Anschläge in Istanbul Blankes Entsetzen nach dem Blutbad

Zum zweiten Mal innerhalb von sechs Tagen haben Terroristen in Istanbul ein Blutbad angerichtet. Mindestens 27 Menschen wurden getötet, als zwei Autobomben vor dem britischen Generalkonsulat und einer britischen Bank explodierten.

In Panik laufen die Menschen, einige mit den Händen über den Köpfen, auf der breiten Istiklal Caddesi ("Straße der Unabhängigkeit") davon. In ihrem Rücken erhebt sich drohend eine schwarz-gelbe Rauchwolke. Auf der berühmtesten aller Istanbuler Promeniermeilen, mitten im europäischen Stadtteil Beyoglu, macht sich blankes Entsetzen breit. Die Druckwelle der Explosion, die die Vorderfront des hinter dicken Mauern gelegenen britischen Generalkonsulats verwüstet, lässt sogar noch in den kleinen Seitenstraßen Fensterscheiben zersplittern.

Vor dem Konsulat stürzen Mauern auf vorbei fahrende Autos. Auch die 1,5 Tonnen schwere Eingangstür hält der Wucht der Detonation nicht stand. Im Innenhof abgestellte Autos stehen in Flammen. Teile des massiven Gebäudes liegen in Trümmern. "Ich glaubte an ein Erdbeben, der ganze Bau wankte", berichtet ein Mitarbeiter des türkischen Personals, der sich im Vorratsraum der Küche aufhielt. Überall Rauch und Staubwolken. Dann die Toten. "Perihan und Nadide, zwei junge Mädchen, an ihre Nachnamen kann ich mich im Moment nicht erinnern."

Britischer Generalkonsul unter den Opfern

Auch ein Ehepaar, das zum türkischen Reinigungspersonal gehörte, ist tot. Der Terror trifft wahllos alle, die sich in der Nähe befanden. Zwei türkische Polizisten, die vor dem Gebäude auf Wache waren, gehören ebenfalls zu den Opfern. Unter den Toten des Anschlags ist nach Angaben des US-Botschafters in der Türkei, Eric Edelman, auch der britische Generalkonsul Roger Short.

Es war gegen elf Uhr Ortszeit (10.00 Uhr MEZ), als sich ein als Catering-Fahrzeug getarnter Lieferwagen langsam dem britischen Generalkonsulat näherte. Die Polizei geht davon aus, dass die tödliche Sprengstoffladung, eine hochexplosive Mischung aus den Düngemitteln Ammoniumsulfat, Nitrat und anderen Beigaben, in den Essenskesseln des vermeintlichen Lieferanten versteckt war.

Terroristen suchten sich britische Ziele

Vor fünf Tagen waren es zwei Synagogen, diesmal haben sich die Terroristen britische Ziele in der Bosporus-Metropole für ihre blutigen Anschläge ausgesucht. Die Zentrale der britischen HSBC-Bank in der Türkei, ein 20-stöckiges Gebäude an einer mehrspurigen Hauptverkehrsader im Istanbuler Bankenviertel Levent, ist an diesem Tag das zweite Schlachtfeld.

"Mit der Explosion kam die Decke auf uns herunter, die Sprinkleranlagen gingen los, um uns gelber Rauch und Ammoniak-Gestank", berichtet später ein türkischer Mitarbeiter der Bank. Aus der Fassade des Bankhochhauses schießt ein Wasserstrom. Offensichtlich hat die Detonation die Hauptwasserleitung bersten lassen.

Schreckensbilder im weiten Umkreis der Bank: "Direkt vor dem Gebäude liegen drei, am Seiteneingang ein Mensch, ein weiterer auf dem Fußsteig, alle unkenntlich, schwarz", berichtet ein Passant, der im Taxi saß, als die Autobombe vor der Bank explodierte. "Auf dem Boden lagen zerstreut abgerissene Hände und Arme."

Das Geschäfts- und Vergnügungsviertel Beyoglu

In Jahrhunderten hat sich der Istanbuler Stadtteil Beyoglu zu einem der kreativsten und geschäftigsten Orte der Türkei entwickelt. Für westlichen Lebensstil steht die Prachtstraße Istiklal Caddesi mit ihren eleganten und teuren Läden, Restaurants und Passagen. Frauen tragen hier im europäischen Teil der Millionenstadt Make-up und kurze Röcke statt Kopftücher.

In dem Viertel mit mehr internationalem Flair als anderswo in der Türkei haben sich Geldhäuser und Galerien niedergelassen. Wer genug Geld hat, steigt in einem der Luxushotels im europäischen Teil der Millionenstadt ab. An den weitläufigen und erst in den Zwanziger Jahren gebauten Taksimplatz grenzen ein Opernhaus und eine gepflegte Parkanlage. Viele Fluggesellschaften unterhalten hier ihre Büros.

Zu den Sehenswürdigkeiten zählen der Galata-Turm, von dem man eine herrliche Rundsicht hat, und der Dolmabahce-Palast früherer Sultane am Ufer des Bosporus mit seinem prunkvollen Portal. Mit seinen Plätzen und Cafés, Kinos und Theatern, Kirchen und Moscheen war das frühere Pera bereits zu Zeiten des Osmanischen Reiches ein bevorzugtes Wohngebiet für Europäer und nicht-moslemische Minderheiten.

Hier richteten die europäischen Mächte ihre Botschaften ein, die heute allesamt Konsulate sind, seit Ankara vor 80 Jahren die Hauptstadt der modernen Türkei wurde. Trotz vieler Zuwanderer aus Anatolien blieb der kosmopolitische Charakter des Viertels erhalten.

Ingo Bierschwale DPA

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