Anschlag auf Londoner U-Bahn Schwieriger Gedenktag


Was hat die Selbstmordattentäter motiviert, am 7. Juli 2005 in London 52 Menschen zu töten? Und können sich solche Anschläge wiederholen? Großbritannien begeht einen schwierigen Jahrestag.

Am 7. Juli 2005 hatten vier junge britische Moslem-Extremisten 52 Menschen mit in den Tod gerissen. 700 Menschen wurden bei den Anschlägen auf drei U-Bahn-Züge und einen Doppeldeckerbus verletzt. Premierminister Tony Blairs Entscheidung, sich am Irak-Krieg zu beteiligen, ist als mögliches Motiv der Attentäter genannt worden. Das Gedenken an 7/7, wie das Anschlagsdatum in Großbritannien genannt wird, dürfte auch kritische und verärgerte Stimmen laut werden lassen.

So sehen viele der 1,8 Millionen britischen Moslems ihre Gemeinschaft seit einem Jahr ungerechtfertigt im Visier der Polizei. Zwei fehlgeschlagene Anti-Terror-Einsätze der Sicherheitskräfte - bei denen Polizisten zwei Unschuldige niederschossen, von denen einer starb - taten ein Übriges. Überlebende der Anschläge sehen viele ihrer Fragen noch nicht beantwortet und manche fordern eine öffentliche Untersuchung der Attentate.

Die Motivation bleibt unklar

Die Regierung musste einräumen, wenig über die Motive der jungen Attentäter, ihre mögliche Ausbildung im Ausland und ihre vermutete Verbindung zur radikalen al Kaida zu wissen. Der britische Innenminister John Reid vermutet, dass die Attentäter über angebliche Ungerechtigkeiten gegen Moslems verärgert waren und Märtyrer werden wollten.

Hinweise auf eine Steuerung der Gruppe durch die al Kaida gibt es der Polizei zufolge bis heute nicht, obwohl die Anschläge dem Muster des Islamisten-Netzwerks entsprechen. Unklar ist ebenfalls, ob andere Gruppen oder Einzelpersonen die Attentäter radikalisiert oder unterstützt haben. Obwohl die Polizei mehr als 10.000 Zeugenaussagen sammelte und mindestens 12.000 Spuren verfolgte, konnte niemand wegen Verwicklung in die Anschläge angeklagt werden.

Nichts verhindert eine Wiederholung

"Was verhindert ein Wiederholung?" Auf diese brisante Frage gibt es nur eine Antwort, meint John Tulloch, der seine Erfahrungen als Anschlagsopfer in einem Buch verarbeitet hat: "Absolut nichts." Die Attentäter fielen als Extremisten kaum auf. Sie standen in dem Ruf gläubige Moslems zu sein, wandten sich aber offen gegen die Flugzeugattentate vom 11. September 2001 in den USA.

Nach den Anschlägen hat die Regierung von Blair versucht, die Anti-Terror-Gesetze zu verschärfen. Sie stieß aber auf erbitterten Widerstand von Bürgerrechtsgruppen. Geheimdienstler haben Moslem-Gemeinschaften daheim und im Ausland unterwandert - mit geringem Erfolg, wie Sicherheitsexperten bemängeln. Der außenpolitische Ausschuss des britischen Parlaments empfahl unlängst, mehr Anstrengungen zu unternehmen, das Misstrauen der arabischen und islamischen Welt gegenüber dem Westen abzubauen, das der Nährboden des internationalen Terrorismus sei.

Viele haben Angst vor der Londoner U-Bahn

Am Jahrestag der Londoner Anschläge wird die Polizei Präsenz demonstrieren, um eine Wiederholung der Anschläge zu verhindern. Knapp zwei Wochen nach 7/7 hatten dies vier andere junge Männer versucht. Sie scheiterten, weil ihre Bomben nicht zündeten.

Den Anschlagsopfern wurde am Morgen in Gottesdiensten gedacht. In der Londoner U-Bahn sowie an der Stelle, wo ein Bus in die Luft gesprengt wurde, wurden Blumen niedergelegt. Zur Mittagsstunde soll es im ganzen Land zwei Schweigeminuten geben. Zum Gedenken an die Todesopfer werden an den verschiedenen Tatorten Gedenktafeln enthüllt. Am Abend findet im Regent’s Park eine zentrale Trauerkundgebung mit Hinterbliebenen und Überlebenden der Selbstmordanschläge statt.

Den Überlebenden wird der Jahrestag schmerzhafte Erinnerungen bescheren - vor allem denen, die nach wie vor die Londoner U-Bahn benutzen. "Gegenwärtig fühle ich mich im Berufsverkehr nicht sicher", klagt Rachel North, die den schwersten der vier Anschläge überlebte. Sie wisse, dass es wieder einen Anschlag geben werde. "Es ist, als ob ich jeden Tag mein Leben wieder in die Hand nehme."

Reuters/DPA DPA Reuters

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