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Bevorstehende Angriffe Tausende Einwohner im Norden von Gaza flüchten


Israels Armee fordert die Bewohner einer Ortschaft im Norden von Gaza zur Flucht auf. Mit Flugblättern, SMS und automatisierten Anrufen wird ihnen klargemacht: Ihr Wohnort ist nicht mehr sicher.

Nach einer Schreckensnacht mit zahlreichen Bombardements und Warnungen der israelischen Armee vor einer Offensive waren am Sonntag tausende Bewohner des nördlichen Gazastreifens auf der Flucht. In der Kleinstadt Beit Lahija leerten sich ganze Straßenzüge, als die Menschen bepackt mit dem, was sie tragen konnten, zu Fuß, mit Autos, auf Esels-und Pferdekarren ihr Heil weiter im Süden suchten. Am Samstag war in der selben Ortschaft eine israelische Rakete in einem Behindertenheim explodiert.

"Letzte Nacht gab es um uns herum so viele Einschläge, dass niemand schlief. Es war grauenhaft", berichtet ein Mann namens Farid. Er wolle zusammen mit den anderen sechs Familienmitgliedern "in einer Schule oder an einem anderen sicheren Ort" Zuflucht suchen. Sein Motorrad hat er hoch mit Decken bepackt.

Mohammed Sultan hat seine fünf Kinder und die wichtigste Habe hastig auf einen Pferdekarren gepackt. Mit den Erwachsenen der Familie läuft er nebenher zu einer Schule der UNRWA, des Hilfswerks der UN für Palästina-Flüchtlinge. Er habe kein Flugblatt der israelischen Armee gesehen, das zur Evakuierung aufforderte. "Wir wurden nicht gewarnt. Aber letzte Nacht wurde um uns herum so viel gefeuert, dass wir um das Leben unserer Kinder fürchten. Das ist richtiger Krieg", sagt er.

Die Armee hatte am Sonntagvormittag die Bewohner mehrerer Viertel der 40.000 Einwohner zählenden Stadt am Mordrand des Gazastreifens aufgefordert, "umgehend" die Flucht Richtung Süden zu ergreifen. Gewarnt wurden die Menschen per SMS, mit Flugblättern und automatisierten Anrufen. Israel kündigte massive Angriffe auf Aktivisten und Abschussrampen der islamistischen Hamas an. Laut offiziellen palästinensischen Angaben kamen innerhalb von sechs Tagen mindestens 160 Palästinenser ums Leben, darunter etwa 135 Zivilisten. 30 der zivilen Opfer seien Kinder. Auf israelischer Seite gibt es keine Todesopfer. Erstmals schickte Israel für kurze Zeit Bodentruppen nach Gaza.

Samari al-Atar aus dem besonders getroffenen Stadtviertel Atatra ist schon in der Nacht mit ihren Kindern in eine UNRWA-Schule in Gaza-Stadt geflohen. "Wir hatten im Haus einen Raum besonders geschützt, aber als wir draußen die Menschen schreien hörten und sahen, dass viele auf der Flucht waren, haben wir uns schnell angeschlossen", berichtet sie.

Anlaufstelle für Flüchtlinge

"Es war mitten in der Nacht, die Kinder waren alle in heller Panik", sagt sie und bricht in Tränen aus, bevor sie weiter erzählen kann: "Sogar während der Flucht knallte es weiter um uns herum. Wir konnten nichts mitnehmen, die Kinder waren barfuß." Diese malen derweil mit bunter Kreide auf eine Schultafel feuernde israelische Hubschrauber und Panzer sowie palästinensische Raketen.

UNRWA-Sprecher Chris Guinness bestätigt, dass der Strom von Schutzsuchenden stark anschwillt: "Noch in der Nacht haben wir für Binnenflüchtlinge sieben neue Einrichtungen geöffnet." Bis mittags trafen dort bereits rund zweitausend Flüchtlinge ein, weitere waren auf dem Weg.

Am Wochenende lieferten sich Israel und die Hamas die bislang schwersten Angriffe seit Beginn der Eskalation vor fast einer Woche. Die Islamisten feuerten vom Gazastreifen aus in einer koordinierten Aktion Raketen auf die Wirtschaftsmetropole Tel Aviv und den wichtigsten Flughafen Israels in Tel Aviv ab. Die Streitkräfte des jüdischen Staates nahmen das Haus des Polizeichefs von Gaza ins Visier und töteten nach palästinensischen Angaben dabei 18 Menschen. Trotz des wachsenden internationalen Drucks gibt es keine Anzeichen für ein rasches Ende des Konflikts.

Bei der Raketensalve, die die Hamas auf Tel Aviv am Samstagabend abfeuerte, handelte es sich um die größte Attacke auf die Großstadt seit Beginn der Eskalation vor einer Woche. Hunderttausende Israelis suchten Schutz, während Bewohner von Gaza-Stadt den Angriff feierten und auf Dächern "Gott ist groß" riefen. Nach Angaben der Streitkräfte wurden am Samstag drei Raketen über Tel Aviv abgeschossen. Eine weitere sei auf freiem Feld gelandet. Am Sonntagmorgen gab es erneut Luftalarm: Betroffen waren der internationale Flughafen Ben Gurion und mehrere Vororte Tel Avivs.

anb/AFP/Reuters Reuters

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