HOME

Bagdad: Drängeln! Schubsen! Überholen!

Auf Bagdads Straßen spielen die USA offenbar Rambo: Ein im Internet aufgetauchtes Video zeigt, wie Militärfahrzeuge andere Autos abdrängen, schubsen und sogar in Lebensgefahr bringen. Der Grund ist angeblich Sicherheit.

Von Susanne Fischer

Die erste Verkehrsregel, die ich beim Autofahren in Bagdad lernte, hieß: freie Bahn fürs Militär. Wo immer Fahrzeuge der amerikanischen Armee auftauchten, räumte ich mit meinem VW Passat bereitwillig und schnell die Straße. Denn was in dem Video wirkt wie eine Szene aus einem Computerspiel, ist in Bagdad bittere Realität.

Mit Hochgeschwindigkeit rasen US-Soldaten durch die Stadt, im Humvee, aber auch im Panzer oder mit einer ganzen Kolonne von Fahrzeugen. Vor ihnen fahrende Autos werden kurz angehupt, im nächsten Augenblick aber schon rabiat zur Seite geschubst.

Video eines Militärfahrzeugs

Scharfschütze stellt Abstand sicher

Nach hinten stellt, das sieht man auf dem Video nicht, in der Regel ein Scharfschütze mit Sturmgewehr den Abstand zum nächsten Auto sicher. Der Blick in die Mündung diszipliniert ungemein, mehr als jedes "Abstand halten"-Schild. "Hoffentlich kommt kein Schlagloch, oder irgendetwas, das den Mann am Abzug erschreckt", dachte ich jedesmal, wenn ich wegen verstopfter Straßen einem vor mir fahrenden Militärfahrzeug nicht sofort entkommen konnte.

Zur Not rollt sich ein Panzer den Weg auch frei - immer wieder kommt es zu tödlichen Unfällen. Vor der Pathologie in Bagdad traf ich einmal einen Mann, der die Leiche seines Nachbarn abholen wollte. Ammar al-Mashadani, Vater von fünf Kindern, starb auf der Stadtautobahn. Es war kein normaler Verkehrsunfall, sondern das, was die US-Army einen "kampfbezogenen Zwischenfall" nennt: Der Taxifahrer wurde von einem Panzer überrollt, sein Auto im wahrsten Sinn des Wortes platt gemacht.

Rambo-Fahrstil aus Sicherheitsgründen

Der Rambo-Fahrstil hat einen Grund - Sicherheit. Die Soldaten drängeln buchstäblich um ihr Leben. Denn das größte Risiko bei Fahrten über Land oder durch die Stadt sind, was im Militärjargon kurz IED heißt: Improvised Explosive Devices, Sprengsätze, die am Straßenrand versteckt sind, unter einem Müllhaufen oder in einem toten Esel, und mit Fernzünder zur Explosion gebracht werden, wenn ein Armeefahrzeug vorbeifährt. Jeder Stau, jede kleine Verzögerung kann tödlich sein. Und jeder Iraker, der in einem Auto sitzt, aus Sicht der US-Soldaten im Straßenverkehr ein Selbstmordattentäter, der nur darauf wartet, sich neben ihrem Humvee in die Luft zu sprengen.

Gnadenlos werden daher alle von der Straße gescheucht, freie Fahrt nicht für irakische Bürger, sondern für die amerikanische Armee. Wobei irakische Sicherheitskräfte und selbst private Wachdienste kaum rücksichtsvoller agieren. Aufmontierte Gewehre zur Verkehrskontrolle sind in Bagdad keine Rarität. Ein Teufelskreis: Jeder Anschlag macht die US-Soldaten noch nervöser, läßt sie noch schneller durch die Stadt rasen, was das Bild vom rücksichtslosen Besatzer weiter verstärkt, was zu immer neuen Anschlägen führt. Eine Zeitlang galt daher für die US-Armee, sich so weit wie möglich aus den Städten fernzuhalten. Der neue Sicherheitsplan für Bagdad aber sieht eine verstärkte Präsenz von US-Truppen in unruhigen Teilen der Stadt vor. Autofahren bleibt also gefährlich.

Überholen verboten

Wenig empfehlenswert ist es auch, wie ich auf die harte Tour lernte, einen Konvoi aus Militärfahrzeugen auf einer Landstraße zu überholen. Beim ahnunglosen ersten Versuch - der auch der letzte blieb - landete ich fast im Straßengraben. Es ging alles ganz schnell: Einer der Humvees scherte kurz aus und schubste mich von der Straße. Ich schaffte es gerade noch, wieder hinter ihm auf die Fahrbahn zurückzulenken.

Ein einziges Mal habe ich mir das Ganze aus der anderen Perspektive angesehen, bei einer Fahrt von der Grünen Zone, jener militärisch gesicherten Stadt in der Stadt, wo die Gebäude der irakischen Regierung und die US-Botschaft liegen, zum Bagdader Flughafen in Obhut des US-Militärs. Damals, es war im Jahr 2004, fuhren auf der Strecke noch nicht die Rhino Runner, schwer gepanzerte Busse, denen sogar ein Selbstmordattentäter wenig anhaben kann.

Wir fuhren in einem weißen Landcruiser, auch die waren als Standardfahrzeuge aller Offiziellen ein beliebtes Angriffsziel. Drei Soldaten fuhren mit, am offenen Fenster das Gewehr im Anschlag, mit Plastikbrillen und Schals gegen den Fahrtwind vermummt. Sie suchten permament die Umgebung nach versteckten Angreifern ab, über ein Funkmikrophon riefen sie sich Kommandos wie "Brücke links sauber" oder "Kreuzung rechts klar" zu. Dabei schwenkten sie ihr Gewehr immer in Blickrichtung mit, was für neben oder hinter uns fahrende Autos den Eindruck erweckte, ständig im Visier zu sein.

Die Menschen in den anderen Autos guckten ängstlich oder voller Haß, niemand sah freundlich herüber. Für Blickkontakte blieb ohnehin keine Zeit bei 130 Stundenkilometern im Stadtverkehr. Die absurde Geschwindigkeit hatte einen Vorteil: Die unangenehmste Autofahrt meines Lebens war schnell vorbei. Mit weichen Knien stieg ich nach 15 Minuten am Flughafen aus.