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stern-Reportage

Brexit: Mach's gut, Britannien! - Eindrücke von einer Insel, die kleiner zu werden droht

Heute wird der Artikel 50 aktiviert, damit geht ein Kapitel der Geschichte zu Ende. Nach mehr als 40 Jahren verabschiedet sich das Vereinte Königreich aus der europäischen Gemeinschaft. Einblicke in die Seele Großbritanniens - mit all seinen Gegensätzlichkeiten.

Geteiltes Land: Gewappnet mit dem Union Jack, erleichtert sich dieser Mann während eines Marsches für Großbritannien (r.). Gegen Kleinstaaterei und Populismus halten Demonstranten im Regierungsviertel in London Händchen (l.)

Geteiltes Land: Gewappnet mit dem Union Jack, erleichtert sich dieser Mann während eines Marsches für Großbritannien (r.). Gegen Kleinstaaterei und Populismus halten Demonstranten im Regierungsviertel in London Händchen (l.)

Man stelle sich vor, nur für einen Moment als kleines Gedankenspiel, die Deutschen hätten versehentlich für den Austritt aus der EU votiert. Die Wirtschaftsverbände liefen danach Amok, die Banken aus Frankfurt würden einen Umzug nach London diskutieren, die Autohersteller erwögen zügigen Produktionswechsel ins Ausland, größtes Chaos obendrein im Bundestag und über alle Parteien hinweg, größtes Drama überhaupt. Die Briten haben dafür einen deutschen Begriff. Sie nennen das "German Angst".

Schnitt auf die Insel. Auch nicht eben lustig gerade, Chaos und Unsicherheit. Aber dennoch ein fast frappierendes Gefühl der Gelassenheit, jedenfalls weit entfernt von German Angst. Sie mögen ein bisschen verrückt sein und ganz gewiss anders. Sie mögen überheblich sein und manchmal sogar naiv. Aber eines kann man ihnen nicht absprechen: Sie nehmen es, wie es kommt, und leben das offenbar ewige Mantra "keep calm and carry on". Was bleibt ihnen übrig? Die Premierministerin reist durchs Land und erzählt noch einmal von ihrem "Plan for Britain" und der historischen Chance. Aber als die Regierung ebendiesen Plan online stellen wollte, erschien statt der Botschaften nur eine "Error"-Meldung. Womöglich ist dieser ganze Brexit ein großer Irrtum und Fehler. Nur, wenn Theresa May am kommenden Mittwoch den Artikel 50 aktiviert, gibt es kein Zurück mehr. Von nun an laufen die Austrittsverhandlungen. Von nun an entscheidet sich das Schicksal der Briten. Und vielleicht auch das der EU. Depeschen von einer Insel im Umbruch und auf Exkursion in die britische Seele.

Vom Paradies hinter dem Regenbogen

An einem regnerischen Abend sitzt ein Mann in einer lauten Bar in London. Gut aussehende und offenkundig gut verdienende junge Menschen feiern den Feierabend. Nick Clegg hockt beinahe etwas verloren am Rand und redet über seine Sorgen. Er würde gern sagen: Es wird schon alles gut gehen. Aber das kann er nicht reinen Gewissens.

Clegg, muss man wissen, war bis vor zwei Jahren einer der mächtigsten Männer Großbritanniens, stellvertretender Premierminister und Vorsitzender der Liberaldemokraten. Dann kamen die Wahlen 2015, die Liberalen gingen unter und mit ihnen auch Clegg. Er gab den Parteivorsitz ab und diente fortan wieder als normaler Abgeordneter für den Wahlkreis Sheffield-Hallam. Er verfolgte von dort oben die hilflose Kampagne der Remainer und fühlte, dass die Worte aus London die Menschen nicht erreichten, wenn er von Tür zu Tür ging und für den Verbleib in der EU warb. Irgendwann schrieb er seinem alten Boss David Cameron eine Mail und warnte, dass sie mit der blutarmen Rhetorik das Referendum verlieren würden. Cameron bedankte sich freundlich, blieb bei der blutarmen Rhetorik. Und verlor. Jetzt ist er im Ruhestand, und Nick Clegg, Ironie der Geschichte, irgendwie wieder da. Er setzt sich ein für die drei Millionen EU-Bürger, die in Großbritannien leben und um ihre Zukunft bangen. Er mahnt laut und wortreich vor dem Austritt aus dem gemeinsamen Markt. Wer es böse mit ihm meint, könnte sagen: Sein Comeback kommt zu spät.

Clegg bestellt ein Glas Wein, Oliven und Nüsse. Er wird sich später bei einer Diskussion in der niederländischen Kirche nebenan streiten mit dem rechtsgewirkten Europafeind Thierry Baudet, einem geistigen Verwandten von Geert Wilders. Nun redet er sich schon mal in Rage, ein Probelauf gewissermaßen. Sein Land ist in Gefahr. Es sei Utopisten auf den Leim gegangen. Clegg sagt: "Es ist unerträglich, diese realitätsferne Brexit-Lobhudelei. Die Kriminalität wird sinken, das Wetter besser, wir halten alle Händchen. Und so wird es bis zum Ende unserer Tage sein." Pause. "Bullshit." Alles, was er höre und lese, seien "irreführende Behauptungen, Plattitüden und groteske Überzeichnungen". In der konservativen Presse sowieso. Aber auch von vielen Politikern; insbesondere dieses absurde Gequatsche von der Wiederauferstehung des Empire oder eines "Empire 2.0" oder das Geraune von den speziellen Beziehungen zu den Nationen des alten Commonwealth und vorneweg zu den Vereinigten Staaten. "Wäre ja schön. Nur, so wird es nicht. Am Ende des Regenbogens steht eben kein Topf voll Gold. Und hinter dem Regenbogen liegt auch nicht das Paradies." Die Brexiter, sagt er, verhielten sich intellektuell infantil, "und irgendwann wird die Realität sie und uns alle einholen".

Leute wie Clegg werden in Britannien als "Remoaner" bekrittelt, als Jammerer, zumindest von der Siegerseite der 52 Prozent. Seine Mutter hat einen niederländischen Pass, sein Vater russische Wurzeln. Er ist mit einer Spanierin verheiratet, arbeitete in Brüssel und spricht fünf Sprachen fließend. Für ihn ist der EU-Abschied auch eine persönliche Niederlage.

Fotoreportage Großbritannien: Einblick in die britische Seele
Tauziehen um Britannien. Mitglieder zweier Segelklubs messen sich auf einer Sandbank im Solent. Bis das Wasser kommt…

Tauziehen um Britannien. Mitglieder zweier Segelklubs messen sich auf einer Sandbank im Solent. Bis das Wasser kommt…


Eine Handvoll Nüsse, ein Schluck Wein. Sodann noch ein Blattschuss gegen die Premierministerin. "May führt eine der ältesten Demokratien der Welt – ohne gewählt worden zu sein. Ich hätte mir gewünscht, dass sie diese historische Chance besser nutzt. Sie hätte den Menschen die Wahrheit sagen müssen. Und die Wahrheit ist: Es wird nicht einfach." Ein paar Leute in der Bar schauen sich nun um. Einige tuscheln. Der Mann ist im Kampfmodus.

Seine Partei will, dass es nach den Austrittsverhandlungen ein zweites Referendum geben soll, ein Referendum über das Referendum. Glaubt er wirklich daran? Er überlegt. "Unwahrscheinlich … aber nicht unmöglich."

Unwahrscheinlich deshalb, weil die konservativen Zeitungen im Verbund mit den konservativen Politikern selbst für den Fall des Scheiterns die Verantwortung weiterschieben würden. "Schuld" , sagt er, "schuld sind immer die anderen. Schuld werden die Franzosen sein und Brüssel und ihr Deutschen. So wird das kommen. Warnen Sie Ihre Leser schon mal."

Und dennoch nicht ausgeschlossen, weil die Briten vielleicht doch merkten, dass ein gigantisches Loch klafft zwischen Versprechungen und Tatsachen. "Die letzten Leute, denen der Brexit helfen wird, sind die Leute, die dafür gestimmt haben." Er fragt sich, wohin dann deren Wut geht. "Vielleicht zum nächsten Demagogen?"

Dann muss Nick Clegg los zur Debatte in die Kirche. Er verteidigt dort die europäische Idee. Einer muss es ja tun.

Jenseits des Regenbogens

Man muss noch ein Weilchen an Clegg denken auf der Fahrt durch walisische Hügel und Täler. Hier leben die Menschen, von denen er sprach. Von denen er sagt, dass sie zu Recht wütend seien, weil vergessen von London. Aber ironischerweise nicht von der EU, sie hat Milliarden in die strukturschwache Region gepumpt. Und die doch mit großer Mehrheit für "Leave" stimmten. Hier wohnen die Menschen, die erleben mussten, wie die Banker 2007 den Crash auslösten und davonkamen und jetzt wieder Millionen an Boni kassieren, während sie selbst keine Lohnerhöhungen gesehen haben in vielen Jahren.

Falls sie überhaupt Arbeit haben und nicht auf abgewetzten Stühlen warten in einem gesichtslosen Jobcenter in, sagen wir: Ebbw Vale. 18.000 Einwohner, früher Kohle und Stahl. Heute ein Ort des Stillstands und der Erinnerung an Kohle und Stahl. Draußen, über dem Eingang des örtlichen Verwaltungsgebäudes, hängt ein Schild: "Ein guter Platz, um zu leben und zu arbeiten". Und drinnen empfängt der Bürgermeister Barrie Sutton, 74, Labour-Party sein Leben lang, und erzählt das Gegenteil. Er sagt "fucking madness" über das Referendum. Sie haben künftig noch weniger Geld und noch weniger Jobs, bis zu 40 Prozent der Menschen in der Region leben schon von der Wohlfahrt.

Nach der Abstimmung im vergangenen Juni kamen die Reporter und wollten von den Leuten wissen, warum ausgerechnet in Ebbw Vale 62 Prozent für den Ausstieg votiert hatten, mehr als anderswo in Wales. Ausgerechnet dort, wo die EU Straßen bezuschusst und ein riesiges Berufskolleg und eigentlich so gut wie alles, insgesamt und über die Jahre mehrere Hundert Millionen Euro. Die Stadt ist voll mit Plakaten, die EU-Flagge drauf und das Motto "Hier investieren Wales und die EU für Ihre Zukunft." Sie stehen nun da wie ein höhnisches Mahnmal.

Sutton, ein pensionierter Lehrer, der an der Sorbonne in Paris studierte, spricht jetzt von den schönsten Dummheiten, die er nach der Abstimmung hörte. Sein Favorit ist der hier: "Ich habe für den Austritt gestimmt, weil ich nicht wollte, dass ein Deutscher britische Truppen befehligt." Da biegt er sich fast vor Lachen in seinem holzlaminierten Büro mit Blick übers Tal, wo einst eine der größten Stahlfabriken Europas stand, 12.000 Arbeitsplätze. "Das Geld der EU wird fehlen, und aus London haben wir nichts, aber auch gar nichts zu erwarten. Wir sind Labour-Gegend." Und das sei vielleicht auch der Grund für das Ergebnis. "Es war weniger gegen Europa gerichtet als vielmehr gegen David Cameron und die Konservativen." Es war, sagt der Bürgermeister, eine Abstimmung der Vergessenen, die darüber vergaßen, dass sie die Falschen abstrafen. Jetzt ist es zu spät.

Im Stahl-Museum, neben dem EU-finanzierten Gebäudekomplex mit dem paradoxen Titel "The Works", sitzen vier ältere Herren und erzählen Geschichten von damals, als noch Geld da war und Arbeit. Es läuft eine DVD vom Besuch der Queen zur Eröffnung des Museums vor fünf Jahren. Die vier haben früher im Werk gearbeitet, Luftaufnahmen von einst mit dampfenden Schloten zeigen die Größe, und man versteht ihren Stolz. Auch ihren Groll allerdings. "Jetzt heißt es, wir wären rassistische Idioten, weil die ganze Region für den Brexit gestimmt hat. Aber wir haben früher schon mit Menschen aus ganz Europa zusammen geschuftet." Sagt Noel Evans, 70.


Er hat für den Verbleib gestimmt, nicht aus Überzeugung, eher aus Mutlosigkeit. Sein Freund Alan Waite, 65, war für "Leave". Und er ist auf dieser Reise einer der wenigen, die das offen bedauern. Seine Söhne sprachen hernach eine Woche nicht mehr mit ihm. Sie werden das Tal verlassen, der eine geht nach London, der andere wandert wohl nach Neuseeland aus, "denn hier ist ja nichts mehr, was sie hält". Waite sagt, er schäme sich inzwischen dafür, dass er dem Populisten Nigel Farage und dessen Tiraden von Überfremdung geglaubt habe. Er hätte sich nur umschauen müssen vor der Haustür im Tal. Es leben kaum Ausländer hier. Alan Waite sagt: "Hier gibt es keine Zukunft. Wir haben nur Vergangenheit. Es wird abwärtsgehen. Noch weiter abwärts."

Auf dem Fernsehschirm schüttelt die Königin Hände. Man sieht viele Union Jacks und lachende, fröhliche Menschen. Noel Evans schaut auf die Bilder. Dann fragt er: "Möchten Sie eine Tasse Tee?"

Scheidung durch Brexit

In einer kleinen, hübschen Straße in Hampton südwestlich von London steht ein kleines, hübsches Haus. Darin wohnt Mister Singh. Und Mister Singh müsste wissen, wie es um die Seele der Nation bestellt ist. Er macht das beruflich. Gurpreet Singh arbeitet als Paarberater und Psychotherapeut für die wohltätige Beratungsorganisation Relate, die vermeldet hatte, dass sich ihre Therapeuten sorgen ums Wohl des nationalen Ehewesens. Die Scheidung von Europa spaltet demnach nicht nur Freunde und Familien, sondern zunehmend auch Paare.

Neulich schrieb ein Mann aus Hartlepool, er habe sich von seiner Frau endgültig getrennt. Sie war für out, er für in. Sie glaubte, es gäbe zu viele Immigranten. Er glaubte das nicht. Sie stritten sich ständig, vermutlich nicht nur über den Brexit. So endete ihre bilaterale Beziehung. Ein niederländischer Geschäftsmann will sogar ein Hotel für Eheleute eröffnen, die sich scheiden lassen wollen, das aber möglichst freundschaftlich und schnell, und deshalb für ein Wochenende ein neutrales und zugleich geschmackvolles Ambiente für die ehelichen Exit-Verhandlungen suchen.

Mister Singh bestätigt, dass seit dem Sommer tatsächlich immer öfter auch Männer und Frauen auf seinem Sofa in Hampton sitzen, die neben anderen Dingen auch über den EU-Ausstieg streiten. Sein Job besteht darin, die Leute dazu zu bringen, unausgesprochene Gefühle auszusprechen. Das ist ein schwerer Job, denn im Gefühle zeigen sind Briten nicht gut, eine englische Krankheit. Singh kann zwar keine exakten Zahlen nennen, nur seine Wahrnehmung. Aber diese Wahrnehmung ist klar und deutlich: "Die Menschen haben Zukunftsangst."

Mit lachenden und weinenden Augen

Humor ist der Modus Operandi Britanniens. "Was wären wir ohne unseren Sinn für Humor?", fragte der wunderbare William Rushton einmal. Und sagte: "Deutschland." Rushton war Cartoonist, Komödiant und Schauspieler. Vor allem aber war er Mitbegründer der besten Satirezeitschrift der Welt, "Private Eye".

Das Blatt existiert seit fast 56 Jahren und sieht immer noch so aus wie am Anfang. Die Gestaltung ist konservativ, die Gesinnung alles andere. "Private Eye" ist eine britische Institution und Legende und obendrein das wohl meistverklagte Blatt der Nation. Weil sie kein Pardon kennen, sich mit allen und jedem anlegen ohne Rücksicht auf Rang, Namen – und Verluste. Ein paarmal standen sie deshalb vor der Pleite, verklagt von Mächtigen und Magnaten. Im August, kurz nach dem Brexit-Referendum, zeigte "Private Eye" auf dem Titel die vor der Queen knicksende Premierministerin. Die Königin fragt: "Wie tief können Sie sinken?" Darauf May: "Ich habe Boris Johnson zum Außenminister ernannt."

So geht das seit Ewigkeiten, und es ist herrlich. Aus Sicht von "Private Eye" ist die Welt gerade ziemlich in Ordnung.


Alle paar Wochen, nach Drucklegung der Ausgabe, halten die "Private Eye"-Leute einen Lunch ab, noch so eine Legende. Und das nicht nur, weil es früher im Pub "Coach and Horses" in Soho zu sagenhaften Exzessen gekommen sein soll und sich so ein Lunch durchaus hinziehen konnte bis in die späten Abendstunden und von dort bis zum frühen Morgen. Heutzutage geht es etwas gesitteter zu. Man trifft sich im St. Barnabas House, einer Organisation für Obdachlose, lässt aber nach wie vor das politische Leben beim Essen ironisch Revue passieren. Eine Einladung zum "Private Eye"-Lunch zählt für viele mehr als Ritterschlag oder Dinner in Downing Street. Man kann sich nicht bewerben.

Conférencier der bunten Mittagsrunde aus Politikern, Künstlern, Denkern und gelegentlich Journalisten ist der Chefredakteur Ian Hislop, ein blitzgescheiter Mann, der das Blatt seit 1986 leitet und es gerade zu einem historischen Auflagenhoch geführt hat. Vielleicht war das aber auch Theresa May. Oder Boris Johnson oder Donald Trump.

Bei Forelle und Wild wird angeregt über die Lage des Vereinten Königreichs debattiert, die hoffnungslos ist, aber keineswegs ernst. Die Komödiantin Ayesha Hazarika sagt, sie habe bei der Debatte um Europa das Gefühl vermisst. Worauf es hitzig wird auf britische Art, also wohltemperiert hitzig. "Gefühl?", fragt Hislop höhnisch amüsiert. "Ich habe eher das Gefühl, dass man die Leute entsetzlich unterschätzt hat. Es waren ja nicht nur Kleingeister, die für den Brexit gestimmt haben." Falls nur die Doofen für den Austritt gestimmt hätten, sei das für die vermeintlich Klugen noch peinlicher, weil die noch nicht einmal die Doofen überzeugen konnten. Dem wohnt eine gewisse Logik inne.

Es wird zwar gelacht und gescherzt bei Vorspeise, Hauptspeise und Dessert. Aber darunter und gar nicht tief darunter liegt eine gewisse Melancholie, die Briten eben gern mit Humor überspielen. Sie sind Weltmeister darin. Die Melancholie ist trotzdem da. Eine Redakteurin sagt verstohlen, sie würde die dolle Auflage glatt tauschen, wenn sie nur die EU zurückbekommen könnte.

Nach vier Stunden löst sich die Runde auf. Sie müssen die nächste Ausgabe vorbereiten. Vorne drauf ist Trump, drinnen viel May und der übliche, urkomische Schmäh über Royals, Promis, Politiker. Es sind goldene Zeiten für "Private Eye". Aber Hislop zitiert dann noch den alten Besitzer des Blatts, Peter Cook. Der pflegte zu sagen, dass es schon einmal goldene Zeiten gab für Satire, die 30er Jahre in Berlin. "Und wir wissen ja, wie das ausgegangen ist."

Verlass auf Tradition

Die Exkursion in die britische Seele endet in Lea Mills in den hügeligen Midlands, altes Textil-Territorium. Tags zuvor hat der Schatzkanzler Philip Hammond seinen Haushalt vorgelegt. Er hat gesagt, die Wirtschaft sei stabil, sie wachse um zwei Prozent. Den Brexit erwähnte Hammond nicht mit einer Silbe. Das war entweder klug. Oder schlicht fahrlässig. Niemand weiß, welche Auswirkungen der Austritt auf die Wirtschaft wirklich haben wird. Niemand weiß, ob wirklich Zehntausende von Bankern in London ihren Job verlieren und die Autoindustrie abzieht auf den Kontinent und Investoren nicht mehr kommen. Niemand weiß, ob wirklich die Hälfte der aus der EU stammenden Ärzte und Krankenschwestern das Land verlassen, wie gemutmaßt wird, und das ohnehin moribunde Gesundheitssystem dann komplett kollabiert. Und niemand weiß, ob sich die Schotten wirklich abspalten und damit aus Großbritannien Little Britain machen, ein zunehmend unbedeutendes Eiland in der Nordsee.

Niemand weiß das genau.

Auf ein paar Dinge aber wird Verlass sein. Auf die Königin, die Steuern, Englands ewig dilettierende Fußballnationalmannschaft. Und John Smedley.

Ian Maclean bittet in einen Raum mit lindgrüner Wandtapete, daran Ölgemälde seiner Vorfahren. Sein Urahn war John Smedley, der gründete 1784 die Firma; es ist die älteste noch produzierende Textilfabrik der Welt. Maclean, 49, leitet das Unternehmen seit sieben Jahren. Er musste in dieser Zeit verschlanken, Leute entlassen, und er litt darunter. Als sie gerade wieder auf Kurs und die Löcher im Pensionsfonds für die Angestellten gestopft waren, kam der Brexit.

Das ist die eine Seite.

Die andere ist: "Wir haben in mehr als zwei Jahrhunderten alle Moden und Stürme überstanden." Sie produzierten in Lea Mills die berühmten langen Unterhosen, die nach dem Firmengründer "Long Johns" heißen. Und als man sie nicht mehr brauchte, weil es endlich Heizungen gab, stellten sie um auf feine Pullover aus Baumund Schurwolle, versehen mit dem Markensiegel "Made in England", und exportierten in die ganze Welt. Sein Vorfahre, sagt Maclean an diesem Vormittag, wollte sich von Anfang an nicht abhängig machen von den großen Warenhäusern. Die Produkte waren immer teurer, aber eben auch immer besser als die der Konkurrenz. Das ist das ganze Geheimnis, bis heute.

Hans-Ulrich Jörges' Klartext: Exit aus dem Brexit


John Smedley überstand die Burenkriege, den Ersten Weltkrieg, den Zweiten Weltkrieg, sie arbeiteten da fast ausschließlich für die Armee. Und switchten in Friedenszeiten wieder zurück auf klassische Pullis, die schon die Beatles trugen, die Stones, Marilyn Monroe und auch heute alle möglichen Stars und Sternchen. Vor allem aber: die königliche Familie. Sie überstanden obendrein auch die größte Herausforderung der Firmenhistorie, "die Globalisierung" . Und 2013 kam die Queen in den lindgrünen Raum mit den Ölgemälden und verlieh ihnen den Titel eines Hoflieferanten, den "Royal Warrant".

Nach seinem Exkurs über das Früher und Heute fragt Ian Maclean, ob der Besucher jetzt verstehe, warum er nachts noch schlafe und sich nicht unentwegt sorge über den Fortbestand des Unternehmens. Die Bücher sind voll, die 350 Jobs vorerst sicher. Und wenn man mit ihm durch die alten Produktionsräume schlendert und ihm zuschaut, wie liebevoll er mit seinen Angestellten spricht und mit der Archivarin, die ein Museum aus alten Kleidungsstücken aufbauen will. Wenn man ihn beobachtet, wie er einen 200 Jahre alten Webstuhl streichelt und kurz darauf eine hochmoderne italienische Maschine. Wenn man diesen Ian Maclean also begleitet durch die älteste Textilfabrik der Welt, glaubt man, dass die auch diesen Sturm überstehen wird. Sein Vater, sagt Ian, habe ihm stets gesagt: Die Leute werden uns kaufen, wenn die Qualität stimmt. Alles andere kann er nicht beeinflussen. Die Qualität schon. Warum sollte Schluss sein damit?

Mittags in der Kantine über trockenem Lamm sprach Ian Maclean von seinem früheren Leben bei einer amerikanischen Investmentbank. Und darüber, wie er es nunmehr genieße, jeden Morgen eine Dreiviertelstunde aus Nottingham in die Firma zu fahren. Dann erwähnte er fast beiläufig den Morgen des 24. Juni, den Morgen nach dem Referendum. Er war mit seiner Frau in London. Sie stellten im Hotel den Fernseher an, sahen das Ergebnis und mochten es nicht glauben. Aus dem Fenster konnten die beiden auf St. Paul’s Cathedral blicken, und Ian sprach: "Lass uns rübergehen." Es gibt ein weltberühmtes Foto der Kathedrale aus dem Dezember 1940, "The Blitz". Alles in Schutt und Asche, außer St. Paul’s, das wie ein Wunder steht. Das ikonische Bild heißt "St. Paul’s survives". Einen besseren Ort, sagt Ian Maclean, hätten sie nicht finden können fürs Gebet am ersten Morgen nach dem Brexit.