Fall Litwinenko Vorläufige Polonium-Entwarnung in Hamburg


Trotz etlicher Polonium-Spuren in einer Hamburger Wohnung hat sich bisher eine Verstrahlung bei vier Betroffenen nicht bestätigt. Die deutsche Polizei wartet nun auf Kontakte zu russischen Behörden - und erhielt Besuch von Scotland Yard.

In der Giftmordaffäre um den russischen Ex-Spion Alexander Litwinenko sind vier Menschen aus dem Hamburger Umfeld seines Kontaktmanns Dimitri Kowtun offenbar doch nicht verstrahlt worden. Die Ex-Frau Kowtuns, ihr Lebensgefährte sowie zwei Kinder seien lediglich zur Vorsorge in ein Krankenhaus gebracht worden, sagte der Einsatzleiter des Bundesamts für Strahlenschutz, Gerald Kirchner, im Bayerischen Rundfunk. Der russische Geschäftsmann ist auf noch ungeklärte Weise in den Mord verstrickt. Er hatte unter anderem in der Wohnung seiner Ex-Frau in Hamburg übernachtet, bevor er am 1. November zu einem Treffen mit Litwinenko nach London flog.

Litwinenko hatte kurz vor seinem Tod am 23. November die Moskauer Regierung beschuldigt, den Giftanschlag auf ihn befohlen zu haben.

Polonium sogar auf Kindersitzen

Die Polizei entdeckte unter anderem auf einem Sofa in der Wohnung in Hamburg-Ottensen Spuren von Polonium 210. Auch Kleidung und die Kindersitze waren kontaminiert. Die Ermittler gehen davon aus, dass Kowtun das Gift bei seiner Ankunft in Hamburg am 28. Oktober mit einem Flug aus Moskau im Körper hatte. Die Substanz ist außerhalb des Körpers relativ ungefährlich, aber hochgiftig, wenn sie über die Atmung, Nahrung oder eine Wunde aufgenommen wird.

Der Schlüsselzeuge in der Affäre, Andrej Lugowoi, wurde am Montag in Moskau von britischen und russischen Ermittlern befragt. Lugowoi hatte am 1. November das Treffen in London organisiert, bei dem Litwinenko mutmaßlich mit dem radioaktiven Polonium 210 vergiftet wurde. Drei Wochen später war er tot. Lugowoi und Kowtun, der dritte Mann bei dem Treffen, sind nach russischen Medienberichten selber verstrahlt und liegen in einer Moskauer Klinik.

"Dritter Mann" wartet auf russische Hilfe

Unterdessen wartet die Hamburger Sonderkommission "Dritter Mann" weiter auf Kontakte zu den russischen Behörden, die sich bislang nicht zu Fragen nach dem Aufenthaltsort und dem Gesundheitszustand Kowtuns geäußert haben. Allerdings erhielten die Ermittler am Montag Unterstützung durch einen Beamten von Scotland Yard.

Nach den jüngsten Poloniumfunden gehen Experten mittlerweile davon aus, die Strahlenspuren könnten bewusst gelegt worden sein. "Wenn man Polonium in einer gut verschlossenen Flasche hat, kann man es sauber transportieren und muss nicht eine solche Dreckspur hinterlassen", sagte Strahlenexperte Sebastian Pflugbeil in einem Interview von "tagesschau.de". "Entweder handelt es sich bei den Tätern um Dilettanten oder - und das würde ich auch für möglich halten - die Spur ist absichtlich gelegt worden, um den Verdacht in eine bestimmte Richtung zu lenken", sagte Pflugbeil.

"Autobahn nach Moskau gewalzt"

Es gebe wesentlich unauffälligere Methoden, jemanden umzubringen. Mordanschläge auf abtrünnige Spione seien Geheimdienstalltag, bei dem Giftmord an Kremlkritiker Liwinenko würde aber die Art und Weise auffallen: "Geheimdienstleute sind normalerweise darin geschult, Leute umzubringen, ohne Spuren zu hinterlassen. Hier ist geradezu eine Autobahn nach Moskau ausgewalzt worden." Man habe das Spektakel gewollt, fügte Pflugbeil hinzu. Pflugbeil, der den Angaben zufolge an Untersuchungen des Einsatzes von radioaktivem Material durch die Stasi teilgenommen hat, sei kein Fall bekannt, in dem Polonium von Geheimdienstkreisen benutzt wurde, um Gegner aus dem Weg zu räumen.

Innenexperten von Union und FDP forderten von der Bundesregierung Maßnahmen, um den illegalen Transport radioaktiven Materials besser zu verhindern. Mögliche Sicherheitslücken müssten gegebenenfalls geschlossen werden, sagte der innenpolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Max Stadler, der "Passauer Neuen Presse" (Dienstag). Der stellvertretende Unions-Fraktionschef Wolfgang Bosbach (CDU) sagte: "Es geht um die Frage, ob es Möglichkeiten gibt, den Transport von gefährlichem radioaktivem Material im Luftverkehr zu verhindern."

DPA/AP AP DPA

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