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Dreiergipfel: Schröder reist nach Sotschi

Die vom Kreml gelenkte Neuwahl eines tschetschenischen Präsidenten, einen Tag vor Schröders Ankunft, böte ausreichend Anlass zum Nachhaken. Obwohl der Gipfel mit Putin und Chirac dicht am Krisenherd tagen wird, ist mit Kritik nicht zu rechnen.

Gerhard Schröder ist zwar ein häufiger Gast in dem vom Terror heimgesuchten Russland, doch dem Problem Tschetschenien ist der Kanzler bei seinen Moskau-Besuchen nie nahe gekommen. Zumindest räumlich ändert sich das am Montag, wenn der Kanzler mit dem französischen Präsidenten Jacques Chirac im Badeort Sotschi 400 Kilometer von der Unruherepublik entfernt erwartet wird.

Kurs auf Sotschi hatte auch eine der beiden Tupolews genommen, die am vergangenen Dienstag fast zeitgleich vom Radarschirm verschwanden und insgesamt 89 Menschen in den Tod rissen. Erst nach starkem Druck der Öffentlichkeit teilten die Behörden am Freitag mit, dass Terroristen an Bord der Sotschi-Maschine gewesen seien. Das Flugzeug sei durch eine Sprengstoffexplosion in der Luft zerrissen worden.

Dreiergipfel dicht am Krisenherd

Wieder deutet alles auf tschetschenische Selbstmordattentäter hin, die Russland Tod und Verderben geschworen haben. Obwohl der Dreiergipfel mit Präsident Wladimir Putin so dicht an dem Krisenherd tagt, erwarten Beobachter von dem Treffen keine Kritik an der Tschetschenien-Politik Putins. Dabei böte die vom Kreml durchgepaukte Neuwahl eines tschetschenischen Präsidenten - einen Tag vor Schröders Ankunft - ausreichend Anlass zum besorgten Nachhaken.

Kanzler Schröder hat bei früheren Gelegenheiten - ganz im Sinne des Kremls - die Verbrechen tschetschenischer Extremisten in Verbindung mit dem weltweiten Terror gebracht. Zweifelsohne sind Operationen wie die Geiselnahme von 800 Menschen in einem Moskauer Musicaltheater 2002 oder jetzt die zeitgleiche Zerstörung von zwei Flugzeugen nicht nur in den Bergwäldern Tschetscheniens ausgeklügelt worden. Verbindungen zu arabischen Terrornetzwerken sind unübersehbar.

Hausgemachte Ursachen

Der tschetschenische Terror in Russland hat aber zugleich hausgemachte Ursachen. Der 1994 begonnene Unabhängigkeitskrieg ist in einen Rachefeldzug versprengter Freischärlerbanden umgeschlagen. Die Operationen der auf 1000 bis 1500 Mann geschätzten Rebellen richten sich gegen die russische Armee sowie die moskautreuen tschetschenischen Einheiten.

Die Bevölkerung erleidet Übergriffe der russischen Armee wie der Rebellen und ist auch der Gewalt der tschetschenischen Machthaber ausgesetzt. Die auf mehrere tausend Mann angewachsene Garde des im Mai ermordeten Präsidenten Achmat Kadyrow steht unter Verdacht, Zivilisten zu überfallen und zu entführen. Ungeachtet dessen setzt der Kreml bei den Wahlen am Sonntag wieder auf einen Kadyrow- Vertrauten. Der Sieg des bisherigen Innenministers Alu Alchanow gilt als sicher.

Kriminelle nutzen das alltägliche Chaos

Die Korruption einiger Generäle, Politiker und Clanführer verhindert, dass die gewaltige Streitmacht von etwa 70 000 Mann das Gebiet von der Größe Schleswig-Holsteins unter Kontrolle bringt. Kriminelle nutzen das alltägliche Chaos, um ungehindert den Reichtum der Teilrepublik, das Öl, zu stehlen. Der Schaden beläuft sich nach Angaben der staatlichen Ölgesellschaft Rosneft auf jährlich 80 Millionen Euro.

Hinzu kommen knapp zwei Milliarden Euro, die nach Schätzungen seit 2000 aus Moskau für den Wiederaufbau der zerstörten Region gezahlt wurden. Von den Zuwendungen haben die Bedürftigen in Tschetschenien wenig, das Geld wanderte großteils in die Taschen örtlicher Machthaber.

Stefan Voß/DPA / DPA