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Ermittlungschaos vor Bostoner Anschlägen Geheimdienste scheiterten am Namen "Zarnajew"


CIA, FBI - und die russischen Behörden: Die mutmaßlichen Attentäter von Boston wurden vor den Anschlägen von Fahndern beobachtet. Ein Chaos um die Schreibweise des Namens "Zarnajew" half den Brüdern.

Wieso wurden die mutmaßlichen Terroristen Tamerlan und Dschochar Zarnajew nicht entdeckt, bevor sie den Anschlag auf den Boston-Marathon verüben konnten? Mit dieser Frage beschäftigt sich nicht nur Washington, sondern auch die Medien des Landes, wie etwa die "New York Times" und die "Washington Post".

Offenbar wurde Tamerlan Zarnajew sowohl in der Anti-Terror-Datenbank Terrorist Identities Datamart Environment (TIDE) geführt, als auch in der TECS-Datenbank der Homeland Security. Der TIDE-Eintrag hat aber verschiedene Schreibweisen von Zarnajews Namen sowie unterschiedliche Geburtsdaten beinhaltet. Als die Ermittlungsbehörde Federal Bureau of Investigation (FBI) aufgrund eines Tipps aus Russland Zarnajew in den Anti-Terror-Datenbanken suchten, fanden sie nichts - vermutlich, weil sie seinen Namen falsch schrieben.

Verwirrung um Warnungen und Datenbanken

Schon im März 2011 habe Russland eine Warnung ans FBI geschickt, berichtet die "New York Times": Tamerlan Zarnajew sei ein Anhänger des radikalen Islam, habe sich seit 2010 radikalisiert und plane eine Reise in die Kaukasus-Region. Sechs Monate später habe die CIA dieselbe Warnung aus Russland erhalten. FBI-Agenten befragten aufgrund der ersten Warnung Zarnajew und dessen Eltern - ohne Ergebnis. Dennoch wurde Tamerlan Zanarjew ab Oktober 2011 in der TIDE-Datenbank geführt.

Das FBI hatte Tamerlan Zarnajews Namen auch auf die Terrorliste TECS gesetzt, die den Zoll automatisch über Ausreisen aus den USA informieren soll. Seine Flugreservierung habe bei der Ausreise einen Alarm ausgelöst, hieß es. Eine Warnung ging im Januar 2012 an den Grenzschützer in einer gemeinsamen Anti-Terror-Einheit unter FBI-Führung in Boston, berichtet die "New York Times" unter Berufung auf einen Offiziellen des US-Kongresses: Zarnajew plane einen längeren Aufenthalt im Kaukasus.

Keine zweite Befragung

Dagegen berichtet die "Washington Post" unter Berufung auf US-Offizielle, es habe bei der Rückkehr Zarnajews - neun Monate vor dem Anschlag von Boston - eine Warnung an den Grenzschützer gegeben. Es ist nicht klar, ob er die Information weitergab oder nicht. Eine erneute Überprüfung Zarnajews fand jedenfalls nicht statt.

"Wenn zu einem Zeitpunkt ein Fehler gemacht wurde", sagte der US-Abgeordnete Mike Rogers der "New York Times", "dann vielleicht an dem Punkt, dass keine weitere Befragung stattgefunden hat." Dennoch könne man nicht unbedingt von einem Fehler sprechen, so Rogers. "Ein- und Ausreise selbst sind keine nachteiligen Informationen und die Region selbst steht auf unserer Prioritätenliste weit unten."

Die mutmaßlichen Bombenleger von Boston sind offenbar auf ihrem Weg zum nächsten Anschlag gestoppt worden: Laut dem überlebenden Tatverdächtigen, Dschochar Zarnajew, wollten er und sein Bruder Tamerlan weitere Sprengkörper auf dem Times Square In New York zünden. Das sagte New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg. Die beiden hätten in der Nacht zum vergangenen Freitag ein Auto gekapert, um sich mit sechs selbst gebauten Bomben in die Millionenmetropole aufzumachen, sagte New Yorks Polizeichef Ray Kelly. "Der Plan scheiterte, als sie bemerkten, dass das entführte Auto zu wenig Benzin hatte." Als sie tankten, sei der Autobesitzer aus dem Wagen geflüchtet und habe die Polizei alarmiert. Dies habe die Großfahndung ausgelöst, in deren Verlauf Tamerlan Zarnajew getötet und sein Bruder später schwer verletzt verhaftet wurde.

Thomas Krause mit DPA

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