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"Nationales Flaggschiff" Boris Johnsons nächster Coup: ein 200-Millionen-Schiff, auf dem er Staatsgäste empfangen kann

Britannia
Die königliche Jacht "Britannia" war das letzte nationale Flaggschiff Großbritanniens - es wurde 1997 außer Dienst gestellt
© DPA
Käpt'n Boris hält Kurs: Großbritanniens Premierminister will für 200 Millionen Pfund ein "nationales Flaggschiff" bauen. Es soll Schauplatz von Gipfeltreffen und Handelsgesprächen werden – und die Großartigkeit des Post-Brexit-Britanniens in die Welt tragen.

In den letzten Wochen musste sich Boris Johnson mit einigen äußerst unangenehmen Themen herumschlagen. Da sind die Diskussionen um die Luxusrenovierung seiner Dienstwohnung (Stichwort goldene Tapeten) und einen teuren Karibikurlaub, die beide von Spendern bezahlt worden sein sollen. Da sind die aufmüpfigen Schotten, die nach der Regionalwahl umso vehementer eine Unabhängigkeit anstreben. Und da ist Johnsons früherer Chefberater Dominic Cummings, der ihm im Parlament öffentlich vorwarf, bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie versagt zu haben und generell nicht für das Amt des Premierministers zu taugen.

Doch Boris Johnson wäre nicht Boris Johnson, wenn er es nicht verstünde, umgehend wieder für positivere Schlagzeilen und Bilder zu sorgen. Am Wochenende überraschte er das Volk zunächst mit der Nachricht seiner Hochzeit mit Freundin Carrie Symonds. Dass Symonds' extravaganter Geschmack  ihm das mit den goldenen Tapeten überhaupt erst eingebrockt haben soll, war angesichts des hübschen Hochzeitsbildchens aus dem Garten in Downing Street schon fast wieder vergessen. Der erste Premier seit 200 Jahren, der im Amt heiratet, das ist doch was. 

Flaggschiff für die Post-Brexit-Politik

Neben dem Hochzeitstrubel hatte Boris Johnson auch noch Zeit für eine tolle politische Ankündigung. Großbritannien werde ein neues "nationales Flaggschiff" bauen, welches das Vereinigte Königreich künftig auf den Weltmeeren repräsentiere. Schlappe 200 Millionen Pfund (rund 233 Millionen Euro) will Johnson in den Bau des Staatsschiffes stecken. Auf diesem sollen laut Johnson wichtige Handelsgespräche und Messen, politische Gipfeltreffen und diplomatische Gespräche stattfinden.

Das Schiff soll als Symbol dienen, dass Großbritannien nach dem Brexit außen- und handelspolitisch nicht etwa auf sich selbst zurückgeschrumpft ist, sondern wieder was will in der Welt. Es solle "den aufkeimenden Status als große, unabhängige Seehandelsnation widerspiegeln" und ein "klares und starkes Symbol für unsere Selbstverpflichtung sein, ein aktiver Akteur auf der Weltbühne" zu sein, sagte Johnson. 

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Nostalgie einer Seefahrernation

Der Premier will damit die britische Tradition eines nationalen Flaggschiffes wieder aufleben lassen. Diese hatte 1997 mit der Außerdienststellung der königlichen Yacht "Britannia" geendet. Die Queen vergoss bei der damaligen Zeremonie ein Tränchen, heute liegt die "Britannia" als Museumsschiff im schottischen Hafen von Leith. Über den Bau einer neuen Staatsyacht wird seit Jahren in Großbritannien diskutiert. Vor allem unter Konservativen hat die Idee Anhänger, während Kritiker die Pläne für falsche Nostalgie halten. 

Nach Johnsons Ankündigung elektrisierte Fans des Könighauses der Gedanke, das Schiff könne nach dem jüngst verstorbenen Prince Philip benannt werden. Ein Name für das neue Staatsschiff, das unter dem Kommando der Royal Navy stehen wird, steht aber noch nicht fest. Klar machte die Johnson-Regierung hingegen, dass das Prestigeprojekt in Großbritannien gebaut werden soll, um Jobs zu schaffen und eine "Renaissance" der britischen Schiffbau-Industrie einzuläuten. Derartige Anleihen an vergangene große Zeiten gehören fest in Johnsons politisches Repertoire.

Dass der 200-Millionen-Kahn Großbritannien allzu schnell behilflich sein könnte, einen neuen Platz in der Post-Brexit-Welt zu finden, darf man aber eher nicht erwarten. Der Bau soll im kommenden Jahr beginnen und bis 2024 abgeschlossen sein. So lange kann sich Großbritannien bei seinen stockenden Handelsgesprächen mit verschiedenen Ländern eigentlich nicht Zeit lassen. Auch dass der politisch stark unter Druck stehende Johnson dann noch als Premierminister über die Meere schippert, ist höchst fraglich. Andererseits: Käpt'n Boris hat schon so manchen politischen Sturm erstaunlich unbeschadet überstanden.

Quellen: DPA / AFP / Guardian / Independent


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