Afghanistan-Einsatz "Im Notfall wird es Hilfe geben"


Auf dem Nato-Gipfel in Riga wollten die USA Deutschland zu mehr Engagement in Afghanistan drängen. Daraus wurde nichts. Im Interview mit stern.de sagt die US-Nato-Botschafterin Victoria Nuland, warum das Spitzentreffen dennoch ein Erfolg war.

Frau Botschafterin, über den Ausgang des Nato-Gipfels können Sie nicht glücklich sein. Die Amerikaner, vor allem aber Kanadier und Dänen haben erwartet, dass Deutschland bereit ist, eine größere Last in Afghanistan zu übernehmen. Dies durchzusetzen, ist Ihnen anscheinend nicht gelungen.

Aus amerikanischer Sicht war das ein fantastischer Gipfel. Wir sind nicht mit der Erwartung nach Riga gefahren, einen Wettbewerb darüber zu veranstalten, wer am meisten Truppen stellt. Es geht nicht um einen Hubschrauber hier oder dort, wir wollten eine strategische Diskussion über den Einsatz in Afghanistan führen. Und mein Präsident wird nach diesem Gipfel den Kongress bitten, mehr Geld für den Aufbau der afghanischen Polizei und Armee zur Verfügung zu stellen, und auch zum Ausbau der Infrastruktur und zur Drogenbekämpfung.

Kein Wort mehr davon, dass mehr Amerikaner oder Kanadier sterben als Deutsche?

Ich habe Kanzlerin Angela Merkel so verstanden, dass die Arbeit der Deutschen im Norden genauso wichtig ist, damit sich die Lage dort nicht verschlechtert. Es ging nicht um Entweder-Oder, um Nord oder Süd.

In Riga wurde beschlossen, dass ein Land dem anderem in so genannten Notsituationen zur Hilfe kommt. Was heißt das?

Über hypothetische Situationen lässt sich nicht reden. Wir sind eine Allianz. Das heißt, wir haben uns verpflichtet, Risiken und Verantwortung miteinander zu teilen. Und was einige von uns in Riga erwartet und bekommen haben, ist, dass wir in einer Notlage nicht alleine gelassen werden. Es darf nicht eine ganze Woche dauern, bis Hilfe eintrifft. Es muss möglich sein, binnen 24 Stunden eine Kompanie, Luftunterstützung oder Logistik bereit gestellt zu bekommen. Solche Anfrage müssen Routineangelegenheiten werden, jenseits jeder politischen Überfrachtung in den Hauptstädten.

Können sich der amerikanische und der deutsche Oberkommandierende in Afghanistan direkt verständigen?

So funktioniert das nie. Die Nation, die um Hilfe gebeten wird, muss sich immer zu Hause rückversichern. Aber in Zukunft soll der Kommandierende nach Hause melden: "Ich bin um Hilfe gebeten worden und möchte sie geben." Und nicht fragen: "Ich bin um Hilfe gebeten worden, darf ich sie geben?" Alle Staatchefs haben versichert, dass sie geneigt sind, dann auch zu helfen.

Wer trifft die letzte Entscheidung?

Natürlich Berlin, wenn die Deutschen gefragt werden. Aber alle Nationen gehen davon aus, dass die Antwort auf solch eine Anfrage Ja lauten wird. Seit Riga gilt, im Notfall wird es Hilfe geben.

Die Deutschen können aber weiterhin Nein sagen?

Natürlich. Jedes Land kann auch Nein sagen. Darin liegt die Stärke der Nato. Wir sind keine multinationale Armee, sondern eine Allianz, die zusammenarbeitet.

Glauben Sie, dass die Lasten in Afghanistan fair verteilt sind?

Sie dürfen nicht vergessen, wo wir Amerikaner in Afghanistan noch vor einem Jahr standen. Wir waren damals noch für alles allein verantwortlich. Heute garantiert die Nato die Stabilität des Landes. Vor drei Jahren haben wir 80 Prozent der Mission bestritten, heute sind es 33 Prozent.

Aber die Dänen und Kanadier beklagen sich, dass sie mehr Lasten tragen müssen als andere. Sie haben Deutschland dafür kritisiert, im sichereren Norden zu bleiben.

Uns ist bewusst, dass die Kanadier die meisten Toten zu beklagen haben. Ich weiß nicht, ob an deutschen Küchentischen das Gefühl der Bedrohung durch Terrorismus so ausgeprägt ist wie in Kanada. Wir bewundern den Mut der kanadischen Soldaten.

Läuft der Krieg in Afghanistan nicht in die falsche Richtung? Die Zahl der toten Zivilisten steigt und damit der Ablehnung der Nato in der Bevölkerung.

Wir in den USA haben ein Sprichwort: What bleeds, leads ...

… also: Wo Blut ist, darüber wird auch am meisten berichtet …

Es ist eben sehr wichtig, sich von der Lage ein richtiges Bild zu machen. Natürlich gibt es Widerstandsnester vor allem im Süden und Osten. Aber wo sind die Presseberichte über die vielen Mädchen, die wieder in die Schule gehen? Über die neuen Straßen, die wir gebaut haben? Über den wirtschaftlichen Fortschritt? Über die fantastischen Frauen im afghanischen Parlament?

Wenn man die neue Stärke der Taliban sieht und die toten Nato-Soldaten zählt, könnte man eher vermuten, dass es bald in Ihrem Land eine Baker-Kommission geben wird, die sich nicht nur mit dem Abzug aus dem Irak, sondern auch mit dem aus Afghanistan beschäftigt.

Ganz im Gegenteil, wir haben gerade erst intern eine Afghanistan-Bilanz gezogen. Deshalb bittet der Präsident den Kongress ja um mehr Geld. Und die meisten Mittel sollen dem Aufbau des Landes, der Polizei und der Armee zugute kommen. Langfristig ist es das Ziel, die Sicherheit des Landes den Afghanen selbst zu überlassen. Das ist nicht nur unser Ausweg. Es ist auch die richtige Lösung.

Sie glauben, der Krieg in Afghanistan ist zu gewinnen?

Ich glaube, die Afghanen haben ein Recht auf eine bessere Zukunft.

Das gilt auch für die Iraker. Aber was ist aus deren Land geworden?

Sie scheinen es nicht mitgekriegt zu haben. Mein Präsident hat gerade gesagt: "Wir bleiben im Irak, bis der Job getan ist."

Interview: Hans-Hermann Klare und Tilman Müller

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