Gastbeitrag Eine pro-russische Perspektive


Über die georgischen Flüchtlinge des Krieges im Kaukasus wird viel berichtet. Weniger über die Opfer in Südossetien. Deshalb haben wir Margarita Simonyan, Chefredakteurin des englischsprachigen russischen TV-Senders Russia Today, gebeten, in einem Gastbeitrag zu beschreiben, was die Opfer des Krieges ihrem Sender berichtet haben.

"Nur auf Gott und auf Russland können wir uns verlassen." Mehr als nur ein-, zwei- oder dreimal sagen dies Menschen zu unseren Korrespondenten, Menschen, die die südossetische Hölle überlebt haben. Die Journalisten stellen ihnen keine Fragen zu Russland, aber diese Menschen sprechen trotzdem darüber. Sie glauben, Russland hat ihnen das Leben gerettet.

"Ich halte die Leiche meines Sohnes in meinen Händen, ich sitze im Keller, wir sind viele, auf uns werden Bomben geworfen, das Dach unseres Hauses brennt, helfen Sie uns!" Taissia Sytnik schreit ins Telefon. Übers Handy erreichte sie ihre Verwandten in Moskau, diese leiteten ihre Handynummer an unsere Redaktion von Russia Today weiter. Wir schalteten mit ihr live auf Sendung, während georgische Truppen sie immer noch in ihrem Keller bombardierten.

"Vor meinen Augen haben sie angeschossene Soldaten der Friedenstruppe getötet. Als ich verwundet wurde, bin ich auf den Bauch gefallen und dachte nur daran, dass der georgische Soldat mich so schnell wie möglich tötet. Er aber zögerte. Dann habe ich den Kopf gehoben und habe gesehen, dass der Major, der uns begleitete, ihn schon erschossen hatte", erzählt der russische Journalist Alexander Kotz.

"Meine Familie hat durch ein Wunder überlebt. Jetzt hat meine Tochter Angst vor Flugzeugen, weil sie gesehen hat, wie sie ihr Dorf bombardierten", sagt Joe Mestas, ein US-Amerikaner, der zusammen mit seiner ossetischen Frau in Südossetien im Urlaub war. Noch vor einer Woche, obwohl Georgien damals schon seine Truppen an die Grenze zu Südossetien verlagerte und die grenznahen Dörfer wieder unter Beschuss standen, dachte er, es würde keinen Krieg geben. "Ich dachte, die USA unterstützen doch Georgien, sie würden nichts dergleichen zulassen. Das ist nicht einmal Krieg, das sind Kriegsverbrechen. Saakaschwili ist schlimmer als Saddam!"

"Sie haben die Kirche niedergebrannt, wo sich Menschen vor Bomben versteckten."

"Ich habe gesehen, wie sie mit einem Panzer über eine alte Frau gefahren sind".

"Meine Kinder sind tot."

"Mein Haus wurde zerstört."

"Ich bin ein alter Mann, ich habe gegen die Nazis gekämpft, aber das hier - das ist schlimmer."

Die Computer in unserem Newsroom sind von solchen Interviews überfüllt. Wir haben Videoaufzeichnungen von jedem dieser Gespräche sowie von vielen anderen. Wie zum Beispiel aus dem Keller des Krankenhauses in Zchinwali. Die überlebenden Patienten wurden dorthin gebracht und lagen drei Tage ohne Wasser und Arzneimittel, während das Krankenhaus bombardiert wurde. Am Montag hat der französische Außenminister manche Überlebende des Blutbades in Zchinwali gesehen. Er sagte vor unserer Kamera: "Diese Menschen verstehen nicht, warum mitten in der Nacht Bomben auf sie flogen. Und ich glaube, dass es genau so war."

Aber nur wenige, außer dem Minister, haben die Geschichten dieser Ossetier gehört. Die Welt hat ihre Zeugenaussagen nicht gesehen. Gerade deswegen geht es in diesem Artikel um die Opfer und um den Schrecken in Südossetien. Seit Tagen wird der Welt von Bombenangriffen auf militärische Ziele innerhalb Georgiens erzählt und über Dutzende von Opfern, die die georgische Seite deklariert. Über Tausende von Opfern in Südossetien wird kaum gesprochen.

Ohne Russland wären sie nicht mehr am Leben

Der georgische Präsident ist auf allen wichtigen Fernsehsendern live zu sehen, wo er der Welt erklärt, nicht Georgien habe Südossetien angegriffen, sondern Russland griff Georgien an. Er sagt, Russland bombardiere absichtlich Ziele mit Zivilbevölkerung. Darauf antwortet Russland, dass es ausschließlich gegen militärische Objekte anfliegt, von welchen Südossetien beschossen wird. "Wir schützen unsere Bürger", erklären russische Politiker und erinnern an die Bombenangriffe auf Ziele in Belgrad durch die Nato-Streitkräfte 1999. Damals sagte die Nato, sie beschütze Kosovo-Albaner. Nur mit dem Unterschied, dass die Albaner keine Staatsbürger eines Nato-Landes waren; Südossetier sind - fast ausschließlich - russische Staatsbürger.

Weder in Zchinwali noch in Wladikawkas, wo die Flüchtlinge hinströmten, gab es Reporter von den großen internationalen Medien. Sie waren alle in Tiflis. Niemand hat gefilmt, als Frauen und Kinder bombardiert wurden. Die Stimmen der Zehntausende von Flüchtlingen, die ihre Verwandten und Angehörigen verloren haben, die Stimmen der Verwundeten, die das Blutbad in Südossetien erlebt haben, werden von niemandem in die Welt getragen. Doch genau diese Menschen können erzählen, warum sich Russland in den Konflikt zwischen Georgien und der abtrünnigen Republik eingemischt hat. Es liegt ihnen fern, darüber zu diskutieren, was wichtiger ist: die territoriale Integrität Georgiens oder das Recht der ossetischen Minderheit auf Selbstbestimmung. Sie sagen uns nur: wenn Russland sich nicht eingemischt hätte, wären sie jetzt nicht mehr am Leben. So wie ihre Angehörigen, die es nicht rechtzeitig schafften, nach Russland zu flüchten, nicht mehr am Leben sind.


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