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Afghanistan: Luftangriff fordert Dutzende zivile Opfer

Bei Luftangriffen der Koalitionstruppen und der Schutztruppe ISAF gegen Aufständische im Süden von Afghanistan sind nach Behördenangaben bis zu 130 Menschen getötet worden, darunter viele Zivilisten.

Bei Luftangriffen der US-geführten Koalitionstruppen in Südafghanistan sind nach Angaben eines Lokalpolitikers bis zu 60 Zivilpersonen getötet worden. Auch 35 mutmaßliche Aufständische seien ums Leben gekommen, sagte am Samstag der Bürgermeister der umkämpften Ortschaft Hyderabad, Dur Ali Schah. Die alliierten Truppen räumten zivile Opfer ein, nannten aber keine Zahlen. Die Luftangriffe in der Provinz Helmand am Freitagabend galten nach US-Angaben mutmaßlichen Taliban-Kämpfern, die afghanische und ausländische Soldaten angegriffen hatten. Die Kämpfer flüchteten sich dann in das Dorf Hyderabad, wie der örtliche Polizeichef erklärte. Die Dorfbewohner hätten am Samstag "viele Tote" beerdigt, sagte ein Einwohner.

Angeblich schon 2800 Tote seit Jahresanfang

Koalitionssprecher Chris Belcher erklärte, die Truppen hätten allem Anschein nach eindeutig auf Positionen gezielt, von denen aus Angriffe gestartet worden seien. An solchen Orten seien jedoch auch Leichen von Menschen gefunden worden, bei denen es sich offenbar um Zivilisten gehandelt habe. Belcher warf den Extremisten vor, sich unter den Dorfbewohner versteckt zu haben. Kämpfe haben in Afghanistan nach einer Zählung der Nachrichtenagentur AP seit Jahresbeginn mehr als 2800 Menschen das Leben gekostet. Nach Angaben der Vereinten Nationen und Menschenrechtsgruppen liegt die Zahl der zivilen Opfer bisher höher als die getöteter Aufständischer.

In der südlichen Provinz Sabul wurden am Freitag drei Kinder beim Spielen mit einer alten Rakete getötet. Ein weiteres Kind wurde nach Polizeiangaben verletzt. Raketenangriffen in der Provinz Kunar fielen nach Behördenangaben fünf Zivilpersonen zum Opfer, darunter Frauen und Kinder. In der Provinz Kandahar kamen zwei mutmaßliche Taliban-Rebellen ums Leben, als sie am Freitag versuchten, an einer Hauptstraße eine Bombe zu legen. Bei Kämpfen in der Provinz Helmand wurden Behördenangaben zufolge 15 Taliban getötet.

Struck für Verlängerung des KSK-Mandats

Totz der starken Bedenken in seiner Partei will SPD-Fraktionschef Peter Struck dennoch das Mandat für den Einsatz deutscher Elitesoldaten im Anti-Terror-Kampf in Afghanistan verlängern. "Ich bin nach wie vor dafür, dass wir auch ernsthaft unsere Kommando Spezialkräfte (KSK) hier in diesem Rahmen ... anbieten", sagte der frühere Verteidigungsminister in einem am Samstag vorab veröffentlichten Interview des Deutschlandfunks. "Wir können uns nicht einfach rausschleichen."

Über die Verlängerung des Mandats für den Einsatz "Operation Enduring Freedom" (OEF) muss der Bundestag im November entscheiden. Bislang können bis zu 100 KSK-Soldaten eingesetzt werden, die Medienberichten zufolge aber seit langem nicht mehr angefordert wurden. Vor allem in der SPD-Fraktion gibt es verbreitet große Bedenken gegen die unveränderte Fortsetzung des Mandats. Struck sagte, es gebe Debatten, "aber Widerstand kann man das nicht nennen".

Kritik an Brutalität der US-Einsätze

Die Skepsis gegen die Verlängerung des Mandats rühren aus der Kritik am US-geführten Anti-Terror-Kampf, der wegen zahlreicher ziviler Opfer heftig umstritten ist. Da jedoch ein Rückzug Deutschlands aus dem OEF-Einsatz als problematisches Signal an die USA gilt, werden Alternativen zwischen einer unveränderten Verlängerung und einem Rückzug diskutiert.

Die Bundeswehr beteiligt sich auch an der Nato-geführten internationalen Aufbautruppe ISAF in Afghanistan. Die Verlängerung dieses Einsatzes im Oktober gilt als weitgehend unstrittig, auch in der SPD. Der Einsatz deutscher Tornado-Aufklärungsflugzeuge, über dessen Verlängerung ebenfalls im Oktober entschieden werden muss, ist dagegen umstritten, weil die Aufklärungsdaten auch an die OEF-Truppen weitergegeben werden. Am Mittwoch berät die SPD-Fraktion in einer Sondersitzung über die Afghanistan-Einsätze der Bundeswehr.

AP/DPA / AP / DPA