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Afghanistan: Opium für die Welt

Drei Viertel der Weltproduktion an Rohopium, dem Grundstoff für Heroin, kommen aus Afghanistan. Dabei profitieren die Bauern von der deutschen Wiederaufbauhilfe, die Bewässerungskanäle anlegt.

Amir hat umgesattelt, und er ist längst nicht der einzige. Statt Weizen und Reis baut der 35-Jährige nahe der nordafghanischen Stadt Kundus in dieser Saison erstmals Schlafmohn an. Noch ähneln die Pflanzen eher Löwenzahn, "aber in einem Monat blüht hier alles richtig schön rot", sagt Amir. Das Feld ist von der Straße aus gut einsehbar, doch zu befürchten hat der Bauer kaum etwas. Die nur zehn Kilometer entfernt stationierten deutschen Soldaten der Internationalen Schutztruppe ISAF können wenig ausrichten. Ihnen ist der Anti-Drogen-Kampf ausdrücklich untersagt.

Drei Viertel der Weltproduktion an Rohopium, dem Grundstoff für Heroin, kommen inzwischen wieder aus dem Land am Hindukusch. Die Internationale Gemeinschaft, deren Vertreter sich am Mittwoch und Donnerstag zur Afghanistan-Konferenz in Berlin treffen, hat kein Konzept, wie man dem wachsenden Drogenproblem Herr werden könnte. Die Welt sieht hilflos zu, wie auf immer mehr Feldern der Mohn wächst, dessen gefährliches Endprodukt vor allem in Europa landet.

Drogenbauer Amir profitiert vom deutschen Wiederaufbau

Der Bundeswehr-Kommandeur in Kundus, Oberst Ferdinand Bauer, betont zwar, "auf dem Drogen-Auge nicht blind zu sein". Das ISAF-Mandat erlaubt ihm aber nicht viel mehr, als Mohnfelder der schlecht ausgerüsteten lokalen Polizei zu melden. Drogenbauer Amir profitiert letztlich sogar vom deutschen Wiederaufbau - direkt neben seinem Feld verläuft ein Bewässerungskanal, den eine deutsche Hilfsorganisation gegraben hat.

"Es wäre aberwitzig, keine Bewässerungssysteme zu bauen, weil ein Teil davon für den Drogenanbau genutzt werden könnte", sagt der Vertreter des Bundesentwicklungsministeriums in Kundus, Herbert Sahlmann. Eigentlich verpflichten sich die Bauern beim Empfang von deutscher Hilfe ohnehin dazu, keinen Mohn anzubauen. Doch das zählt für sie so wenig wie die Tatsache, dass der Anbau illegal ist.

Wie Amir dürften in dieser Saison viele afghanische Bauern der Versuchung des Verbotenen erlegen sein. In Amirs Dorf, so sagen dessen Bewohner, sei zuvor noch nie Mohn angebaut worden. Die Drogenbauern dort betonen, die Not treibe sie dazu - möge der Anbau auch illegal und kaum mit dem Islam vereinbar sein. "Die Menschen haben Hunger", sagt Amir. "Wir müssen unsere Familien ernähren." Auch Aziz, der Besitzer des knapp einen halben Hektar großen Landes, das Amir bestellt, sagt: "Wir haben gar keine andere Wahl."

Ein Bauer quittiert die Frage nach der Polizei mit einem Lachen

Die Preise für Weizen und Reis seien schon lange im Keller, doch die Regierung in Kabul lasse die Bauern im Stich, kritisiert Aziz, 56 Jahre alt und Vater von zehn Kindern. "Wenn die Regierung unsere Mohnfelder zerstört, dann kann sie uns auch gleich alle töten." Echte Sorge, dass gegen den Anbau vorgegangen werde, scheint aber ohnehin niemand im Dorf zu haben. Ein Bauer quittiert die Frage nach der Polizei mit einem Lachen. Und auch die deutschen Soldaten, die schon vorbeigeschaut hätten, "werden keine Probleme machen", sagt Aziz. Wieso auch, meint er: "Im ganzen Land wird doch Mohn angebaut."

Sollte sich die wirtschaftliche Lage nicht bessern, "dann werden weitere Bauern unserem Beispiel folgen", meint Aziz. Sollten die Weizen- und Reispreise dagegen wieder steigen, werde er den Mohnanbau freiwillig stoppen, beteuert er. Doch das darf bezweifelt werden. "Um denselben Gewinn zu erzielen, müssten die Bauern schon Gold anbauen", sagt der Chef des UN-Büros gegen Drogen und Kriminalität in Kabul, Amir Khesi. Entwicklungshelfer schätzen, dass Mohn den zehn- bis zwanzigfachen Profit von Weizen abwirft.

Mohn bringt den Bauern nicht nur mehr Profit, sondern ist für sie auch praktischer - sie müssen ihr Produkt nicht mehr mühsam über zerstörte Straßen zu oft weit entfernten Märkten transportieren. "Ein Geschäftsmann wird vorbeikommen und die Ernte aufkaufen", sagt Aziz. Genau wisse er nicht, wohin die Drogen dann geschmuggelt würden. Er sei nur ein Bauer, und die Großen im Drogengeschäft seien Ausländer. Eines aber weiß Aziz sicher: "Ich würde niemals Opium nehmen", sagt er. "Das ist viel zu gefährlich."

Can Merey / DPA