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Macron verschärft Maßnahmen "Die Impfung ist unsere einzige Rettung": So kommentieren französische Medien die Impfpflicht

Ein weißer Mann mit braunem Seitenscheitel sitzt im blauen Anzug und schwarzer Krawatte in einem TV-Studio
Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat via TV-Ansprache eine Corona-Impfpflicht für bestimmte Berufsgruppen verkündet
© Ludovic Marin / AFP
Per Fernsehansprache hat Präsident Emmanuel Macron eine Corona-Impfpflicht für bestimmte Berufsgruppen in Frankreich verkündet. Französische Zeitungen sehen den Zwang zum Großteil kritisch – aber nicht nur.

Die Corona-Ansprache von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat offenbar unmittelbar Wirkung gezeigt: Nachdem der Staatschef am Montag im Fernsehen eine Impfpflicht für das Gesundheitspersonal und Einschränkungen für nicht Immunisierte angekündigt hatte, buchten die Franzosen fast eine Million Impftermine, wie die Online-Buchungsseite Doctolib am Dienstag mitteilte. Zudem verzeichnete Frankreich mit fast 800.000 Impfungen an einem Tag einen neuen Höchstwert.

Die französischen Medien kommentieren die Impfpflicht:

L'Alsace

"Für den Präsidenten als auch für die Franzosen liegt die Priorität darin, einer Welle der Delta-Variante entgegenzutreten, ohne dass dabei die Zahl der Krankenhauseinweisungen in die Höhe schießt. Daher rühren die strengen, einschränkende Ankündigungen Macrons wie die Ausweitung des Gesundheitspasses und die Impfpflicht für Personen, die mit gefährdeten Bevölkerungsgruppen in Kontakt stehen, vor allem Pflegekräfte. Emmanuel Macron setzt immer noch auf die Eigenverantwortung der Franzosen. Auch wenn er die Impfung offiziell nicht für alle zur Pflicht macht, sorgt er doch dafür, dass sie ab nächstem Monat unerlässlich wird."

Le Figaro

"Sicherlich setzt Freiheit die Abwesenheit von Zwang voraus, aber so etwas wie einsame Freiheit gibt es nicht. Jede Freiheit wird durch die Freiheit der anderen begrenzt. Wer einen Beruf im Gesundheitswesens ausüben will, hat die ethische Pflicht, das Leben anderer zu retten oder dazu beizutragen, gemäß dem hippokratischen Eid, der eine Sache der natürlichen Moral ist. Er hat also eine präventive Pflicht, sich impfen zu lassen, behält aber die Freiheit, einen anderen Beruf auszuüben, wenn er dies nicht möchte. [...]

Die Kritik am französischen Staat war berechtigt, als er durch seine eigene Kurzsichtigkeit und Nachlässigkeit im Umgang mit Patienten Frankreich lahmlegte. Daran war er schuld. Und der Stillstand der Wirtschaft wird schädliche, ja dramatische Folgen haben, die sich erst mittel- und langfristig an der Zunahme der Armut, dem Bedeutungsverlust der Arbeit, der Verschuldung Frankreichs und dem Verlust der Wettbewerbsfähigkeit messen lassen... Aber die Organisation der Impfung, wenn auch spät, ist jetzt in Gang. Und die Impfung ist nützlich. Sie ist sogar unsere einzige Rettung, um auf den Weg des Lebens und des Wohlstands zurückzufinden."

"

Libération

"Und so gelingt ihm (Präsident Macron, d. Red.) zwar eine Meisterleistung, indem er innerhalb weniger Stunden mehr als eine Million Nachzügler zur Impfung veranlasst, aber alles andere lässt er im Dunkeln. Bekannt ist jedoch die Formel, die vor allem Nietzsche zugeschrieben wird: 'Der Teufel steckt im Detail'. Eingebettet in die am meisten verachteten Aspekte des präsidialen Willens – Legalität, Zeitplan, Durchführbarkeit – triumphiert der Teufel am Tag nach den elysischen Reden, wenn ganze Kategorien der französischen Bevölkerung im Dunkeln gelassen werden: Kultur, Polizei, Restaurantbesitzer, Reisebüros, Eltern von Teenagern, alle suchten am Dienstag vergeblich nach Antworten auf ihre berechtigten Fragen."

Le Monde

"Lange Zeit blieb die Frage der Impfpflicht ein Tabu in einem Land, das sehr auf individuelle Freiheiten bedacht ist. Doch angesichts der Bedrohung durch eine neue Epidemie, die bereits zur erneuten Ausrufung des Gesundheitsnotstandes auf Martinique und der Insel Réunion geführt hat, hat sich die Meinung der Menschen geändert. Der Staatschef konnte daher, ohne einen Aufschrei auszulösen, eine relativ weitreichende Zwangsmaßnahme ankündigen. [...]

Indem er Zuckerbrot und Peitsche schwingt, spielt Emmanuel Macron mit seiner präsidialen Statur zu einer Zeit, in der das Land einen wirtschaftlichen Aufschwung genießt und nicht wieder in eine Ausgangssperre oder Enge zurückfallen will. Dabei versucht er, seine Gegner von rechts und links einzuholen, die aus den Regionalwahlen im Juni als Sieger hervorgingen, sich aber bei der schwierigen Auswahl ihrer Präsidentschaftskandidaten festgefahren haben."

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Le Parisien

"Die entschlossene Rede von Emmanuel Macron hat bereits knapp zwei Millionen Personen dazu veranlasst, einen (Impf-)Termin zu vereinbaren. Ihnen ist bewusst geworden, dass ihr Alltag ohne eine Impfung unmöglich wird. Denn der Gesundheitspass wird zur unerlässlichen Eintrittskarte, um zur Arbeit zu gehen, sich zu vergnügen oder zu reisen. Die Bedrohung durch die Delta-Variante hat die Franzosen umgestimmt. Das trifft auch auf den Präsidenten zu, der Zwangsmaßnahmen wie die Impflicht in der Vergangenheit ebenfalls abgelehnt hatte. (...)

Nachdem die Franzosen zu denen gehörten, die mit am meisten Vorbehalte gegen eine Impfung hatten, ist Emmanuel Macron ohne Zweifel der Staatschef, der mit seinen Zwängen am weitesten geht, um die vierte Welle niederzuschlagen. Not kennt kein Gebot."

Quellen: "L'Alsace""Le Figaro", "Libération""Le Monde", "Le Parisien".

tkr AFP

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