HOME

Die Gegner im Doppelporträt: UK-Wahl: Boris Johnson und Jeremy Corbyn – der "Weltkönig" gegen den modernen Robin Hood

Boris Johnson war in Eton und Oxford – ein echtes Oberschicht-Gewächs. Und trotzdem spricht er den kleinen Mann an. Jeremy Corbyn war Gewerkschafter, bevor er in die Politik ging - seine Popularität schwindet. Ein Doppelporträt vor der Wahl in Großbritannien.

Mit dem Dauerbrenner Brexit hat Boris Johnson es im Juli in die Downing Street geschafft, mit der Parole "Get Brexit Done" will er diese Bastion nun bei der Parlamentswahl an diesem Donnerstag verteidigen. Der britische Premierminister ist vollkommen darauf fixiert, dass der Austritt Großbritanniens aus der EU nun endlich abgehakt wird.

Sein Gegner von der Labour-Partei, Jeremy Corbyn, will den Brexit noch einmal verschieben, um einen eigenen Austritt-Deal auszuhandeln, über den die Briten in einem zweiten Referendum abstimmen sollen. Die Alternative dazu wäre ein Verbleib in der Staatengemeinschaft. Die beiden – sehr unterschiedlichen – Politiker im Porträt.

Boris Johnson: Zweiter Churchill oder skrupelloser Selbstdarsteller?

Als Boris Johnson nach seiner Wahl zum Tory-Parteichef und Premier vor die Tür der Downing Street 10 trat, klang es, als wäre Großbritannien im Krieg und dem Land stünde eine Entscheidungsschlacht bevor: "Die Zweifler, die Untergangspropheten und Pessimisten werden wieder danebenliegen", rief er. Lieber wolle er "tot im Graben" liegen, als eine Verlängerung der Brexit-Frist am 31. Oktober zu beantragen, verkündete Johnson kurze Zeit später. Doch am Ende musste er sich dem Willen der Mehrheit im Parlament fügen.

Aus seinem angedrohten Brexit ohne Abkommen wurde genauso wenig etwas, wie aus seinem eilig nachverhandelten Brexit-Deal. Immerhin setzte er sich im vierten Versuch mit seinem Wunsch nach einer Neuwahl durch. Johnson regierte seit Anfang September ohne Mehrheit im Parlament - teils rücksichtslos. Als eine Gruppe von Tories gegen die Regierung stimmte, warf er sie kurzerhand aus der Fraktion.

Johnson wird das Talent nachgesagt, den vermeintlich einfachen Mann anzusprechen. Tatsächlich gehört Alexander Boris de Pfeffel aber zur Oberschicht. So besuchte er das Elite-Internat Eton und studierte an der Uni Oxford. In New York als Sohn eines erfolgreichen Beraters für Umweltfragen geboren, war ihm schon als Kind klar, dass er für Höheres bestimmt war. Auf die Frage, was er einmal werden wolle, habe er geantwortet: "Weltkönig", sagte seine Schwester Rachel einmal.

Johnsons Vorgängerin Theresa May hatte zwar einen Brexit-Deal mit der EU ausgehandelt, doch sie konnte ihn nicht durch das Parlament bringen. Vor allem wegen des Widerstands in ihrer Partei - auch Johnsons. Am Ende war sie zum Rücktritt gezwungen.

Nun inszeniert sich Johnson als Retter in der Not. Sein Vorbild könnte Winston Churchill sein. Über den Kriegspremier veröffentlichte er eine Biografie und bekannte, es handele sich um den Helden seiner Kindheit. "Er will als derjenige gesehen werden, der das Land durch einen Blut-Schweiß-und-Tränen-Moment führt", wurde Johnson vom belgischen Europa-Abgeordneten Philip Lamberts charakterisiert.

Jeremy Corbyn: Moderner Robin Hood oder gefährlicher Zauderer?

"Oh, Jeremy Corbyn!" - noch vor zwei Jahren schallte dem britischen Labour-Chef der eigene Name zehntausendfach entgegen beim Glastonbury-Festival, einer Art Woodstock im Südwesten Englands. Corbyn wurde gefeiert wie ein Rockstar. Bei der Wahl kurz davor hatte er den Konservativen mehr als zwei Dutzend Mandate abgejagt und sie in eine Minderheitsregierung gezwungen. Nun wird erneut gewählt.

Der prinzipientreue Corbyn arbeitete für Gewerkschaften, bevor er in die Politik ging. Dem Unterhaus gehört er schon seit 1983 an. Zeitweise galt der 70 Jahre alte Corbyn als eine Art moderner Robin Hood, der es von den Reichen nehmen will, um es den Armen zu geben. Die Begeisterung für den Altlinken scheint aber weitgehend abgeebbt. Das könnte an der lange unklaren Haltung Corbyns zum Brexit liegen. Beim Brexit-Referendum 2016 sprach sich Corbyn zwar für den Verbleib in der Europäischen Union aus, er war aber immer Europaskeptiker.

Der Labour-Chef will bei einem Wahlsieg erneut mit Brüssel verhandeln; dieses Mal soll aber eine engere Bindung an die EU vereinbart werden. Beispielsweise spricht sich Corbyn für eine Mitgliedschaft in der europäischen Zollunion aus. Er will das Land auch eng an den Binnenmarkt binden. Diesen Deal will er dann innerhalb von sechs Monaten den Briten in einem zweiten Referendum vorlegen. Die Alternative wäre, in der EU zu bleiben. Corbyn will dabei "eine neutrale Position" einnehmen, ließ er vor Kurzem wissen.

Wichtiger als der Brexit sind ihm aber ohnehin soziale Themen wie die Wohnungsnot, das marode Gesundheitssystem und die Bildung. Zu seinen umstrittensten Plänen gehört die Verstaatlichung verschiedener Bereiche der Grundversorgung - etwa die Energie- und Wassernetze sowie Post und Eisenbahn. Unternehmerverbände laufen Sturm dagegen.

Corbyns größtes Problem sind aber die Antisemitismus-Vorwürfe gegen seine Partei und teils gegen ihn selbst. Der 70-Jährige macht sich seit Langem für die Interessen der Palästinenser stark - einseitig, wie Kritiker finden. Zudem wird ihm vorgeworfen, nicht entschieden genug gegen antisemitische Auswüchse bei Labour vorzugehen.

anb / DPA / AFP