mitchell. Er sei daher nicht sicher, ob ausgerechnet die Populistin Sarah Palin , die Ikone der rechten Tea-Party-Bewegung, das Erbe Reagans beanspruchen sollte. "Ich denke nicht, dass Reagan sich unter Republikanern vom Schlag der Tea Party wohlgefühlt hätte", sagt er.

Vertreter der reinen Marktwirtschaft

Doch Reagan gehört in diesem Jahr allen - und jeder macht sich sein eigenes Bild von ihm. Die Nationalistin Palin hatte von Mitchell auch eine Einladung zur 100-Jahr-Feier nach Tampico bekommen, doch sie fährt lieber auf die etwas glamourösere Gala auf Reagans Ranch in Kalifornien, wo sie als Stargast auftreten wird. Für sie war Reagan der Mann, der "einen Spiegel vor die amerikanische Seele gehalten hat, um uns an unsere Einzigartigkeit in der Welt zu erinnern".

Für ihren mutmaßlichen Konkurrenten um die republikanische Präsidentschaftskandidatur, den Ex-Manager Mitt Romney, war Reagan dagegen der Vertreter der reinen marktwirtschaftlichen Lehre, der "sah, dass die Regierung zu einem kranken Herzen geworden war, vergrößert und verkalkt". Und für Obama, der selbst gern als überparteilicher Präsident in die Geschichte eingehen würde, war Reagan der "große Kommunikator", der die Fähigkeit besaß, "andere zu großen Taten zu inspirieren".

Für Jerry Mitchell war Reagan in erster Linie eines: unersetzbar. "Ich sehe keinen Reagan-Typ unter den Kandidaten", sagt er. "Aber ich suche auch nicht nach einem neuen Reagan. Denn ich glaube nicht, dass ich einen finden würde."

FTD