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Atomgipfel in Washington: Mega-Konferenz gegen nuklearen Terror

Die Atomkraft erlebt weltweit eine Renaissance - und damit wächst die Gefahr, dass Terroristen an spaltbares Material gelangen. Dem will US-Präsident Obama mit seinem prominent besetzten Gipfel Einhalt gebieten - auch Kanzlerin Merkel ist dabei.

Von Martin Knobbe, New York

Man muss weit zurück gehen, um in der Geschichte ein Treffen ähnlichen Ausmaßes zu finden: Präsidenten, Kanzler und Ministerpräsidenten aus 46 Ländern haben sich in Washington versammelt, um an Präsident Barack Obamas "Gipfel zur nuklearen Sicherheit" teilzunehmen. Ein derartiges Aufgebot hatte es auf amerikanischem Boden zuletzt 1945 in San Francisco gegeben, zur Gründungskonferenz der Vereinten Nationen.

Eine Frage der Ehre

Die Menge an geballter Staatsmacht ist vielleicht schon der größte Erfolg dieser zweitägigen Veranstaltung, denn sie zeigt, wie ernst das Thema der nuklearen Abrüstung in vielen Ländern mittlerweile genommen wird. Für Obama ist es vor allem eine Frage der Ehre: Nicht nur, dass er für seine Vision einer atomwaffenfreien Welt den Friedensnobelpreis bekommen hat; er hatte zudem angekündigt, alle Atomsprengköpfe, die nicht unter Kontrolle der anerkannten Atommächte sind ("loosing nukes"), innerhalb der nächsten vier Jahre ausfindig zu machen und zu sichern.

Es war vor einem Jahr, am 5. April 2009, als Barack Obama in Prag eine Rede hielt, von der man später sagte, sie sei eine seiner bedeutendsten gewesen. Von der steigenden Gefahr eines nuklearen Angriffs sprach der Präsident, von seinem Ziel, Atomwaffentests zu verbieten, und von seiner Vision einer atomwaffenfreien Welt.

Nuklear-Terrorismus wird ein Kernthema sein

Das Ziel dieser Konferenz ist nun etwas kleiner gehalten: Die Politiker wollen vor allem darüber reden, wie zu verhindern ist, dass Terroristen an spaltbares Material gelangen. "Die Technologie zum Bau einer Bombe hat sich verbreitet. Terroristen sind entschlossen, eine zu kaufen, zu bauen oder zu stehlen", hatte Obama in seiner Prager Rede gesagt.

Tatsächlich erlebt die Atomkraft derzeit auf der ganzen Welt eine Renaissance, und damit steigt auch die Gefahr, dass nukleares Material in falsche Hände gerät. Das Szenario einer "schmutzigen Bombe" in den Waffenarsenalen von Al Qaida wird von Sicherheitsexperten schon lange ernsthaft diskutiert. Die weltweiten Plutoniumvorräte für zivile und militärische Zwecke werden auf 250 Tonnen geschätzt, die Atomindustrie verbraucht jedes Jahr rund 4000 Kilogramm hoch angereichertes Uran: für den Bau einer Bombe reicht eine minimale Menge davon.

Washington bereitet sich auf Verkehrschaos vor

Es geht also um die Sicherung von atomwaffenfähigem Material, und entsprechend soll es auch in der Abschlusserklärung des Treffens stehen: Die Länder, die Atomkraft zivil oder militärisch nutzen, sollen sich verpflichten, ihre Sicherheitsmaßnahmen erheblich zu verbessern. Das Dokument, das Präsident Obama am Dienstagabend verlesen wird, ist bereits weitgehend fertig gestellt. Man will nichts dem Zufall überlassen, bei diesem Ereignis, auf das die Welt blickt.

Beobachter gehen davon aus, dass daher auch strittige Aspekte aus den Diskussionen heraus gehalten werden: etwa die Rolle Israels, dessen Regierungschef Benjamin Netanjahu seine Teilnahme an dem Gipfel kurzfristig wieder abgesagt hat. Er fürchtete offenbar die Angriffe vor allem muslimischer Staaten, da Israel - genauso wie Indien, Pakistan und Nordkorea - den Atomwaffensperrvertrag bislang nicht unterzeichnet hat. Es gehe bei dem Gipfel eher ums Grundsätzliche, sagte ein Diplomat der Los Angeles Times. "Es geht darum, ein Thema wieder sichtbar zu machen, das bislang nicht genügend Aufmerksamkeit erfahren hat. Es wird die Menschen motivieren, hier künftig mehr zu tun."

In Washington bereitet man sich unterdessen auf das größte Verkehrschaos seit den Feierlichkeiten zur Amtseinführung von Barack Obama vor. Die Straßen rund um den Tagungsort des "Nuclear Securtiy Summit" am Mount Vernon Square sind gesperrt, Fußgänger werden gründlich kontrolliert. "Im Vergleich zu dem, was wir hier bis Dienstagabend erleben", wird der Sprecher eines Automobilclubs in den lokalen Nachrichten zitiert, "war die Amtseinführung ein Kinderspiel."