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Chinas neues Selbstbewusstsein Nationalisten und Nachdenkliche


Eine nationalistische Welle erfasst China: Aufgebrachte Jugendliche boykottieren eine französische Supermarktkette, bedrohen ausländische Journalisten und stellen selbst beim Chatten ihren Patriotismus offen zur Schau. Doch auch Nachdenkliche melden sich zu Wort.
Von Adrian Geiges, Peking

Nationalismus ist in China nicht neu. Insbesondere seit an den Kommunismus keiner mehr glaubt, heizt die KP patriotische Stimmungen an und gibt sich als Kraft aus, die Chinas Interessen gegen Feinde weltweit vertritt. Bis zu einem gewissen Grad, denn meist ebben die Kampagnen nach einiger Zeit wieder ab. Die Wirtschaftsbeziehungen möchte keiner verderben.

Es wäre deshalb zu einfach, Misstrauen und manchmal Hass gegen Ausländer als "von der Führung organisiert" abzutun. Chinesische Websites wie "Anti-CNN" haben ihre Eigendynamik. Fast alle Chinesen freuen sich auf Olympia. Wenn französische Aktivisten einer chinesischen Rollstuhlfahrerin die olympische Fackel entreißen, empört das jeden hier. In chinesischen Internetforen wird sogar beschrieben, wie Stasi-Agenten Studenten aufsuchen und sie "bitten", auf Aktionen zu verzichten - Patriotismus sei gut, aber die öffentliche Ordnung sollte nicht gestört werden. Die Partei fürchtet, die Kontrolle zu verlieren. Noch in Erinnerung sind antijapanische Ausschreitungen in den vergangenen Jahren, bei denen Autos japanischer Marken zertrümmert und japanischen Restaurants die Scheiben eingeworfen wurden. Die Fahrer und die Kellnerinnen waren natürlich selbst Chinesen.

"Dummköpfe und Rowdies"

Trotzdem trägt Chinas kommunistische Führung die Verantwortung für das, was jetzt passiert. Um von ihren eigenen Versäumnissen und der Korruption abzulenken, nährt sie die negativen Gefühle gegen Ausländer, indem sie in den staatlichen Medien falsche Informationen streut. So bezeichnete ein Teilnehmer einer Diskussion auf "CNN" die chinesische Regierung als "Dummköpfe und Rowdies". Die kommunistische Propaganda erweckt den Eindruck, er habe über einfache Chinesen gesprochen und dies sei die Meinung von "CNN". Viele glauben das, denn Chinesen sind es noch nicht gewohnt, dass politische Themen in Medien kontrovers diskutiert werden.

Schuld ist auch das chinesische Schulsystem. Die Jugendlichen werden nicht ermuntert, eine eigene Meinung zu entwickelt, sondern müssen das wiederholen, was der Lehrer sagt. Insbesondere wenn es um Geschichte geht, sind die Schulbücher sehr einseitig. Die Kolonialzeiten und Verbrechen der Japaner werden sehr eindringlich geschildert, als seien sie gestern passiert. Die viel größeren Verbrechen Maos gegen das chinesische Volk in der jüngeren Zeit mit Millionen von Toten - der große Sprung nach vorn und die Kulturrevolution - werden nur kurz gestreift und als "Fehler" verharmlost, denen "große Verdienste" Maos gegenüberstünden. Das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens, bei dem das Militär Tausende von Pekinger Studenten ermordete, wird sogar gerechtfertigt, man habe die Ordnung wiederherstellen müssen. So wissen gerade die jungen Chinesen sehr wenig über Politik und über Chinas Geschichte. Sie sind aufgewachsen in einer Zeit, in der es vor allem ums Geldverdienen ging.

Wenn Kritik, dann im Internet

Aber auch hier sind nicht alle gleich. Im Internet kommen trotz der Zensur auch die zu Wort, die den nationalistischen Wahn ablehnen oder zumindest Zweifel äußern. Auf der Blog-Startseite von Sohu, einem der größten Internetportale in China, stehen heute drei solche Mahner im Vordergrund. Ihre Überschriften: "Was wissen wir wirklich über die tibetische Kultur?" - "Ist Boykott wirklich Patriotismus?" - "Lasst den Boykott gegen Carrefour nicht in die falsche Richtung gehen."

Der schon immer als kritisch bekannte Journalist Wang Xiaofeng spottet in seinem Blog: "Der wirksamste Boykott wäre es, alle Verbindungen zur Außenwelt zu schließen und zur Mao-Zeit zurückzukehren." Und: "Ich habe eine Kundenkarte von Carrefour, werde in diesen Tagen einkaufen, jetzt ist die Schlange an der Kasse nicht so lang."


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