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US-Wahl Das Schweigen der Trump-Wähler – warum die Umfragen erneut daneben lagen

Nicht jeder wollte bei den Wahlen sofort als Trump-Unterstützer erkannt werden – dieser Mann schon.
Nicht jeder wollte bei den Wahlen sofort als Trump-Unterstützer erkannt werden – dieser Mann schon.
© Mario Tama / Getty Images
Schon wieder haben sich die Demoskopen bei der Vorhersage der US-Wahlergebnisse getäuscht. Ein Grund dafür ist Donald Trump höchstpersönlich. Mit seiner Hetze gegen Medien und Institutionen hat er seine Wähler für Umfragen quasi unerreichbar gemacht.

Gut eine Woche nach der US-Wahl werden in einzelnen Bundesstaaten immer noch Stimmen ausgezählt. Dennoch lässt sich jetzt bereits eines mit Sicherheit sagen: Die Umfragen lagen – wie schon 2016 – daneben. Mit dem Unterschied, dass es die Demografen und Meinungsforschungsinstitute diesmal hätten besser wissen müssen.

Prognosen ungenauer als vor vier Jahren

Aber hatten die großen Umfragen nicht Joe Bidens Wahlsieg vorhergesagt? Ja, und genau da liegt das Problem. Wie bereits 2016 hatten die Prognosen einen rauschenden Sieg der Demokraten vorhergesagt – und dabei die Trump-Unterstützer unterschätzt.

Die nationalen Umfragen waren der "New York Times" zufolge sogar noch ungenauer als vor vier Jahren. Damals lag Hillary Clinton mit vorhergesagten vier Punkten nahe an ihrem letztendlichen 2,1-Punkte-Sieg bei der absoluten Stimmenmehrheit. In diesem Jahr wird Biden die nationale Abstimmung voraussichtlich mit rund fünf Prozentpunkten gewinnen. Alle größeren Umfragen, wie "NY Times/Siena College" oder "CNN/SSRS", hatten ihn jedoch mit mindestens acht Prozent Vorsprung auf Trump siegen sehen.

Wie also konnten die Prognosen abermals so daneben liegen?

Trump-Wähler wurden nicht erreicht

Nach den Wahlen 2016 wurde eifrig über die sogenannten schüchternen Trump-Wähler ("Shy Trump Voters") diskutiert – diejenigen, die nicht offen zugeben, dass sie ihn wählen. In diesem Jahr liegt jedoch der Schlüssel zur Wahrheit über das Umfragenschlamassel vielmehr in der Frage der Definition sowie beim amtierenden Präsidenten selbst.

"Fake polls" und "Lamestream media" – in seinen vier Jahren Amtszeit hat Donald Trump keine Gelegenheit verstreichen lassen, die Nachrichtenmedien und die Vorhersagen anzugreifen. Da ist es kaum verwunderlich, dass die Skepsis seiner Anhänger gegenüber politischen Institutionen zugenommen hat und sie weniger bis gar nicht an Umfragen teilnahmen.

"Wir müssen diesmal eine andere Version der Shy Trump-Hypothese ernst nehmen", sagte Patrick Ruffini, ein republikanischer Meinungsforscher für Echelon Insights, der "NY Times". Laut Ruffini sei eines der Probleme, dass "die Umfragen große Teil der Trump-Basis einfach nicht erreichen, was dazu führt, dass sie die Republikaner auf ganzer Linie unterschätzen".

Corona-Pandemie verschob Fokus auf Demokraten

Eine weitere Möglichkeit ist, dass sich die Umfragen für Trump erst in diesem Jahr verschlechtert haben – genauer gesagt mit Beginn der Coronakrise. Der demokratische Meinungsforscher David Shor vermutet, dass die Demokraten im Lockdown erst recht an Umfragen teilgenommen haben, weil sie zu Hause eingesperrt waren und nichts anderes zu tun hatten. Shor sagte der "NY Times", dass sich die Ungenauigkeiten bei den Wahlprognosen durch den Anstieg der Rücklaufquoten – also der Bereitschaft, an Umfragen teilzunehmen – bei Demokraten seit Pandemiebeginn erklären lasse.

Die Indizien sprechen für diese Theorie: Meinungsforscher berichteten der "NY Times" zufolge von einem enormen Anstieg dieser Bereitschaft. Die Prognosen zeigten zudem, dass Bidens Beliebtheit in Corona-Hotspots zunahm, was die Annahme bestätigen würde, dass die Pandemie Trump in den Erhebungen eher geschadet hat. Die Studien zeigten jedoch keine Veränderung der Wählereinstellungen in Risikogebieten. Vielmehr verschob sich die Tendenz von Bidens Befürwortern auf Umfragen zu antworten.

Trumps Beliebtheit unter Latinos wurde unterschätzt

Besonders in Florida waren die Umfragen dieses Jahr deutlich schlechter als noch 2016. Entgegen aller Vorhersagen mobilisierte Donald Trump hier deutlich mehr Latino-Wähler und gewann mit gut drei Prozentpunkten vor Biden. Aber nicht nur in dem Sunshine State konnte Trump bei Latinos punkten: Vom ländlicheren Imperial Valley über die Grenzstädte entlang des Rio Grande bis hin zum urbaneren Houston oder Philadelphia holte Trump deutlich mehr Latino-Stimmen.

Viele nationale Umfragen veröffentlichen keine Ergebnisse für Latino-Wähler, da sie normalerweise nur eine kleine Stichprobe der Gruppe enthalten. Darin könnte jedoch das Problem liegen. Betrachtet man die Wahlergebnisse aus Florida, wird deutlich, dass nationale Umfragen Trumps Beliebtheit bei Latino-Wählern unterschätzt haben.

Auch die Welle des politischen Aktivismus, die die USA im Zuge der "Black Lives Matter"-Proteste erfasste, könnte Einfluss auf die Vorhersagen gehabt haben. Viele Studien haben gezeigt, dass politisch engagierte Wähler eher an politischen Umfragen teilnehmen – und die vermehrten Vorfälle von rassistisch motivierter Polizeigewalt in diesem Jahr haben zu einem Anstieg des politischen Engagements auf der politisch linken Seite geführt.

Die Rekord-Wahlbeteiligung könnte ebenfalls für Verzerrungen in den Prognosen gesorgt haben. Da jedoch noch nicht alle Bundesstaaten ausgezählt sind, wird es noch einige Zeit dauern, bis die wichtigsten Umfragen mit den endgültigen Wahlergebnissen verglichen werden können. Fest steht jedoch, dass die meisten Prognosen dieses Jahr nur wenig Vertrauen zurückgewinnen konnten.

Weitere Quellen: "New York Times", "The Washington Post"


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