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China: Aufruf zur Revolution

Der Treffpunkt für die internationale Konferenz über den Zustand von Toiletten war ideal: "Immer der Nase nach" gilt als Leitregel für Touristen in Peking. Im Gastgeberland der Olympischen Spiele 2008 gibt es noch viel zu tun.

China hat viele Revolutionen erlebt, aber eine hat das Reich der Mitte noch bitter nötig: Die Toiletten-Revolution. Dem Milliardenvolk fehlen ausreichende und vor allem saubere Klosetts. In den Hutong-Gassen des alten Pekings haben die meisten alten Häuser keine Klos. Die Nachbarschaft teilt sich ein öffentliches Plumpsklo - oft nur eine Rinne, die alle paar Tage abgepumpt wird, oder offene Tonnen, wo alles gesammelt wird. "Immer der Nase nach" gilt als Leitregel für ausländische Touristen, die sich ihr Bedürfnis beim Anblick der Latrine aber am liebsten verkneifen würden. 60 Prozent der Besucher rümpfen die Nase über die WC-Zustände jenseits der Großen Mauer.

Als Gastgeber der Olympischen Spiele 2008 gibt es in Chinas Hauptstadt viel zu tun. "Der Bau und die Pflege der Toiletten einer Stadt spiegeln die Zivilisation eines Landes und seine umfassende Stärke sowie den Lebensstandard der Gesellschaft wider", meinte Vizebürgermeister Ji Lin. An diesem Maßstab gemessen, schneidet das Wirtschaftswunderland nach 20 Jahren marktwirtschaftlicher Reform und Öffnung schlecht ab. "Wie kann es sein, dass China Satelliten bauen kann, aber keine Toilette, die nicht stinkt", soll sich selbst der frühere Staats- und Parteichef Jiang Zemin gewundert haben.

Ruf nach guten und ausreichenden Toiletten

Experten, Umweltschützer, Toilettenfabrikanten und Städteplaner hatten Peking wegen der olympischen Herausforderung in vier Jahren zum "idealen Treffpunkt" für ihr viertes Welt-Toiletten-Treffen erkoren. Sie diskutierten drei Tage, inspizierten Pekings Vorzeige-Luxus-Klos am Kaiserpalast oder am Platz des Himmlischen Friedens. Jack Sim, Gründer der Welt-Toiletten-Organisation, die sich wie die Welthandelsorganisation mit WTO abkürzt, blies zum Abschluss am Freitag - der Welt-Toiletten-Tag - zur "Revolution". Von Rebellion ist nicht die Rede, aber der Ruf nach guten und ausreichenden Toiletten müsse nicht nur in China, sondern überall in der Welt noch viel lauter erschallen, damit sich etwas ändert.

Nach der sexuellen Revolution der 60er Jahre, der Frauenbewegung der 70er und der Entstigmatisierung von Aids in den 80er und 90er Jahren müsse "ein weiteres großes Tabu gebrochen" werden. Wenn nicht darüber gesprochen werde, könne sich auch nichts bessern. "Machen sie Toiletten zu einem allgemeinen Diskussionsgegenstand!", rät Sim. Mit ebenso revolutionärem wie olympischem Ehrgeiz folgt Peking schon seit zwei Jahren dem Ruf und plant jetzt den Bau von jährlich 400 öffentlichen Standard-Klosetts. Zusätzlich sollen 700 Spitzenklos in den nächsten drei Jahren hinzukommen, denen wie Hotels sogar Sterne etwa für Fernseher, Ruheraum, Wickeltisch und Duftzerstäuber verliehen werden.

Zufriedenheit durch saubere Anlagen

Typisch für die großspurig verkündeten, bislang aber nicht realisierten Pläne dieser "Gongce Geming" (Toiletten-Revolution) ist Liang Guangsheng, Vizedirektor der Stadtverwaltung: Über Internet und Satellit soll das nächste Örtchen künftig sogar per Mausklick gefunden werden können - was kaum nötig sein dürfte, wenn alle 600 bis 800 Meter eine öffentliche Toilette stehen soll, wie der Vizedirektor gleichzeitig verspricht. Die meisten Pekinger oder Touristen wären schon zufrieden, wenn die sanitären Anlagen wenigstens sauber wären, was zumindest bislang die größere Herausforderung zu sein scheint.

Andreas Landwehr/DPA / DPA
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