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"Die Welt verstehen" - stern-Reporter erklären : Sind die Taliban mächtiger denn je?

Der Westen hat 14 Jahre in Afghanistan gekämpft - erfolglos, wie sich zeigt. Die Taliban haben wieder weite Teile des Landes unter Kontrolle. Im Unterschied zu früher geht es ihnen um etwas anderes als um die Vorherrschaft im Staat.

Von Joachim Rienhardt

Taliban in Afgahnistan

Die Taliban halten Afghanistan in Unruhe - wovon sie profitieren

Ist Afghanistan wieder in der Hand der Taliban? Das sicher nicht. Aber sie befinden sich gerade in einer Offensive vom Süden und Norden her, haben weite des Landes unter Kontrolle und legen mit ihrem Terror ganze Distrikte lahm. Das macht weite Teile Afghanistans zu einem äußerst unsicheren Land, in dem es keine Möglichkeit für Frieden und Entwicklung gibt.

Heute haben die Taliban geschätzt nur etwas mehr als 10.000 Mann unter Waffen. Aber damit sind sie deutlich mächtiger als noch kurz nach dem Einmarsch der Amerikaner. Der Krieg am Hindukusch drängte die Taliban zwar zurück, doch besiegt wurden sie nicht, wie die USA dachten. Ein großer Fehler, zumal die Amerikaner es versäumt hatten, die Taliban zu Friedensverhandlungen zu bitten. Sie dachten, das wäre nach ersten militärischen Erfolgen nicht mehr nötig.

"Sie haben die Uhren, wir die Zeit"

Das war eine hochnäsige, arrogante und vollkommene Verkennung der lokalen Umstände. Die Taliban wussten immer, dass die internationalen Truppen nicht ewig vor Ort bleiben würden. Ihr Chef gab damals bereits die Losung aus: "Die haben die Uhren. Wir haben die Zeit." Den Rückzug der ausländischen Truppen nutzen sie nun, um nach und nach wieder vorzurücken. Der gravierende Unterschied von damals zu heute ist: Damals gab es eine klare Frontlinie. Heute findet der Krieg und das Gemetzel im gesamten Land statt. Auch die Truppen von al Kaida sind inzwischen wieder auf dem Vormarsch. Oft kämpfen sie mit Taliban in Kommandoeinheit. Dass nun auch noch die Truppen des Islamischen Staats beim Kampf um Dörfer mitmischen, macht die Lage noch brenzliger. So unruhig ist die Lage, dass vor allem auf dem Land immer häufiger zu hören ist, früher sei alles besser gewesen. Früher, als die Taliban noch für Recht und Ordnung sorgten. Als Ruhe herrschte im Land.

Es zeigt sich deutlicher denn je, dass der gesamte 14 Jahre lang dauernde Einsatz der internationalen Truppen im Grunde nichts gebracht hat. Ebenso wenig die mehr als 110 Milliarden Dollar, die alleine die Amerikaner ins Land gepumpt haben. Viele Menschen fliehen täglich aus den Provinzen in die Hauptstadt Kabul, wo sie sich sicher wähnen. Draußen im Land ist es mitunter so unsicher, dass selbst das Welternährungsprogramm seine Lebensmitteltransporte teilweise einstellen musste, weil Transporte überfallen werden. Es steht zu befürchten, dass die Taliban bereits in naher Zukunft wieder eine Bezirkshauptstadt einnehmen - so wie vor kurzem mit Kundus geschehen.

Am besten wäre: dauerhafte Unsicherheit

Dass die Taliban allerdings wieder die Macht im ganzen Land übernehmen, ist wenig wahrscheinlich. dazu sind sie zahlenmäßig doch zu wenige. Es steht vermutlich auch nicht auf ihrer Agenda. Denn Religion und Vorherrschaft im Staat rücken für sie mehr und mehr in den Hintergrund. Hohe Diplomaten vor Ort vergleichen die Taliban seit geraumer Zeit als Mischung aus Terrorgruppe und Organisierter Kriminalität. Es geht ums Geld verdienen. Natürlich vor allem mit der Kontrolle des Opium-Geschäfts, das einzige Business, das in Afghanistan floriert. Um den Anbau und den gefahrlosen Schmuggel zu garantieren, muss man das Land nicht regieren. Idealer noch ist der Status quo: ein unsicheres, von der eigenen Regierung in weiten Teilen unregierbares Land.

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