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Afghanistan: Flucht ins Feuer

Rund 150 Frauen setzten sich innerhalb von sechs Monaten in Herat, einer Stadt im Westen von Afghanistan, in Brand. Aus Angst, aus Scham, aus Verzweiflung. Ein Fanal, das mehr über das Land verrät als die Wahl am vergangenen Samstag.

Die Angst würgt Fariba, sie muss sich erbrechen. Ihr ganzer Körper bebt, ihre Stimme zittert, kreischt, schrillt: Bitte nicht! Sie soll tief einatmen und kann nur wimmern. Bitte nicht, bitte, bitte. Allah hilf! Faribas Fingernägel schimmern hennarot, ihre Hände sind unverletzt. Im schwarzen Haar trägt sie eine Spange. Mumiengleich ist ihr Oberkörper eingewickelt. Der Pfleger kommt, und Fariba erstarrt. Er packt die Verbände, reißt sie ab, schnell und hart, an Brust, Armen, Rücken. Fariba schreit nicht mehr. Sie jault. Sie wird gehäutet bei lebendigem Leib. Unter den Bandagen glänzt das offene Fleisch, blutrot.

Seit einem Jahr durchlebt sie diese Prozedur, alle zwei bis drei Tage. Zuerst im Krankenhaus in Herat, nach sechs Monaten zu Hause. Seitdem musste die Mutter die Verbände wechseln, wochenlang ertrug sie kaum die Schreie ihrer Tochter. Die Wunden heilten nicht. So hat sie Fariba wieder in die Klinik gebracht. Irgendetwas sollen die Ärzte tun. Irgendwie müssen sie ihrem Kind doch helfen können. "Warum ist das Schicksal so hart zu uns?", klagt die Mutter. "Wäre doch dieser Unfall nie passiert!" Wenn es denn einer war.

Vor einem Jahr hatte die 15-jährige Fariba den Traum, ein einziges Mal etwas allein zu erleben, ohne die Familie. Sie wollte ihre Grenzen ausloten. Grenzen, die für afghanische Mädchen an der Haustür beginnen. Fariba schwänzte die Schule, ging mit ihrer Freundin in den Park. Sie erinnert sich noch an die Früchte zum Picknick und an das gebratene Fleisch. War ein Junge dabei? Das will sie nicht sagen.

Der Vater wusste von nichts. Nie hätte er seine Erlaubnis gegeben. Auf dem Heimweg wurde sie von Milizionären aufgegriffen. Die lieferten sie an der Haustür ab. Dort wartete einer ihrer jüngeren Brüder nur darauf, die ältere Schwester beim Vater anzuschwärzen. Er sagte nur einen Satz. Der ließ Faribas kleines Abenteuer zum Albtraum werden: "Wenn das dein Vater erfährt, bringt er dich um."

Fariba bekam Angst.

Sie wollte entkommen. Aber wohin soll ein afghanisches Mädchen fliehen? Ohne Familie ist ein Mädchen nichts, und ein Vater verliert seine eigene Ehre mit der seiner Tochter. Alles erschien Fariba besser als die Wut des Vaters. Sie nahm einen Kanister aus der Vorratskammer, schüttete sich das Petroleum über den Kopf und zündete es an. Wochenlang lag sie im Koma. "Ich wäre besser gestorben", flüstert sie.

Fariba kann nicht mehr erklären, weshalb sie sich angezündet hat. Weshalb sie Feuer wählte, um sich zu bestrafen. Vielleicht waren Petroleum und Streichhölzer nur das, was sie am besten erreichen konnte. Wie viele Frauen in Afghanistan, eingesperrt im Haus und am Herd.

Aber das erklärt nicht, weshalb sich ausgerechnet in Herat, im Westen Afghanistans, die Selbstverbrennungen häufen und die Toten zu Vorbildern werden, denen andere nachzueifern scheinen. Mehr als 150 Frauen haben sich allein in den ersten sechs Monaten dieses Jahres in Brand gesteckt, im vergangenen Jahr waren es 160. Vielleicht liegt es an der Nähe zum Iran, an den afghanischen Frauen, die von dort zurückkehren nach Jahren im Exil. Im Iran konnten sie arbeiten und sich frei bewegen, das Leben hatte eine Zukunft. In Afghanistan bleibt davon nur eine Erinnerung, und das Einzige, was diese Frauen hinüberretteten, scheint die Freiheit zum Feuertod zu sein. Altiranische Philosophen nennen Feuer "reinigend".

Unbestritten ist, dass es Frauen in Herat besonders schwer haben. Bis vor kurzem herrschte dort Ismail Khan. Er erlaubte zwar den Schulbesuch der Mädchen, aber verbot, dass Frauen ohne Ganzkörperschleier ausgehen, verurteilte diejenigen, die bei internationalen Organisationen arbeiten, und gebot, dass Frauen, die mit fremden Männern aufgegriffen werden, sich einem Jungfräulichkeitstest unterziehen müssen. Khan wurde Mitte September von Präsident Karzai abgesetzt, seine Anhänger verwüsteten daraufhin die Büros der Vereinten Nationen. Der selbst ernannte "Emir von West-Afghanistan" will als Privatmann in Herat bleiben. Seine Milizen, mehr als 1000 Mann stark, werden ihm den nötigen Einfluss sichern.

Es gibt keine offizielle Statistik über Selbstmorde. Die Polizei wagt es oft nicht, die Familien zu fragen. Die Schande ist zu groß. Wer doch nachhakt, hört Geschichten von Frauen, die Nadeln oder Glas schluckten, sich in Brunnenschächte warfen, eine Überdosis Medikamente nahmen. Jede Frau kennt Schicksale, die solchen Verzweiflungstaten vorausgehen: 15-Jährige, die von der Straße entführt und zwangsverheiratet wurden; Neunjährige, die Kinder bekommen; Ehefrauen, die in Kellern ohne Essen dahinvegetieren; die Journalistin, die von ihrem Vater unter Hausarrest gestellt und geschlagen wurde, nur weil sie einen Mann liebte, der den falschen Glauben hatte. Der zwar Muslim war, aber Schiit, nicht Sunnit wie die Familie seiner Liebe. Damit war er kein passender Schwiegersohn, allein sein Antrag galt als Anschlag auf die Ehre der Tochter. Der Vater sperrte sie ein, verbot ihr jeden Kontakt und zwang sie mit Schlägen zum Gehorsam. Die Tochter vergiftete sich.

Diese Geschichten sind wie ein Hintergrundrauschen, übertönen jede Hoffnung in den Gesprächen über die Zukunft, schaffen eine Atmosphäre der Ausweglosigkeit. Wenn schon die gebildete Journalistin, wenn die Lehrerin, wenn auch die Nachbarin die bloße Tatsache lähmt, eine Frau zu sein - welche Chance habe dann ich, mein Leben zu ändern?

Als Fatunah Khairkhowa in den Schwerstverbrannten-Flur geschoben wurde, während Fariba nebenan im Koma lag, war ihr Haar zu einer brüchigen Masse verbrannt. Auf ihrer Haut zeichneten sich die Adern ab wie Straßen auf einer Landkarte. Sie spürte keinen Schmerz, weil alle Nerven versengt waren. Fatunah jammerte nicht, sie hatte endlich keine Angst mehr. Sie wollte nur noch sterben.

Der Oberarzt der Station, Mohammed Homayon Azizi, sieht sofort, wenn der Tod mit Frauen wie Fatunah in die Station kommt. "Die sind so ruhig, als wären sie bereits erlöst." 14-Jährige hat er sterben sehen, glücklich, dass sie der Heirat mit einem 60-Jährigen entkommen waren, den der Vater ausgesucht hatte.

Fatunah war Grundschullehrerin, beliebt, engagiert. 13 Jahre war sie verheiratet, ihr Gesicht entstellt von den Schlägen ihres Mannes. Alle Kolleginnen wussten von den Misshandlungen, auch ihre Schwester Hatifah, die in derselben Schule arbeitete. Keine traute sich, Fatunah zu helfen. Der Mann hat das Recht, seine Frau zu züchtigen - fast die Hälfte aller Afghanen stimmen diesem Satz uneingeschränkt zu. Irgendwann konnte Fatunah nicht mehr. Erst versuchte sie, sich mit einem Lampenkabel unter Strom zu setzen. Das misslang. Als sie Petroleum über sich schüttete und mit dem Streichholz entzündete, stellte sie sicher, dass die Flammen ihren ganzen Körper umhüllten. Sie starb in den Armen ihrer Schwester Hatifah, und seitdem spielt auch diese immer wieder mit dem Feuer. Sie kann den Gedanken nicht loswerden, dass der Tod vielleicht doch besser ist als ihr Leben.

Beide Schwestern sind privilegiert aufgewachsen im liberalen Kabul der 70er Jahre. Hatifah war Fernsehjournalistin. Dann kamen die Taliban, verboten das Fernsehen und den Frauen die Arbeit. Hatifahs Familie verarmte. Jetzt lebt sie mit 26 Menschen in einem kleinen Haus in Herat, mit zwei Kindern und ihrem Ehemann in einem Zimmer. Der älteste Schwager bestimmt das Leben der Großfamilie. Hatifah ist die einzige Frau im Haus, die lesen und schreiben kann, und die einzige im Viertel, die zur Arbeit geht.

Ihr Schwager will, dass sie zu Hause bleibt. Seine eigenen zwei Frauen gehen nie allein auf die Straße. Die Ehre der Familie steht auf dem Spiel, sagt er, und dann muss Hatifah wieder argumentieren: dass sie das Geld braucht, dass sie eine ehrbare Frau ist. Hatifahs Mann arbeitet als Agrartechniker bei einer internationalen Hilfsorganisation. Er verteidigt seine Frau gegen die Angriffe seines älteren Bruders. Aber als Jüngerer ist auch er an dessen Weisungen gebunden. Niemand soll dem Familienvorstand widersprechen.

"Ganz Afghanistan muss in eine psychiatrische Klinik", sagt Hatifah. Ihr Mund lacht, ihre Augen tun es nicht. Viele ihrer Kolleginnen denken über Selbstmord nach. Das ist ein offenes Geheimnis. Die Ängste aus sieben Jahren Taliban-Herrschaft sind zu der einen Angst geworden, es werde sich nie etwas ändern.

Hatifah hat in der Taliban-Zeit keinen Fuß vor die Tür gesetzt: "Ich habe jahrelang nur Wäsche gewaschen und mein Leben an mir vorbeiziehen sehen." Jetzt braucht sie jeden Tag mehr Kraft, um trotz aller Widerstände vor die Tür zu gehen. Sie ist dieses Lebens so furchtbar müde.

Hat sie nie daran gedacht, sich Hilfe zu holen? Hat sie nicht gehört von Frauenhäusern, von Psychologinnen? Hatifah sinkt in sich zusammen: "Nein, das geht nicht, dort kann ich nicht hingehen. Mein Mann würde es niemals erlauben. Es geht nicht." Es gibt Frauenhäuser, auch in Herat, aber sie sind für "Gefallene", für Drogenabhängige, Prostituierte. Hier würde keine "anständige" Frau wagen, Hilfe zu suchen. Hier könnte sie keine Nacht verbringen, nicht mal, wenn es ihr Leben rettete. Es würde ihren Ruf zerstören, und was nutzt dann noch das Leben?

Seit Monaten bespricht die deutsche Organisation medica mondiale mit lokalen Gruppen, wie sie Frauen wie Hatifah erreichen können. Vielleicht wäre ein Familienzentrum die Lösung, weil es das Wort "Frauenhaus" vermeidet. Vielleicht ein Frauenpark, wie in Kabul. Hinter dessen Gittern finden Frauen Freiheit für eine Stunde, manchmal zwei. Familien trinken Tee auf den Bänken, Mädchen lassen auf den Schaukeln ihre Burkas fliegen. Keine Frau braucht Angst um ihren Ruf zu haben. Wachen achten am Parkeingang darauf, dass sich kein Mann Eintritt verschafft. Wer in den Frauenpark kommt, wird darum nicht verdächtigt, Unanständiges vorzuhaben. Hier gibt es garantiert keine heimlichen Treffen mit Liebhabern. Die Männer vertrauen dem Park, und deswegen erlauben sie den Frauen, ihn zu besuchen, und die Frauen trauen sich, den Gang dorthin einzufordern.

Das nutzt medica mondiale und unterstützt die Psychologin Dr. Zargona, die in einem kleinen Raum im Verwaltungszentrum des Parks dreimal in der Woche eine Gruppentherapie anbietet. Die Frauen sagen ihren Familien, sie gehen in den Park und kommen zu ihr. Das erste Mal berichten sie über Sorgen und ihre Wut, die sie nirgendwo offen zeigen dürfen. Fast alle leiden unter unerklärlichen Bauchschmerzen, Ohnmachtsanfällen, rasender Migräne. Die Organisation Ärzte für Menschenrechte zeigt in einer Studie, dass sieben von zehn afghanischen Frauen schwer depressiv sind, zwei Drittel leiden unter Angstattacken, jede zehnte hat bereits versucht, sich umzubringen. Dr. Zargona sagt, dass die Todessehnsucht ihrer Patientinnen meist schon nach wenigen Sitzungen schwindet, nach wenigen Stunden gefühlter Freiheit: "Die Atmosphäre im Frauenpark ist gut. Ohne Angst." Acht Psychologinnen gibt es in Kabul, in Herat arbeitet keine einzige.

Afghanistans Frauen sind dazu erzogen, Opfer zu sein. Sie suchen keine Hilfe, weil sie sich nicht vorstellen können, dass es Hilfe für sie geben könnte. Die Direktorin der Schule, in der Hatifah arbeitet und Fatunah gearbeitet hat, will nicht mehr stillhalten. "Es ist Zeit, dass wir aufhören zu leiden", sagt sie. "Es ist Zeit, dass wir aufhören, uns Sorgen um unseren Ruf zu machen, und anfangen, uns um die Menschen zu kümmern. Um uns." Fast klingt es, als rede sie speziell für Hatifah, die neben ihr sitzt, den Kopf gesenkt. "Wir sollten ungehorsam sein, wir sollten in diese Frauenhäuser gehen und unsere Rechte einklagen, auf Scheidung, auf körperliche Unversehrtheit, auf Polizeischutz." Hatifah schweigt. Später, als die Direktorin nicht mehr da ist, sagt sie: "Ich kann nicht. Ich habe Angst."

Niemand weiß, wie viele Frauen an ihrer Verzweiflung sterben. Es ist anzunehmen, dass die meisten es noch nicht einmal bis zu einem Krankenhaus schaffen. Die Schwerstverbrannten-Station im Herater Krankenhaus ist die einzige für fünf Millionen Menschen in den vier Ostprovinzen Afghanistans. Tatsächlich ist sie das Ende eines Flures, abgeteilt durch ein großes Wolltuch. Elf verbogene Stahlbetten stehen hier, Kopfende an Fußende. Die Blutlachen auf dem Steinfußboden sind verschwunden, wie auch der unerträgliche Gestank, der die Besucher noch würgte, als Fariba hier das erste Mal eingeliefert wurde. Der Schwerstverbrannten-Flur mit seinen abgenutzten Fliesen und den Sprüngen im Glas ist nicht mehr der Vorhof zur Hölle.

Die Veränderungen begannen, nachdem Dr. Azizi aus Frankreich zurückgekehrt war. Dort lernte er bei Spezialisten der Schwerstverbrannten-Chirurgie in Lyon und Marseille. Vermittelt wurde der Besuch von der Hilfsorganisation HumaniTerra, die auch die Pfleger in Herat ausbilden lässt. Die Neuerungen sind einfach und effektiv. Die Patientinnen werden jetzt nicht mehr in einem gemeinsamen Baderaum mit Leitungswasser gewaschen, sondern einzeln mit rostroter Antiseptikum-Tinktur in den Betten. Jede bekommt ein eigenes Laken. Infektionen gibt es seitdem kaum noch.

Fariba sieht die neuen Verbände nun zum ersten Mal. Sie sind imprägniert und kleben nicht an der verletzlichen Haut. Nie wieder wird sie Qualen durchleiden müssen wie durch die alten Bandagen, die ihr gerade entfernt wurden. Sie kann es gar nicht fassen. Mit spitzen Fingern zupft sie vorsichtig an den Binden, nur zum Ausprobieren. Es tut kaum weh.

Vier Monate hatten ihre Eltern gezögert, bis sie Fariba wieder ins Krankenhaus brachten. Der Vater hatte die Ernte einzuholen, ihre Mutter kümmerte sich um die vier jüngeren Söhne, die jedes Mal weinten, wenn sie mit Fariba in die Klinik gehen wollte. Außerdem war kein Geld da.

Jetzt will Dr. Azizi Haut transplantieren an Faribas Armen, Rücken und Brust. Die Narben haben das linke Knie steif werden lassen, Fariba kann es nicht mehr strecken. Sie kann auch ihre Oberarme nicht mehr heben, weil die neue Haut unter den Achseln am Oberkörper festgewachsen ist. Auch das will Dr. Azizi operieren. In den Nebenbetten zeigt eine Physiotherapeutin von der Hilfsorganisation Handicap International einer Patientin, wie man Finger wieder biegt und Beine beugt. Solche Übungen hat Fariba nie gelernt. Dafür ist es jetzt zu spät. Ihre Arme sind verkümmert, die Unterlippe ist am Kinn festgewachsen. Auf einem verkrüppelten Bein humpelt sie gekrümmt wie eine alte Frau. Sie hört das Mädchen im Nebenbett lachen, als die Physiotherapeutin ihr verspricht, dass sie bald wieder hüpfen kann. Fariba dreht sich weg.

"Wenn ich gewusst hätte, was Verbrennen wirklich bedeutet, ich hätte es nie getan", sagt sie. Fariba wollte eigentlich nur der Wut des Vaters entgehen. Jedes Mädchen kann Geschichten erzählen von Schlägen, von Hausarrest bis zur Heirat, von Schulverbot. Um die Ehre zu retten, opfern Familien ihre Kinder.

Faribas Vater erträgt den Anblick der Tochter kaum. Er ist ein hoch gewachsener Mann mit einem imposanten Bart und wachen Augen. Über seine Schulter hat er ein Wolltuch geworfen, auf dem Kopf trägt er den weißen Turban, die Tracht der Paschtunen, des größten Volksstammes in Afghanistan. Für die Paschtunen gelten Ehre und Stolz mehr als das Leben.

Leise bespricht sich der Vater mit seiner Frau. Sollen sie den Operationen zustimmen? Wer kümmert sich in der Zeit um die Söhne? Wie sollen sie alles bezahlen? Als Taxifahrer verdient er keine 30 Dollar im Monat. Wenn er seine Tochter ansieht, lächelt er. Wie hart hätte er sie bestraft? Der Vater beantwortet solche Fragen nicht. Für ihn hat seine Tochter am offenen Herd Feuer gefangen - zu groß wäre die Schande, würde er zugeben, was wirklich passiert ist.

Fariba wartet auf die erste Hauttransplantation. Ihr Vater ist nicht glücklich, dass er seine Tochter zurücklassen muss, ohne Familie, die auf sie aufpassen kann. Die Eltern wissen noch nicht, ob sie ihre Tochter wirklich für vier weitere Operationen ins Krankenhaus bringen wollen. Fariba fragen sie dazu nicht. Ihr Gesicht bleibt unbeweglich, die Narben haben es zu einer Maske erstarren lassen. Sie sitzt auf ihrer Plastikmatratze, den Rücken gegen die Wand gelehnt, weil er so schmerzt, und schaut. Schaut stundenlang auf den Boden, aus dem Fenster, wieder auf den Boden. Was wünscht sie sich? "Nichts für mich. Nur, dass ich meiner Familie die Hilfe zurückgeben kann, die sie mir gewährt hat." Fariba geht nicht mehr zur Schule. Sie wird nie wieder allein in den Park gehen können. Das Abenteuer ihres Lebens ist beendet, und Fariba, gerade 16, ergibt sich ihrem Schicksal. Das ist das Schlimmste.

Cornelia Fuchs / print