Bolivien Armes reiches Land


Obwohl Bolivien reich an natürlichen Ressourcen ist, lebt ein Großteil der Bevölkerung in bitterer Armut. Die Bolivianer setzen ihre Hoffnungen auf den neuen Präsidenten Evo Morales und den indianischen Gott des Wohlstands Ekeko.

Zeugnisse, Häuser, Luxuskarossen - auf dem Fest zu Ehren Ekekos kann man alles kaufen, allerdings nur als wertlose Miniatur. Ekeko soll es zum Wachsen bringen, ist die Hoffnung der Bolivianer, die an den indianischen Gott des Wohlstands glauben. Die 20 Jahre alte Rosario Espinosa hat sich ein winziges Zertifikat gekauft, das sie als Krankenschwester ausweist. Die junge Indio-Frau ist arbeitslos und würde sich gerne zur Krankenschwester ausbilden lassen. Nun hofft sie auf Ekeko - und die neue Regierung: "Es gibt zu wenig Arbeit und zu viel Armut. Vielleicht kann der neue Präsident das ändern." Präsident Evo Morales hat seinen Bürgern ein "neues Bolivien" versprochen.

Das "alte Bolivien" bedeutet Armut, Korruption, Rassismus und eine am Boden liegende Infrastruktur. Die Probleme des Landes sind so umfassend, dass sich die Frage stellt, wo die Regierung anfangen soll, sie zu bekämpfen. Wird das Geld aus dem ohnehin viel zu knappen Etat am besten in Straßen investiert, die der armen Landbevölkerung Zugang zu Märkten und Bildung verschaffen? Oder hilft es mehr, Krankheiten und Unterernährung zu bekämpfen? Und vergisst man dabei nicht den Kampf gegen den Schmuggel, der die Regierung Unmengen Einnahmen beraubt?

Nur wenige Geldreserven

Die Reserven der bolivianischen Zentralbank belaufen sich auf umgerechnet karge 1,3 Milliarden Euro - dies entspricht ungefähr dem Preis, der kürzlich für das Mode-Unternehmen Tommy Hilfiger bezahlt wurde. Das Bruttoinlandsprodukt liegt bei 7,2 Milliarden Euro - soviel wurde in den USA schon vor zwei Jahren allein im Weihnachtsgeschäft über das Internet ausgegeben. Mehr als zwei Drittel der 8,5 Millionen Bolivianer leben in extremer Armut. Die Lebenserwartung eines Bolivianers liegt 13 Jahre niedriger als die eines US-Bürgers. In der Hauptstadt streifen Jungen, die oft kaum älter als fünf Jahre sind, durch die Straßen und bieten ihre Dienste als Schuhputzer an. Einmal Schuheputzen kostet bei ihnen einen Boliviano, das sind elf Cent. Viele von ihnen sind obdachlos und schnüffeln Klebstoff.

Im Hochland der Anden, auf unwirtlichen 4000 Metern Höhe, leben viele Bauern ausschließlich von Kartoffeln. Abwechslung kommt nur durch verschiedene Arten der Zubereitung auf den Teller. Sie wohnen in strohgedeckten Lehmhütten und müssen auch bei Temperaturen unter Null ohne Strom und sauberes Trinkwasser auskommen. Die Hälfte der Kinder in Bolivien unter fünf Jahren ist wegen Unterernährung im Wachstum zurückgeblieben, wie das Ernährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) ermittelt hat.

Unsichtbar im eigenen Land

Der venezolanische Präsident Hugo Chavez hat Morales finanzielle Hilfe versprochen, um die Landbevölkerung mit Ausweisen auszustatten. Ohne Papiere sind viele unsichtbar im eigenen Land, sie können nicht wählen und keine Rente beziehen. Hoffnung macht den Bolivianern auch, dass in den vergangenen Jahren neue Erdgasvorkommen nachgewiesen wurden. Nach Venezuela ist Bolivien nun das Land mit den zweitgrößten Gasreserven in Südamerika. Wenn es Morales gelingt, mehr Kontrolle über die Gewinne zu erlangen und bessere Verkaufspreise zu erzielen, könnte Bolivien jedes Jahr mehrere hundert Millionen Dollar mehr einnehmen.

Viele Bolivianer erzählen Besuchern auch stolz, dass das Land reich an Erdöl, Zinn, Tropenhölzern und Gold ist. So bleibt die Frage, weshalb das Land trotz seines Reichtums so arm ist. Viele Bolivianer zeigen auf die großen Unternehmen aus dem Ausland und auf korrupte Politiker. Sie werfen ihnen vor, sich mit den Reichtümern des Landes davonzumachen wie einst die Spanier in der Kolonialzeit. Andere sind davon überzeugt, dass sich das Land über die Rohstoffe hinaus entwickeln muss. Sie sehen großes Potenzial in der Landwirtschaft und der Textilindustrie. Doch die Armut in Bolivien hat schon seit Generationen Bestand. Und auch wenn Morales' Versprechungen seine Wähler begeistert haben, bleibt doch ein gewachsenes Misstrauen in die Politik. Und so wenden sich viele dem pausbäckigen Indio-Gott Ekeko mit seinem Schnurrbart zu, der aus den billigen Mini-Attrappen echten Reichtum und echte Qualifikationen machen soll. Das Fest zu Ehren des Gottes hat Morales in diesem Jahr wenige Tage nach seiner Vereidigung selbst eröffnet.

Fiona Smith/AP AP

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