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Meinung

Corona-Katastrophe: "Kapitalismus in seiner schrecklichsten Form": Die USA zerfallen vor unseren Augen

Die USA beklagen in der Coronakrise inzwischen weltweit die meisten Infizierten. Und während der Präsident jede Verantwortung von sich weist, liefern sich Bundesstaaten einen Bieterwettbewerb um Beatmungsgeräte.

Eine Angestellte des Mount-Sinai-Krankenhauses in New York hält das Bild eines am Virus verstorbenen Kollegen hoch

Die Corona-Katastrophe in den USA: Eine Angestellte des Mount-Sinai-Krankenhauses in New York hält das Bild eines am Virus verstorbenen Kollegen hoch

Als flip-flopping wird in den USA die zweifelhafte Gabe von Politikern bezeichnet, gestern eine Position bezogen zu haben, heute aber die gegenteilige Position, und morgen womöglich wieder jene von vorgestern. In der Zeichentrickwelt der "Simpsons" hat Springfields Bürgermeister Quimby dieses Fähnchen im Wind auf unterhaltsamste Weise perfektioniert.

Aber Quimby wurde wie so viele seiner fiktiven Kollegen längst von der Realität überholt: Donald Trump zeigt in Zeiten von Corona, wie flip-flopping auf der höchsten Ebene funktioniert. Nachdem er noch vor wenigen Wochen mit verbaler Wucht und Denk-mal-drüber-nach-Attitüde das Virus als eine Art Grippe verkaufte, die schon verschwinden werde, wenn die warmen Tage kommen, gibt er nun mit ähnlich hohem Fremdschämfaktor den Mahner und prophezeit plötzlich, dass Hunderttausende sterben könnten.

In der Krise übernimmt Trump keine Verantwortung

Das Schlimmste daran: In der Krise übernimmt Trump keinerlei Verantwortung, immerhin die wichtigste Tugend seines Amtes als vermeintlicher Anführer der freien Welt. Das ist sogar wörtlich zu verstehen, schließlich sagte er bezüglich des Mangels an Corona-Tests zuletzt: "Ich trage überhaupt keine Verantwortung."

Vorgestern empfahl Trump in seinem täglichen Briefing der Nation innerhalb einer Stunde gefühlt 47 Mal, einen Schal als Mundschutz zu tragen, weil ihm zur Prävention offenbar gerade auch nichts besseres einfiel, und immerhin: "Einen Schal besitzt fast jeder." Viele seiner Kollegen aus dem amerikanischen Politbetrieb stehen dem Präsidenten in Sachen öffentlicher (Selbst-)Darstellung in nichts nach. Gestern ließ beispielsweise Brian Kemp, Gouverneur von Georgia, verlauten, dass sich völlig neue Erkenntnisse über das Virus aufgetan hätten: Tatsächlich könnten Erkrankte völlig symptomfrei sein – und trotzdem ihre Mitmenschen anstecken. "Das haben wir bis vor 24 Stunden noch nicht gewusst", so Kemp über einen Fakt, den Wissenschaftler schon seit Wochen predigen.

Wenn die Lage nicht so apokalyptisch wäre, müsste man dieser Tage ziemlich laut lachen über diese sitcom-artigen Zustände und die Tatsache, wer es in den USA so alles in eine mächtige politische Position schaffen kann. Nur ist es leider nicht mehr lustig, wenn vermeintliche Verantwortungsträger schamlos lügen, flip-flopping betreiben und Schuld kategorisch von sich weisen, während die Nation nun sogar den "Weltrekord" für die meisten Infektionen hält.

Die Vereinigten Staaten entblößen sich vor unseren Augen als Bananenrepublik, in der die Reichen die Flucht ins Ferienhaus ergreifen, während die Armen und Schwachen auf der Straße sterben, weil im Krankenhaus kein Platz mehr ist. Jüngstes Beispiel ist die unsägliche Debatte um Beatmungsgeräte: New Yorks Gouverneur Andrew Cuomo warnt, dass beim aktuellen Bedarf der Vorrat im Bundesstaat noch für sechs Tage reichen werde.

Schon vor drei Tagen hatte Cuomo kritisiert, dass zwischen den Bundesstaaten ein Bieterwettbewerb entbrannt sei, der die Preise hochtreibe: "Es ist, als wäre man bei Ebay mit 50 anderen Staaten." New Jerseys Gouverneur Phil Murphy schlägt in die gleiche Kerbe: "Es ist der Wilde Westen, und das hier sind verrückte Märkte." Murphys Amtskollege Ned Lamont aus Connecticut fühlt sich an den Preisvergleich bei Uber erinnert: "Nur dass dir das Auto in der letzten Minute vor der Nase wegfährt, weil dich jemand überboten hat."

Donald Trump: "Wir sind kein Bestellservice"

Dass in einer Pandemie die Preise für lebensrettende Maßnahmen in die Höhe getrieben werden, hat der Late-Night-Moderator Seth Meyers treffend als "Kapitalismus in seiner absolut schrecklichsten Form" bezeichnet. Aber Trump will den Markt entscheiden lassen, auch wenn deshalb Abertausende US-Bürger die Pandemie nicht überleben werden. Unbeeindruckt zweifelte er in seiner täglichen Pressekonferenz gestern den finanziellen Nutzen einer Massenproduktion von Beatmungsgeräten an: Diese wären dann schließlich in ein paar Monaten nur noch fünf Dollar wert. Und überhaupt, so Trump, sollen die Bundesstaaten doch selbst welche bauen: "Wir sind ein Backup", so der Präsident. "Wir sind kein Bestellservice." Worte aus dem Munde desselben Präsidenten, der sich noch vor nicht allzu langer Zeit damit brüstete, über so viel Macht und Entscheidungsgewalt zu verfügen, dass es sich die meisten Menschen gar nicht vorstellen könnten.

Und so bringt die Corona-Krise die ganze moralische Verwerflichkeit und intellektuelle Hilflosigkeit der Trump-Administration ungefiltert ans grelle Tageslicht, aber auch die menschenverachtenden Blüten eines Systems, das von vielen, vor allem jungen Menschen in den USA schon länger kritisch gesehen wird. Trump ist die wahnwitzige Vorzeigefigur dieses Turbokapitalismus, aber er könnte auch sein Totengräber werden. Klar ist: Je länger er flip-floppend durch die Katastrophe torkelt und je mehr Menschen seine Inkompetenz mit dem Leben bezahlen, desto heftiger wird die Zäsur, die Corona für das Land bedeutet.

Quellen: "Guardian"; CNN"Late Night with Seth Meyers"