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AFGHANISTAN-KONFERENZ: Paschtunen-Führer wird Regierungschef

Durchbruch auf dem Bonner Petersberg: Nach einer Marathonsitzung haben sich die Teilnehmer auf eine neue Regierung geeinigt. Provisorischer Regierungschef wird der paschtunische Stammesführer Sajed Karsai.

Zur Eröffnung der Afghanistan-Konferenz war Sajed Hamid Karsai nur als Telefonstimme präsent. Seine Botschaft für ein Afghanistan der Brüderlichkeit und der gegenseitigen Achtung reihte sich ein in zahlreiche Appelle, die Verhärtungen von 22 Kriegsjahren zu überwinden und einen Neuanfang zu wagen. Zum Abschluss der Konferenz ist Karsai nun der Mann, der diesen Neuanfang als Ministerpräsident der Interimsregierung in praktische Politik umsetzen soll.

Für die Konferenzteilnehmer auf dem Petersberg war der Paschtune ebenso die ideale Wahl wie für die Vereinten Nationen und die diplomatischen Beobachter aus den USA und Europa. »Er ist für alle Parteien akzeptabel und auch für die Nachbarstaaten Afghanistans«, sagte einer der Diplomaten, die am Rand der Konferenz stets Kontakt mit Delegierten und UN-Vermittlern hielten. »Da er Paschtune ist, wäre er sicherlich ein Anker, an dem sich die Erwartungen dieser Volksgruppe festmachen könnten«, meinte ein anderer Diplomat. Die Paschtunen stellen mit etwa 40 Prozent die größte Bevölkerungsgruppe Afghanistans. In der geplanten engen Zusammenarbeit mit UN und westlichen Geberstaaten ist sicherlich auch der Umstand nützlich, dass Karsai Englisch spricht.

Die Wahl eines Regierungschefs außerhalb des Kreises der Konferenzteilnehmer war geradezu zwingend. Ein Kandidat der seit dem 13. November in Kabul herrschenden Nordallianz kam nicht in Frage, »weil dies ja kein echter Regierungswechsel

gewesen wäre», wie Anwar ul Hak Ahadi von der Exilgruppe aus Peshawar erklärte. Und ein Exilpolitiker aus dem Kreis der anderen drei Delegationen hätte sicherlich mit mehr Vorbehalten in der Bevölkerung kämpfen müssen als jemand, der bereits im eigenen Land lebt. Karsai kennt aus unmittelbarem Erleben die Probleme, die in der Übergangsphase sicherlich auftauchen werden. Während auf dem Petersberg verhandelt wurde, beteiligte sich Karsai mit seinen Truppen an der Belagerung der noch von den Taliban gehaltenen Stadt Kandahar.

Königliche Wurzeln

Auch für die Exilgruppe des in Rom lebenden Exkönigs Mohammed Sahir Schah ist Karsai ein genehmer Chef der Interimsregierung, kann doch seine Familie königliche Wurzeln vorweisen: Seinem Stamm der Popolsai gehörte Ahmad Schah Durrani an, der als persischer Feldherr die Stadt Kandahar eroberte und 1747 zum ersten König Afghanistans ausgerufen wurde. Nach der Ermordung seines Vaters im Sommer 1999 erbte er den Titel des Chans, des Oberhaupts der rund 500.000 Popolsai-Angehörigen in der Region Kandahar.

»Wir sind eine Nation, eine Kultur«

Karsai beteiligte sich nach 1979 am Widerstand der Mudschahedin gegen die sowjetische Besetzung. Nach dem Sturz des von Moskau eingesetzten Nadschibullah-Regimes war er von 1992 bis 1994 stellvertretender Außenminister. Auch die

überwiegend paschtunischen Taliban bemühten sich schon vor ihrem Einzug in Kabul im Jahr 1996 um Karsai - sie sollen dem gemäßigt islamischen und westlich beeinflussten Politiker das Amt eines UN-Botschafters angeboten haben. Anfangs habe er keine Vorbehalte gegen die Taliban gehabt, erklärte Karsai in einem Interview. Erst später seien andere Leute, offenbar aus dem Umkreis des pakistanischen Geheimdienstes, dazu gestoßen, die den Taliban eine andere Richtung gegeben hätten.

Im Exil in Pakistan

Als die Taliban ihre Herrschaft festigten, ging Karsai ins Exil nach Pakistan. Doch nach Beginn der US-Luftangriffe kehrte er im Oktober nach Afghanistan zurück - wo er sich in den Bergen der Provinz Urusgan sofort Verfolgungen der Taliban-Truppen ausgesetzt sah. Karsai bemühte sich um Unterstützung für eine eigene Front gegen die Taliban und trat für eine neue Regierung mit dem 1973 gestürzten König ein. Jetzt hat er selbst die Verantwortung, diese Regierung in den nächsten sechs Monaten zum Mittelpunkt für den politischen Übergang zu machen.

Zum Abschluss dieser Interimszeit muss sich die Regierung Karsais der Prüfung durch eine Loja Dschirga unterziehen, einer Großen Ratsversammlung mit Vertretern aus allen Landesteilen. Eine Bestätigung würde ihm eine weit größere Legitimität verleihen als die Berufung durch die Konferenz im fernen Deutschland. Von Karsais Wirken bis Mitte 2002 wird es abhängen, ob die Loja Dschirga seinem Appell für die Petersberg-Konferenz weiter vertrauen wird: »Wir sind eine Nation, eine Kultur. Wir sind vereint, nicht geteilt.«