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Gaddafi auf der Flucht: Libyen jagt das laute Phantom

Wo ist Gaddafi? Ist er wirklich unerkannt durch Tripolis spaziert? Oder durch Tunnel in den Weiten Libyens abgetaucht? Das ganze Land jagt den Oberst - und hofft, dass niemand Rache an ihm nimmt.

Von Niels Kruse

Viertel für Viertel durchsuchen Aufständische die von ihnen kontrollierten Stadtteile von Tripolis nach Muammar al Gaddafi und seinen Kämpfern. Auf Bildern des Fernsehsenders al Dschasira ist die mutmaßliche Residenz seines Sohnes Saif al Islam zu sehen - das Grün der alten libyschen Fahne weht am Eingang zu dem Gebäudekomplex, immer wieder laufen schwer bewaffnete Männer auf dem Gelände umher. Hier soll Saif al Islam Besucher empfangen. Ob sein Vater unter den Gästen ist, weiß niemand - Gaddafi scheint wie vom Erdboden verschwunden.

Obwohl unsichtbar wie ein Phantom, hat er sich allerdings in den vergangenen 24 Stunden per Audiobotschaften zweimal zu Wort gemeldet. In der einen forderte er seine Getreuen auf, weiter gegen die Rebellen zu kämpfen und das Land notfalls "in einen Vulkan zu verwandeln". Kurz darauf ließ der entmachtete Oberst verlauten, dass er einen Spaziergang durch die Hauptstadt unternommen habe - unerkannt. Zuzutrauen wäre es dem Ex-Diktator, der sich, zumindest das scheint sicher zu sein, weiterhin im Land aufhält. Nur wo genau - diese Frage beschäftigt nicht nur die Rebellen.

Die hatten die Hoffnung, dass sie den verhassten Mann in seinem weitläufigen Hauptquartier Bab al Asisija im Zentrum Tripolis' auffinden würden. Das Anwesen von der Größe eines Stadtteils war von den Aufständischen nach heftigen Kämpfen erobert worden. Die Revolutionäre feierten damit zwar einen wichtigen symbolischen Sieg, nur der entscheidenden Gestalt ihres Feldzugs, Gaddafi persönlich, konnten sie bisher nicht habhaft werden. Rebellen-Militärsprecher Ahmed Omar Bani sagte: "Oberst Gaddafi und seine Söhne waren nicht dort, da ist niemand." In einer seiner Botschaften tönte er, er habe sich aus taktischen Gründen aus der Residenz zurückgezogen.

Über ein Tunnelsystem nach Sirte?

Der Gejagte selbst hatte in den vergangenen Jahrzehnten eine gigantische Tunnelanlage in Libyen errichten lassen, ein unterirdischer Fluss, der ganze Städte miteinander verbindet. Gut möglich, dass Gaddafi im wahrsten Sinne abgetaucht ist. Und sich nun vielleicht in seiner Geburtsstadt Sirte, 450 Kilometer östlich von Tripolis, aufhält. Die Stadt ist noch unter der Kontrolle seiner Getreuen, Gaddafi kam dort am 7. Juni 1942 zur Welt, angeblich in einem Beduinenzelt. Während seiner mehr als 40-jährigen Herrschaft behandelte Gaddafi vom Stamm der Guededfa auch andere der insgesamt rund 140 Stämme Libyens bevorzugt - diese könnten ihn nun aus Loyalität ebenfalls beherbergen.

Seit Mai ist der geschasste Machthaber nicht mehr in der Öffentlichkeit aufgetreten. Deswegen schießen die Spekulationen ins Kraut, dass er sich vielleicht ins Ausland abgesetzt habe - obwohl dies von nahezu allen offiziellen Seiten als unwahrscheinlich erachtet wird. Südafrika wies noch vor zwei Tagen Gerüchte zurück, Flugzeuge nach Libyen geschickt zu haben, um Gaddafi und seine Familie außer Landes zu bringen. Auch Algerien war in den vergangenen Wochen immer wieder als möglicher Zufluchtsort für Gaddafi genannt worden, was die Regierung des Nachbarlandes aber kategorisch dementierte. Zuletzt hatte Nicaragua angeboten, dem Oberst Asyl gewähren zu wollen.

Keine Rache an Gaddafi

Was passiert, wenn Gaddafi in die Hände der Rebellen fällt, ist auch noch nicht entschieden. Der Übergangsrat jedenfalls will ihn lebend haben und vor den Den Haager Strafgerichtshof bringen. Eindringlich forderte der Vorsitzende des Rats, Mustafa Abdel Dschalil, seine Kombattanten auf, keine Rache an den Ex-Machthaber zu nehmen. Sprich: ihn zu töten. Gaddafi solle ein faires Verfahren erhalten und nicht auf die brutale Weise behandelt werden, mit der er seine Gegner behandelt habe. Und doch nehmen die Aufständischen den Tod Gaddafis in Kauf: Demjenigen aus dem Umfeld Gaddafis, der den langjährigen Machthaber gefangen nimmt oder tötet, bieten sie Amnestie an. An einen schnellen und krönenden Abschluss ihrer Revolution aber glaubt niemand so recht: "Es wird lange dauern, ihn zu finden", sagte ein weiterer Aufständischer. Aber entscheidend sei nicht, wo er ist, sondern, dass er gefasst werde.

mit DPA
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