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Presseschau zur Flüchtlingspolitik "Man fragt sich, wie die Akzeptanz anhalten soll"

Deutschland erhält aktuell viel Lob aus der ganzen Welt für seinen Umgang mit Kriegsflüchtlingen. Die internationale Presse sieht jedoch mehr als die deutsche Flüchtlingspolitik das menschliche Verhalten der Bürger positiv.

Überall auf der Welt ist in der aktuellen Presse von den Szenarien zu lesen, die sich an deutschen Bahnhöfen abspielten: Willkommensgrüße, Luftballons und sogar Applaus für Kriegsflüchtlinge nach ihrem langen Weg in die Sicherheit. Diese Mentalität der Bürger in Deutschland erhält von der internationalen Presse mehr Lob als die deutsche Flüchtlingspolitik. Die erhält auch Kritik. Lesen Sie selbst Kommentare aus Europa in unserer internationalen Presseschau.

The Telegraph (Großbritannien)

Zu einem rührenden Video von der Ankunft der Flüchtlinge am Bahnhof in Frankfurt am Main schreibt der "Telegraph": "Es war ein herzerwärmender Moment, als Dutzende Migranten in Frankfurt ankamen und von einem begeisterten Applaus von Einheimischen empfangen wurden. [...] Ortsansässige hatten sich am Gleis versammelt, brachten Luftballons und Schilder mit der Aufschrift 'Willkommen in Frankfurt'". 

The Guardian (Großbritannien)

"Flüchtlinge werden herzlich in Deutschland empfangen", schreibt der "Guardian", mahnt zugleich aber auch: "Deutschland zu loben ist gut, aber die Antwort auf die Flüchtlingskrise ist gleichwohl pragmatisch wie idealistisch. [...] Jetzt muss ein effizientes Asylsystem eingerichtet werden."

The Sunday Times (Großbritannien)

"Der überstürzte Truppenabzug der USA aus dem Irak hat dem Islamischen Staat (IS) zur Existenz verholfen. Auch Großbritannien trägt eine Mitschuld, obwohl wir nicht die bequeme Behauptung akzeptieren sollten, dass es nie zu Krieg und Terror gekommen wäre, wenn wir nicht in den Irak einmarschiert wären. Doch jetzt muss angesichts der Not der Flüchtlinge gehandelt werden. Europa, die USA und die wohlhabenden Golfstaaten tragen die Verantwortung dafür. Solange es in Syrien und Libyen keine sicheren Zonen für die Bewohner gibt, wird es noch viele Tragödien wie die des kleinen (ertrunkenen) Aylan Kurdi geben, die uns in der vergangenen Woche so erschüttert hat." 

The Washington Post (USA)

Die "Washington Post" beschreibt Szenen, die sich bei der Ankunft der Flüchtlinge am Bahnhof in München abspielten: "Eine dickliche bayerische Musiklehrerin brachte selbst gemachten Blaubeerkuchen mit, weil sie dachte, dass die Flüchtlinge hungrig sein müssten. Eine junge deutsche Mutter zauberte mit Ballons ein Lächeln in die verängstigten Gesichter von Kindern. [...] 'Willkommen!', rief der Putzmann, Peter Schriever, und hielt ein selbstgemachtes Schild mit der Aufschrift 'Welcome Refugees' hoch."

The New York Times (USA)

Die "New York Times" kritisiert Deutschland auch für seine Flüchtlingspolitik: "Während Deutschland Migranten willkommen heißt, wundern sich einige, wie diese Akzeptanz auf Dauer gelingen soll. [...] Die Flüchtlinge erhalten nicht nur Brot und Suppe, Zugang zu Hygiene, effiziente Bürokratie und eine Unterkunft, sondern möglicherweise auch eine Aufenthaltserlaubnis. Eine ganz andere Frage jedoch ist die langfristige Integration einer Gruppe, die voraussichtlich ein Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen wird, zum größten Teil einer anderen Religion angehört, und häufig grundlegend unterschiedliche Weltanschauungen. [...] Durch die Flüchtlinge könnte Deutschland seine Bevölkerung verjüngen und wirtschaftlichen Wohlstand sichern. Allerdings fordern die 800.000 erwarteten Migranten auch einen vorherrschenden kulturellen Konsens heraus, was es heißt, deutsch zu sein."

Dernières Nouvelles d'Alsace (Frankreich)

"Das Europa der 28 Länder ist sehr wohl in der Lage, diese verzweifelten Menschen aufzunehmen, die sich an ihren Grenzen sammeln. Die ist das Gebot der Stunde. Daher ist die Idee eines ständigen und obligatorischen Systems der Verteilung von Flüchtlingen gut. Dabei muss unterschieden werden, zwischen Menschen aus Kriegsgebieten, denen wir helfen müssen, und denen aus anderen Ländern, die ein besseres Leben suchen. Letztere muss man mit allergrößter Humanität zurückschicken. Diese Krise ist Gelegenheit, unsere Beziehung zur übrigen Welt zu ändern. Sie ist kein Fluch, sondern eine Herausforderung." 

Neue Züricher Zeitung (Schweiz)

"Mit den Bildern der Toten, Verwundeten und Verzweifelten in Kopf und Herz hat manch einer gespürt und gemerkt: Da kommen Menschen aus Kriegsgebieten zu uns, die nichts mehr zu verlieren haben. Angesichts der altbekannten Herausforderungen der Massenmigration haben Kritiker das wachsende Verständnis für Flüchtlinge als Betroffenheitskitsch abgetan. Sie liegen falsch. Natürlich lösen Betroffenheit, Mitgefühl und Goodwill keine Probleme. Aber die gekippte Stimmung ist die Grundlage dafür, dass die Staaten und mit ihnen die Bevölkerung die Herausforderungen sachlich, rasch und - das ist das Wichtigste - menschenwürdig meistern können."

Süddeutsche Zeitung

"Ein orbanisches Europa wäre kein Europa mehr; Europa muss zu solidarischer Hilfe finden. Aber Deutschland darf seine Hilfe nicht unter europäischen Vorbehalt stellen, unter den Vorbehalt also, dass die anderen auch alle helfen. 'Wenn jeder wartet, bis der andere anfängt, wird keiner anfangen!' Der Satz stammt aus bitterer Zeit, er stammt aus den Flugblättern der Geschwister Scholl. Diese Worte gehören nicht nur in das Museum des Widerstands gegen Hitler. Jeder muss heute für sich nachdenken, was das heute sagt, und wozu das heute verpflichtet - die EU Staats- und Regierungschefs auch."

Berliner Zeitung

"Die nach dem Zusammenbruch des Ostblocks hinzugekommenen Staaten betrachten Europa in erster Linie als Schutz vor Russland und als Geldmaschine für den nationalen Wiederaufbau. Das Projekt Europa spielt für sie keine große Rolle. Die Flüchtlinge ändern das. Sie schaffen Druck. Ein Druck, der Europa gut tut. Die Toten im Mittelmeer erinnern uns daran, dass alle unsere Institutionen vom Rechtsstaat bis zur Sozialversicherung dazu da sind, so etwas zu verhindern. Wir können sie nicht gegen den Rest der Welt verteidigen."

Hannoversche Allgemeine Zeitung

Das alte Europa blickt voller Schrecken auf das neue Europa im Osten. Ungarn hat nicht einmal versucht, anständig mit dem Menschen umzugehen, die über seine Grenzen kommen. Soll das wirklich das Europa sein, dem die Zukunft gehört? Nein, das soll und darf es nicht. Diese Antwort hat Deutschland am Wochenende in einer zutiefst beeindruckenden Weise gegeben. Es war ein Gebot der Menschlichkeit, die Grenzen öffnen. Die Deutschen, die in München, Dortmund oder Hamburg zu Bahnhöfen geeilt sind und dort klatschend Spalier standen, leisten mehr als nur einen Willkommensgruß an Menschen, die einen langen und beschwerlichen Weg hinter sich haben. Sie setzen ein eigenes Bild gegen die beklemmenden Szenen rund um den Bahnhof in Budapest. Wir, so lautet die Botschaft der Helfer, bestimmen selbst, wie Europa aussieht.

Frankfurter Allgemeine Zeitung

Deutschland ist attraktiv und vergleichsweise stark, aber allein kann es diese Krise nicht bewältigen ... . Es kostet viel Geld und bedarf eines funktionierenden öffentlichen Apparats, Hunderttausende Asylbewerber anständig unterzubringen und zu versorgen. Es müssen Ressourcen mobilisiert werden in einem gemeinsamen Kraftakt von Bund, Ländern und Kommunen. Die Bürger dürfen dabei nicht den Eindruck bekommen, Behörden und Politikern seien ihre Anliegen und Sorgen gleichgültig. Dann könnten sich Hilfsbereitschaft und Mitmenschlichkeit schnell verflüchtigen. Die überwiegend jungen Leute, die jetzt in den Zügen nach Deutschland saßen, sind dankbar für ihre Aufnahme. Wie lange wird diese Dankbarkeit wohl währen, wenn die Zukunft nicht mehr rosarot ist? Auf uns alle kommt viel zu.

jen DPA AFP

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