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"Dirty Dossiers" und Beleidigungen Der Null-Anstand-Wahlkampf: Die Schlammschlacht um Johnsons Nachfolge hat begonnen

Boris Johnson, Premierminister von Großbritannien
Boris Johnson, Premierminister von Großbritannien: Das "darwinistische System" werde schon einen neuen Parteichef oder eine neue Parteichefin hervorbringen
© Dan Kitwood / Getty Images
Unredlichkeit hat Boris Johnson in letzter Konsequenz zu Fall gebracht. Die Anwärter um seine Nachfolge haben aber offenkundig kein Interesse daran, mit besserem Beispiel voranzugehen.

War es eine Drohung, eine Abrechnung? Jedenfalls waren es bemerkenswerte Worte, die Boris Johnson für seinen Rücktritt auf Raten vor dem Regierungssitz 10 Downing Street wählte.

Wenn sich "die Herde" der Partei bewege, so Johnson am Donnerstag, sei sie nunmal kaum mehr aufzuhalten. Traurig sei das, immerhin gebe er nun den "besten Job der Welt" auf. Aber niemand sei unersetzlich, das "darwinistische System" werde schon einen neuen Parteichef oder eine neue Parteichefin hervorbringen.

In anderen Worten: Nur die Stärkeren überleben.

Nun, wo das Rennen um seine Nachfolge auch formell beginnt, könnten Johnsons Worte beinahe als gut gemeinte Warnung gelesen werden. In seiner konservativen Tory-Partei deutet sich eine Schlammschlacht um den Parteivorsitz an, der geradewegs ins Amts des Premiers führt – und offenkundig mit harten Bandagen geschlagen wird. 

Es kursieren diffamierende Dossiers über Kandidaten, die Bewerber werden via anonymisierten Wortmeldungen in Medien gebrandmarkt und unangenehme Durchstechereien sollen Erfolgschancen schmälern.    

Keine Frage: Guter Stil ist das nicht. Besonders bezeichnend ist aber, dass die Schlammschlacht offenbar unter jenen Politikern ausgetragen wird, die dem Premier noch vor wenigen Tagen mangelnden Anstand vorgeworfen hatten – und damit in Teilen ihren Rücktritt erklärten (obwohl sie ihn kurz zuvor noch wortreich unterstützen).

Vor diesem Hintergrund wundert es kaum, dass sich die britische Kulturministerin Nadine Dorries mit Blick auf die Nachfolge-Aspiranten, und ihrem kühlen Opportunismus, von der "Times" mit den Worten zitieren ließ: "Sie werden sich in den Medien in Stücke reißen. Es wird ein Blutbad." 

Die "Dirty Dossiers" 

Noch wird sich zeigen müssen, ob das martialische Sprachbild belastbar ist. Dass der Wahlkampf mindestens unschön wird, scheint hingegen gewiss. Nur drei Tage nach Johnsons Statement zu seinem Rückzug berichtete die "Sunday Times" von "schmutzigen Dossiers", die in Westminster kursieren.

Demnach hätten mindestens zwei rivalisierende Wahlkampfteams der oppositionellen Labour-Partei eine digitale Schmutzakte übergeben, die eine Reihe reißerischer und kompromittierender Anschuldigungen über die potenziellen Tory-Gegner enthalte. Potenziell, weil: Zahlreiche Tory-Politiker bekundeten zwar ihr Interesse am Parteivorsitz, das offizielle Auswahlverfahren hat aber erst am Dienstag begonnen. Insofern sollten die "dirty dossiers", wie die Zeitung schlagzeilte, wohl schon im Vorfeld Unruhe stiften.

Darin soll es um fragwürdige finanzielle Arrangements gehen, aber auch "weit verbreitete Gerüchte über Kandidaten" würden ihren Platz finden, zitierte das Blatt einen hochrangigen Tory-Politiker, der von "Sadomasochismus", "Bondage", "unangemessene Beziehungen" und "expliziten Fotos" sprach. "Es wurde sogar behauptet, dass einer der Anwärter verlangt, dass die Mitarbeiter ihm seine Regierungspapiere vorbeibringen, während er in der Badewanne sitzt."

  

Das Kalkül ist offensichtlich: Die rivalisierenden Konservativen bewerfen sich mit Dreck, in der Hoffnung, dass etwas von dem Schmutz hängen bleibt – und die Erfolgschancen des anderen geschmälert werden. Im Fokus der Schlammschlacht stehen somit auch jene Namen, die in den Umfragen derzeit am heißesten für die Johnson-Nachfolge gehandelt werden.

Gute Chancen werden etwa Penny Mordaunt zugeschrieben, die unter Konservativen gerade die Spitzenposition in der Umfrage von "Convervative Home" hält. Die Handelsministerin versucht sich als Gegenmodell von Johnson zu inszenieren – und wird bereits als "Penny Dormant" verunglimpft, sozusagen als Schlaftablette, die "absolut nichts" in der Regierung bewegt und es auch noch anderen überlassen habe, Johnson abzusägen.

Auch Rishi Sunak bekommt bereits sein Fett weg. Der ehemalige Finanzminister gehörte zu den ersten, die aus Protest ihren Rücktritt erklärten – und bekommt von mutmaßlichen Unterstützern Johnsons nun die Retourkutsche dafür. Sogenannte Insider, die dem Premier nahestünden, ließen sich in der "Financial Times" mit den Worten zitieren, Sunak sei ein "verräterischer Dreckskerl" ("a treacherous bastard") und habe praktisch keine Ahnung von seinem Job gehabt. Obendrein kursierten in WhatsApp-Gruppen der Konservativen ebenfalls Schmutzdossiers, berichtete unter anderem der "Guardian", in denen ihm Lügen und Opportunismus vorgeworfen werden.

Um nur zwei namentliche Beispiele zu nennen.

Das dürfte erst der Anfang sein

Zu einem weiteren Faktor im Schmutz-Wahlkampf könnte auch Dominic Cummings werden, der ehemalige weil in Ungnade gefallene Top-Berater Johnsons, der auch schon seinen früheren Chef hart anfasste. Offenbar hat das Mastermind hinter der Brexit-Kampagne auch eine Rechnung mit den Tory-Hoffnungsträgern offen. 

Am Freitag schrieb Cummings in einem Tweet, dass "mindestens drei aktuelle Kandidaten noch schlechter als Boris" seien. "Mindestens eine(r) ist noch wahnsinniger als (Außenministerin Liz) Truss, eindeutig ungeeignet, um in der Nähe von Nuklearcodes zu sein." Später ergänzte er in einem weiteren Tweet, Kenntnis über sexuelle Beziehungen zu haben. Namen nannte er dabei nicht. Noch nicht.

Sehen Sie im Video: Johnson will erstmal Premier bleiben: Reporterin berichtet über Stimmung in London.

Und das alles dürfte erst Anfang sein. Das offizielle Auswahlverfahren um die Johnson-Nachfolge hat gerade erst begonnen, die Kandidaten waren am Dienstag aufgerufen, ihre Bewerbungen bis zum Abend einzureichen. Bislang haben rund ein Dutzend im Vorfeld ihr Interesse bekundet. Gewählt wird sozusagen nach K.-o.-System, bis sich nur noch zwei Aspiranten in einer finalen Abstimmung gegenüberstehen.

Die Nachfolge soll zügig, bis zum 5. September, geklärt sein. Bei diesen Aussichten erscheint der Wunsch nach einem schnellen Prozedere nachvollziehbar. 


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