HOME

Blutige Unruhen in Kairo: Regierung sieht Ägypten in Gefahr

26 Tote und hunderte Verletzte: Das ist die Bilanz der Zusammenstöße von koptischen Christen, Muslimen und Sicherheitskräften in Kairo. Regierungschef Scharaf befürchtet einen Komplott gegen die Demokratie.

Acht Monate nach dem Sturz von Präsident Husni Mubarak ist es in Ägypten erneut zu schweren Unruhen gekommen. Bei einer Demonstration von koptischen Christen in Kairo starben 26 Menschen. Polizeibeamte und Krankenhausärzte sagten am Montag, bei den Toten handele es sich um 22 christliche Demonstranten und 4 Soldaten.

Nach den Zusammenstößen zwischen Kopten, Muslimen und Sicherheitskräften am Sonntagabend wurden 197 Verletzte in den Krankenhäusern der Stadt behandelt, mehr als 150 weitere Menschen wurden leicht verletzt. Es waren die schwersten Ausschreitungen in Ägypten seit Mubaraks Sturz, Regierungschef Essam Scharaf sagte, das Land sei "in Gefahr".

Mehrere tausend koptische Christen hatten am Abend zunächst friedlich gegen einen Brandanschlag auf eine Kirche in der Region Assuan demonstiert. Kurz nachdem der Demonstrationszug das Gebäude des staatlichen Fernsehens erreicht hatte, kam es aus zunächst ungeklärter Ursache zu ersten Zusammenstößen. Demonstranten warfen Steine auf Polizisten und Soldaten, die das Gebäude bewachten, und setzten Autos in Brand. Die Sicherheitskräfte gaben Schüsse in die Luft ab und setzten Tränengas ein, um die Menge auseinanderzutreiben. Laut einem koptischen Priester starben allein fünf Demonstranten, als sie von einem Armeefahrzeug überfahren wurden. Weitere Opfer hätten Schusswunden aufgewiesen.

Autos standen in Flammen

Auf ihrem Demonstrationszug quer durch die Stadt hatten die Kopten Kreuze geschwenkt und "Nieder mit dem Marschall" skandiert, womit sie Armeechef Hussein Tantawi meinten, den derzeitigen Leiter des regierenden Militärrats.

Später gingen Kopten und Muslime in der Nähe des Krankenhauses im Stadtzentrum, in das die Toten und Verletzten der abendlichen Ausschreitungen gebracht worden waren, mit Stöcken und Steinen aufeinander los. In einer benachbarten Straße standen mehrere Autos in Flammen. Einige Demonstranten zapften Benzin aus parkenden Autos, um Brandsätze daraus zu basteln.

Die Behörden verhängten eine nächtliche Ausgangssperre über Teile der Hauptstadt. Die fünfstündige Ausgangssperre galt bis 7 Uhr am Montagmorgen, wie das Staatsfernsehen berichtete. Betroffen waren demnach die Viertel von Maspero, wo das Gebäude des staatlichen Fernsehens liegt, bis zum Abassija-Platz in der Nähe der koptischen Kathedrale.

"Kräfte versuchen, die Demokratie zu unterminieren"

Ministerpräsident Scharaf verurteilte die Ausschreitungen als "unnötige Gewalt" und forderte Christen und Muslime zu "Zurückhaltung" auf. Es handele sich jedoch nicht um religiöse Auseinandersetzungen, sondern um den Versuch, "Chaos zu verursachen", sagte er in einer nächtlichen Fernsehansprache. Das Ziel des "Komplotts" sei, die für Ende November geplanten Wahlen zu behindern. Es gebe den Verdacht, "dass Kräfte von innen und außen versuchen, die Demokratie in Ägypten zu unterminieren", erklärte Scharaf nach Angaben einer Al-Dschasira-Korrespondentin aus Kairo. "Diese Ereignisse werfen uns zurück."

Das Kabinett sollte am Montag in einer Sondersitzung über die Ausschreitungen beraten. Scharaf steht der nach dem Sturz Mubaraks im Februar eingesetzten Übergangsregierung vor, die eigentliche Macht liegt jedoch beim Militärrat.

Bereits vor eine Woche waren hunderte koptische Christen nach der Brandstiftung an der Kirche in Assuan auf die Straße gegangen. Sie war von jungen Muslimen in Brand gesetzt worden, nachdem der örtliche Gouverneur erklärt hätte, das Gotteshaus sei ohne behördliche Zustimmung errichtet worden.

Seit Monaten mehren sich in Ägypten die Angriffe auf die Kopten, die bis zu zehn Prozent der Bevölkerung stellen. Sie klagen seit langem über Diskriminierung und warnen, dass seit Mubaraks Sturz der Einfluss der Islamisten gestiegen sei. Die ägyptische Regierung kommt am Montag zu einer Dringlichkeitssitzung zusammen. Wie das Staatsfernsehen berichtete, berief der amtierende Regierungschef Essam Scharaf das Kabinett für den Nachmittag ein.

che/AFP/DPA / DPA