Aufstieg des Liberaldemokraten Mein Schulfreund Nick Clegg


Der Chef der Liberaldemokraten, Nick Clegg, hat seine Partei aus jahrzehntelanger politischer Bedeutungslosigkeit herausgeführt. Bei der anstehenden Unterhauswahl in Großbritannien könnte seine Partei ein Drittel der Stimmen auf sich vereinen.

Anfang der 1980er Jahre, als Premierministerin Margaret Thatcher die britische Gesellschaft grundlegend zu verändern begann, war Nick Clegg Schüler an der berühmten Londoner Westminster School - gleich um die Ecke vom Parlament, das der heutige Parteiführer der Liberaldemokraten bei der Unterhauswahl am kommenden Donnerstag erobern möchte. Ich war damals sein Klassenkamerad und sein Freund. Cleggs rasanter politischer Aufstieg hat mich schon verwundert, aber auch nicht völlig überrascht.

Die Westminster School galt schon immer als private Eliteschule - allerdings nicht auf demselben abgehobenen Niveau wie Eton, wo Tory-Chef David Cameron seine Schulzeit verbrachte. Seit dem 19. Jahrhundert ist kein britischer Premierminister mehr aus der Westminster School gekommen, viele dagegen aus Eton.

Westminster rühmt sich indes mit seinen künstlerischen Größen. Zu früheren Schülern gehörten etwa der Architekt Christopher Wren, der Autor von "Puh der Bär", Alan Alexander Milne, die Schauspieler John Gielgud oder der Komponist Andrew Lloyd Webber. Heute berühmte Schulkameraden Cleggs waren unter anderem die Schauspielerin Helena Bonham Carter und der Rockstar Gavin Rossdale.

Konsequentes Eintreten für eigene Überzeugungen

Die Schule hat stets dem Individualismus das Wort geredet, und dieses Credo hat den heute 43-jährigen Clegg zweifellos geprägt. Er war schon als Teenager sehr selbstbewusst, pfiffig und ein guter Redner. Und im Großen und Ganzen ist er auch niemals übel aufgefallen - obwohl wir natürlich des öfteren die Kneipen rund um das Parlamentsgebäude unsicher gemacht haben. Bei den Arbeiterkindern des nahegelegenen Stadtteils Pimlico galten Westminster-Schüler als arrogante Schnösel. Aber zur aristokratischen Oberschicht gehörten die meisten von uns auch nicht, so dass wir letztlich von beiden Seiten angefeindet wurden.

Eben diese Außenseiterstellung hat Clegg zweifellos das Rüstzeug für seine politische Laufbahn mitgegeben. Sie hat ihn gelehrt, unbeirrt für seine eigenen Überzeugungen einzustehen und jegliches Mitläufertum abzulehnen. Sein Lehrer John Field sagt noch heute über den Sohn eines Bankers: "Während seiner ganzen Schulzeit schien es ihm nie etwas auszumachen, was andere über ihn denken. Er hat immer einfach das getan, was er für richtig hielt."

Natürlich spielte auch die Politik der 80er Jahre in unserer Schulzeit eine Rolle. Premierministerin Thatcher stellte sich damals gegen die Bergarbeitergewerkschaft, um eine neue Industriepolitik durchzusetzen. Nach monatelangem Streik wurden die Bergleute schließlich in die Knie gezwungen, was davor noch kein britischer Regierungschef gewagt hatte. Zugleich spalteten sich die Sozialdemokraten von der Labour Party ab, weil sie deren damaligen anti-europäischen Kurs nicht mehr mittragen wollten. Zwtl: Kritiker und Mitglied des Establishments zugleich Bei der Wahl 1983 erreichten die Sozialdemokraten in Allianz mit den Liberalen, mit denen sie sich später zusammenschlossen, 25 Prozent der Stimmen, aber nur 3,5 Prozent der Parlamentssitze. Schon damals wurde das britische Mehrheitswahlrecht, das Clegg nun reformieren will, als unfair attackiert. Auch dies dürfte einen bleibenden Eindruck auf dem seinerzeitigen Westerminister-Schüler hinterlassen haben.

In Westminster trugen wir natürlich Schuluniformen, dunkle Anzüge und Krawatten. Clegg trägt sie heute noch - die Uniform eines Politikers. Doch noch immer ist er auch Kritiker des Establishments, zu dem er eigentlich gehört, und so kann er Labour und Tories geringschätzig als "old parties" abtun. Nachdem die beiden großen Parteien infolge des Spesenskandals an Glaubwürdigkeit verloren haben, kann Clegg sich als neue Kraft präsentieren, als integer und jugendlich unverbraucht. Vielleicht wird er einst als der Mann in die Geschichte eingehen, der das politische System in Großbritannien von Grund auf verändert hat. Ende

Christopher Torchia, APN APN

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