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Benjamin Ferencz: Der Welt-Verbesserer

1946 war Benjamin Ferencz Chefankläger vor dem Nürnberger Tribunal, heute kämpft er für die Anerkennung des Internationalen Strafgerichtshofs durch die USA.

Vor dem Nürnberger Tribunal sind 22 Nazis angeklagt. Mit ihren Einsatzgruppen sollen sie über eine Million Menschen umgebracht haben. Alle 22 werden 1946 verurteilt, zwölf von ihnen zum Tode. Chefankläger ist ein gerade 27 Jahre alter Absolvent der Harvard Law School. Es ist sein erster Fall. Und doch hat Benjamin Ferencz damals schon mehr gesehen als seine Altersgenossen. Er war dabei, als seine Einheit in das KZ Mauthausen eindringt. Später, als die Alliierten Lager um Lager befreien, schickt man ihn hinein, um Beweise gegen die Nazis zu sichern. Manchmal wühlt er mit bloßen Händen in Massengräbern auf der Suche nach Belegen für die Verbrechen der Lagerkommandeure. "Camps wie Buchenwald, Mauthausen und Dachau sind in mein geistiges Auge eingebrannt", erinnert er sich. "Auch heute noch, wenn ich die Augen schließe, sehe ich eine tödliche Vision, die ich nie vergessen kann - die Krematorien im Widerschein der Feuer, in denen menschliches Fleisch verbrannt wird, die Berge von Körpern, die zum Verbrennen aufgestapelt sind - ich habe einen Blick direkt in die Hölle getan."

Richtlinien für alle Nationen

"Von diesem Trauma", sagt Ferencz, rühre "eine bedingungslose Bestimmung her, nach einer Herrschaft des Gesetzes zu streben, unter der alle Menschen in Frieden und Würde leben können". Und so kämpft er seit über einem halben Jahrhundert für Richtlinien, an die sich alle Nationen dieser Erde halten sollen.

Seine Kindheit verbringt Ferencz im übelsten Bezirk von Manhattan. "Hell's Kitchen" werden die Straßenzüge genannt, "Küche der Hölle". Hierher sind seine Eltern aus den transsylvanischen Karparten gezogen. "Meine Eltern waren Analphabeten", erinnert er sich. "Sie hatten keine Begabungen - nur zwei kleine Kinder." Benjamin behauptet sich gegen die Trostlosigkeit seiner Umgebung, beendet die Schule, geht aufs College. Erhält ein Stipendium für Harvard. Doch bevor er als Anwalt arbeiten kann, kommt der Krieg.

"Ich beschloss, den Weltfrieden zu retten"

Nach dem Einsatz in Europa kehrt Ferencz in die USA zurück und spezialisiert sich auf Zivilrecht. Bis zu seinem 50. Geburtstag. "Da lag ich am Strand von Puerto Rico und überlegte, was ich mit dem Rest meines Lebens machen sollte. Und ich beschloss, den Weltfrieden zu retten." Unter dem Titel "Planethood" veröffentlichte er ein Buch, in dem er mit Co-Autor Ken Keyes Jr. in einfachen Schritten erklärt, wie sich jeder Bürger für eine internationale Gesetzgebung und die Durchsetzung von UN-Reformen einsetzen kann. Das Buch verkauft sich fast eine halbe Million Mal. Ferencz? Stunde kommt, als die Uno 1998 die Einrichtung eines ständigen Internationalen Strafgerichtshofes beschließt. Seither sitzt der mittlerweile 83-Jährige in Vorbereitungs-Komitees und geht, wenn es sein muss, für seinen Traum auch auf die Straße - selbst wenn seine Frau Gertrude ihn manchmal neckt: "Warum benimmst du dich nicht endlich deinem Alter entsprechend und ziehst nach Florida?"

Ferencz kann nicht fassen, dass ausgerechnet die USA gegen den Internationalen Strafgerichtshof opponieren und es strikt ablehnen, ihre Staatsangehörigen denselben Regeln zu unterwerfen wie die Bürger aller anderen zivilisierten Staaten der Welt. Am 11. März hat er sich in Den Haag wieder zu Wort gemeldet und einen amerikanischen Präsidenten zitiert: "Wir haben vor uns die Gelegenheit, für uns und für zukünftige Generationen eine neue Weltordnung zu prägen, eine Welt, in der die Ordnung des Gesetzes und nicht das Gesetz des Dschungels das Zusammenleben der Nationen bestimmt." So sprach George Bush senior am 16. Januar 1991 zu seiner Nation. "Ich denke", so Ferencz, "der derzeitige Präsident würde gut daran tun, auf seinen Papa zu hören."

Angelika Franz / print
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