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Mordanschlag von Tucson: Staatsfrau Palin dreht den Spieß um

Amerika streitet darüber, ob Rechten-Ikone Sarah Palin mit ihrer Hetze den Boden für den Anschlag von Tucson bereitet hat. Mit einem gespenstischen Auftritt hat sie sich nun zu Wort gemeldet.

Von Florian Güßgen

Trägt sie eine Mitschuld an dem Attentat von Tucson? Steht Sarah Palin stellvertretend für all die zeternden, hetzenden, Radio- und Fernsehmoderatoren, für eine vergiftete politische Rhetorik - für all das also, was den kulturellen Boden dafür bereitet haben könnte, dass Jared Lee Loughner am Samstag sechs Menschen tötete und 14 verletzte, darunter die demokratische Kongressabgeordnete Gabrielle Giffords? Auf Twitter. Auf Facebook. Amerika diskutierte, einmal mehr, über die Methoden, die Rolle und die Bedeutung der streitbaren Frau aus Alaska, der ehemaligen Vizepräsidentschaftskandidaten. Vor den Kongresswahlen hatte Palin eine Karte veröffentlich, auf der auch Giffords Wahlkreis mit einem Fadenkreuz markiert war. Die Wut kochte hoch, Palin aber schwieg. Nur Glenn Beck, Moderator von "Fox News", dem TV-Sender, der zum Sprachrohr der Rechten verkommen ist, zitierte kurz aus einem Emailwechsel mit ihr, laut dem sie "Gewalt hasst."

Doch nun, vier Tage nach dem Anschlag von Tucson, hat sie sich geäußert. Und wie. Nur wenige Stunden, bevor US-Präsident Barack Obama an einer Trauerfeier in dem Ort teilnimmt, hat sich Palin mit einer fast acht Minuten langen Videobotschaft zu Wort gemeldet. Titel: "Amerikas anhaltende Stärke (America's enduring strength)." Es ist ein staatsmännischer Auftritt. Im blauen Blazer, vor einem Kamin, eingerahmt von einer US-Flagge geht Palin mit ungewohnt geschliffener, doch im Kern gewohnt beinharter Argumentation zum Gegenangriff über.

"Ich habe zunächst mit Erstaunen, dann mit Sorge und jetzt mit Trauer den Aussagen zugehört, in denen versucht worden ist, die Schuld für dieses schreckliche Ereignis zu verteilen." Nicht die Gesellschaft sei für Verbrechen verantwortlich, sagte sie, sondern die einzelnen Verbrecher, die Individuen. Dabei zitierte sie den verstorbenen US-Präsidenten Ronald Reagan, auch eine Ikone der Erzkonservativen. Monströse, kriminelle Taten stünden für sich selbst, sagte Palin. "Sie beginnen und enden mit den Kriminellen, die die Taten begehen, nicht kollektiv mit all den Bürgern des Staates." Es war ein geradezu elegantes Argument: Palin wies damit nicht nur die Mitverantwortung an der Tat zurück, sondern rühmte im selben Atemzug erzliberalel Gedankengut, das sich auch in ihrer Gefolgschaft wiederfindet. Es sei Zeit, wieder zu der amerikanischen Maxime zurückzukehren, dass jedes Individuum für seine Taten verantwortlich sei, sagte Palin. Schiebt nicht immer alles auf die anderen, lautete die Botschaft. Es seien weder die Menschen, die Talkradio hörten, noch Politiker aus beiden Parteien, die Karten benutzten, um Staaten zu markieren, die politisch auf der Kippe stünden, die für die Taten verantwortlich seien, sagte Palin - und spielte damit die Bedeutung ihrer eigenen Fadenkreuz-Karte herunter.

Und dann drehte Palin den Spieß um: Harte, leidenschaftliche Auseinandersetzungen gehörten zum Wahlkampf, das mache Amerika ja gerade aus, sagte sie mehrfach. Aber es seien "Journalisten und Experten" gewesen, die binnen Stunden nach der Tragödie von Arizona eine "Blutanklage" ("Blood Libel") hervorgebracht hätten - und damit genau jenen Hass entfacht hätten, den sie vorgaben zu verdammen. Eine "Blutanklage" ist ein Vorwurf, der vor allem im Mittelalter immer wieder gegenüber verfolgten Minderheiten, vor allem gegenüber Juden, erhoben wurde. Palin stellte mit diesem Begriff ihre Gefolgschaft als Gralshüter amerikanischer Werte dar, die von bösen Meinungsmachern verfolgt würden. Diese "Blutanklage" sei "verwerflich", sagte Palin.

Überhaupt diese Hetzer der anderen Seite. Die hätten nicht verstanden, dass sie Wählerstimmen meine, wenn sie von "Waffen" rede, dass es ihr immer um friedliche Beilegung politischen Streits gehe, niemals um Gewalt, sagte Palin. Und: Ihre Kritiker hätten Amerika nicht begriffen. "Die öffentliche Auseinandersetzung und die Debatte ist kein Zeichen einer Krise", sagte Palin,"sondern unserer anhaltenden Stärke. Genau das ist es, was Amerika außergewöhnlich macht", sagte die 46-Jährige. Sie lasse sich nicht davon abhalten, die Größe Amerikas und seine grundlegenden Freiheit zu feiern von jenen, die die Größe des Landes verlachten, indem sie gegenüber anderen Meinungen intolerant seien und versuchten, Dissenz mit schrillen Schreien von Beleidigungen zu verunglimpfen." Da wurde die Republikanerin richtig wütend.

Ein gespenstisch-staatsmännisches Video

Aus Palins Sicht war das ein gelungener Auftritt, ein Coup sogar. Denn in den politischen Zirkeln Amerikas geht es bei der Handhabung des Attentats von Arizona längst auch um die Vorherrschaft bei den Republikanern, um die Positionierung verschiedener Kandidaten für die Präsidentschaftskandidatur im Jahr 2012. Palin, als Ikone der Tea Party Bewegung, ist da immer irgendwie im Rennen, wenn auch nie ganz klar ist, ob sie es trotz diverser skurriler Ausflüge ins Show-Business, etwa mit einer Reality-Show, schafft, seriös und glaubhaft zu wirken, vor allem für gemäßigtere Wähler der Republikaner. Mit einer falschen Akzentuierung nach der Tragödie von Arizona hätte sie hier viel Kapital verspielen können. Dieses gespenstisch-staatsmännische Video zeigt zumindest, dass Palin und ihre Spin-Doktoren durchaus politische Vollprofis sind.