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Favela in Brasilien: Sex-Boykott setzt muntere Männer matt

Was tun gegen prügelnde Männer? Frauen in den Favelas von Rio de Janeiro disziplinieren sie mit Sex-Boykott - eine erstaunlich erfolgreiche Selbstjustiz. Die Männer reagieren, nun ja, einsichtig.

Von Jan Christoph Wiechmann, Rio de Janeiro

"Man ist ein Ausgestoßener", sagt Michel do Nascimento, 24, seit zwei Jahren Bewohner der Favela

"Man ist ein Ausgestoßener", sagt Michel do Nascimento, 24, seit zwei Jahren Bewohner der Favela

Eigentlich reden die Männer im Armenviertel Menino Chorão gern über Frauen. Sie reden eigentlich überall in Brasilien gern über Frauen. Sie sagen, dass ihre Frauen die schönsten der Welt sind, und wenn Brasilien nach der 1:7-Schlappe gegen Deutschland schon nicht mehr das Land des Fußballs ist, dann sei es immer noch das Land mit den schönsten Frauen.

In Menino Chorão, wie auch andernorts in Brasilien, dauert es dann meist nicht lang und die Männer kommen von den schönen Frauen auf die potenten Männer zu sprechen, vor allem, wenn sie das eine oder andere Bier getrunken haben. Die Gespräche laufen dann meist auf zwei Aspekte hinaus: Die brasilianischen Männer sind die besten Liebhaber der Welt, und sie können immer und überall.

Man kann nach solchen Gesprächen schnell den Eindruck bekommen, dass ein Tag ohne Sex das Schlimmste der Welt sein muss, schlimmer noch als eine 1:7-Schlappe bei der WM. Das müssen auch die Frauen von Menino Chorão gewusst haben.

Kein Sex, kein Bier, kein Fußball

In der kleinen Favela im Bundesstaat Sao Paulo haben sie nämlich einen 15-tägigen Sex-Streik eingeführt. Immer wenn ein Mann eine Frau verprügelt oder misshandelt, was so selten nicht vorkommt, solidarisieren sich die Frauen und verweigern dem Täter und seinen Freunden und oft genug allen Männern des Ortes jede Form von Sex. Und weil Sex allein nicht reicht, sprechen sie auch ein Kneipen- und Fußballverbot aus und gaben dem Strafprogramm den Namen "Disciplina" - die Disziplinierung.

In Menino Chorão ist es ein Leichtes, Frauen zu finden, die mit einem über das Thema reden. Sie sagen, sie kennen kaum eine Frau, die nicht schon mal Opfer von häuslicher und sexueller Gewalt geworden ist. Sie haben sich also gefragt, wie man die Männer am besten strafen könnte und landeten nicht bei der Polizei (die nicht in die Favela kommt) oder Strafanzeigen (die sich hinziehen), sondern bei einem Sex-Streik.

Einen Mann zu finden, der über das Thema spricht, ist dagegen nicht so einfach. Die Standartantwort lautet, dass sie von der "Disciplina" gehört haben, aber dass die Sanktionen sie persönlich nicht betreffen.

"Für den Einzelnen schlimm, aber..."

Michel do Nascimento, 24, lebt seit zwei Jahren in der Favela. Er ist Handwerker und gerade dabei, ein Wasserrohr für eine Nachbarin zu reparieren, als ihn die Frage trifft. Michel scheint etwas vor den Kopf gestoßen. Er weicht den Blicken aus und spielt mit seinem Spaten. "Man ist ein Ausgestoßener", beginnt er mit leiser Stimme. "Für den Einzelnen ist es schlimm, für die Allgemeinheit aber gut."

"Du hast es doch selber erleben müssen. Erzähl schon", fordert ihn die Nachbarin auf.

Michel fängt nun an zu stammeln. Die Sache ist ihm peinlich. Er beschreibt es als eine Art Spießrutenlauf: "Alle sprechen dich an: Ich habe gehört, du bist auf 'Disciplina'. 15 Tage keinen Sex. Wie hältst du das nur aus, du armer Kerl? - Sie machen sich lustig über dich."

Michel bittet darum, jetzt arbeiten zu dürfen. Er verschwindet im Garten.

Arvoaldo de Sousa Santos, Tischler, 30 Jahre alt, gab sich erst nach einiger Zeit einsichtig

Arvoaldo de Sousa Santos, Tischler, 30 Jahre alt, gab sich erst nach einiger Zeit einsichtig

"Die Frauen haben das Kommando"

Die ständige Gewalt, die Übergriffe, das Ausgeliefertsein - die Frauen beschlossen selbst einzuschreiten. Sie haben ein eigenes Warnsystem geschaffen. Wenn sie wieder mal Schreie hören, blasen sie in Trillerpfeifen und alarmieren die anderen Frauen. Dann erscheinen sie mit Knüppeln vor dem Haus des Täters und schrecken nicht davor zurück, sie als Waffen einzusetzen. Sind die Männer danach immer noch nicht einsichtig, werden sie des Ortes verwiesen.

Der Tischler Arvoaldo de Sousa Santos, 30, hatte seine Freundin Tania Wochen lang tyrannisiert. Unter Alkoholeinfluss hatte er ihre Stromkabel durchtrennt, hatte das Haus mit Steinen beworfen und sie mit der Machete bedroht. Da setzten die Frauen ihn zunächst auf "Disciplina". Sie erklärten ihm: "Was du hier machst, betrifft uns alle." Weil er trotzdem nicht aufhörte, ergriffen sie die nächste Maßnahme: Sie verstießen ihn aus dem Ort. Als er nicht gehen wollte, rissen sie seine Hütte ab.

15 Männer wurden bereits verwiesen. Ihre Ehefrauen haben die Wahl: Wollen sie bei ihm bleiben, müssen auch sie gehen.

Arvoaldo lebt jetzt in einer anderen Hütte im Nachbarviertel Jardim Columbia, wo noch die alten Regeln gelten. Er ist ein kräftiger Mann, der gern im ärmellosen Shirt herumläuft und seine Muskeln zeigt, auch während der Arbeit. Er redet wie alle Männer nicht gern über die "Disciplina". Er sagt kleinlaut, das System funktioniere. "Die Frauen haben das Kommando. Und ohne Frau will keiner sein. Wenn meine Frau schreit: 'Mach das jetzt endlich', schreie ich zurück: Jawohl, Chef."

Arvoaldo lacht. Man weiß nicht genau, ob er ernst meint oder sich lustig macht.
Hat er etwas gelernt?
Er überlegt etwas länger. Er sagt: "Wenn die Frau keinen Sex will, darf ich sie nicht zwingen?" Er formuliert es eher als Frage und versucht es noch mal: "Wenn man Frauen mag, muss man ihre Wünsche akzeptieren?"
Und wenn es um Gewalt geht?
"Gewalt?", sagt er. "Ein Klapps ist in Ordnung. Harte Schläge nicht."
Er meint es ernst.

In Menino Chorão sind nicht nur häusliche und sexuelle Gewalt zurückgegangen, sondern auch Drogenhandel und Diebstähle. Wer sich mit Kriminellen einlässt, wird ebenfalls nahegelegt, die Siedlung zu verlassen. Und Neuankömmlinge wissen genau, was sie hier erwartet: ein Matriarchat im Land des Machismo.

In Rio de Janeiro brauchen sie für die Befriedung der Favelas ganze Armeen. In Menino Chorão reicht der Zusammenschluss von ein paar Frauen.

Die Sicht der brasilianischen Frauen ...

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