Gaza-Streifen Israels Armee schickt Planierraupen


Israel hat mit der Zwangsräumung jüdischer Siedlungen im Gazastreifen begonnen. Starker Widerstand wird in den größeren Siedlungen erwartet. Unter den Palästinensern bricht jetzt schon Streit über das gewonnene Land aus.

Nach Ablauf der Frist um Mitternacht für einen freiwilligen Abzug hat die israelische Armee mit den Zwangsräumungen jüdischer Siedlungen im Gaza-Streifen begonnen. Einer Vereinbarung mit den Palästinensern zufolge wird die israelische Armee alle Gebäude in den Siedlungen abreißen, bevor sie sich dann selbst vollständig aus dem Küstenstreifen am Mittelmeer zurückzieht. Auch vier Siedlungen im Westjordanland will Israel aufgeben. Die Armee will die Räumung der Siedlungen bis zum 4. September abschließen. Der Abzug der letzten israelischen Soldaten ist für Anfang Oktober geplant.

Nach Angaben der israelischen Regierung sind bislang vier der 21 Siedlungen geräumt. Die Bewohner von Dugit, Nissanit, Bedolah und Peat Sadeh hätten ihre Siedlungen freiwillig verlassen, sagte ein ranghoher Regierungsvertreter. Stärkerer Widerstand wurde allerdings in den größeren Siedlungen wie Newe Dekalim und Kfar Darom erwartet. In der Siedlung Nissanit im Norden des Gebiets rückten Planierraupen ein und begannen mit der Zerstörung der Gebäude. Der Fernsehsender Channel Two zeigte indes, wie Soldatinnen eine Bewohnerin von Newe Dekalim in einen Bus trugen. In der Synagoge der Siedlung verbarrikadierten sich hunderte junge Ultranationalisten, die in den vergangenen Wochen in die Siedlungen eingesickert waren, um die Bewohner in ihrem Widerstand gegen eine Räumung zu unterstützen. Unbewaffnete Soldaten gingen in den Siedlungen von Tür zu Tür und forderten die Bewohner und ihre Helfer ultimativ auf, freiwillig abzuziehen.

Hoffnung auf Frieden

Ministerpräsident Ariel Scharon hatte das Ende der fast 40-jährigen Besatzung am Montag in einer Fernsehansprache noch einmal leidenschaftlich verteidigt. An den Rückzug knüpft sich die Hoffnung auf eine Wiederbelebung des Nahost-Friedensprozesses. Die Palästinenser erhalten mit dem Gaza-Streifen erstmals Land zurück, das sie für einen eigenen Staat beanspruchen.

Die Siedlungen sind noch nicht geräumt, da bricht unter den Palästinensern schon der Streit über das Land aus. Die von Israel enteigneten Familien wollen ihre Grundstücke zurück haben. Die palästinensische Autonomiebehörde plant dagegen den Bau großer Wohnblocks, um Flüchtlingen in den vor Dreck und Armut starrenden Lagern des Küstenstreifens einen Neuanfang zu ermöglichen. "Das ist unser Land", sagt Mohammed Duhair über 50 Hektar im Süden des Gazastreifens, auf denen Israel vor mehr als 30 Jahren die Siedlung Morag errichtet hat. "Es wurde uns schon einmal entrissen. Wir werden nicht zulassen, dass wir es ein weiteres Mal verlieren."

Knapper Wohnraum

Bis vor wenigen Tagen war die Aufregung des Duhair-Clans groß, bald wieder auf dem geliebten Land leben und anbauen zu können. Dann erfuhren sie von den Plänen der Autonomiebehörde, dort Sozialwohnungen zu errichten. Der Wohnraum wird vor allem für die Menschen aus dem Flüchtlingslager Rafah gebraucht, die dort in den vergangenen fünf Jahren ihre Häuser verloren haben. Während der zweiten Intifada haben israelische Bulldozer hunderte Häuser eingerissen und 13.000 der 90.000 Einwohner von Rafah obdachlos gemacht. Aber auch im übrigen Gazastreifen, einer der am dichtesten bevölkerten Gegenden der Welt, ist Wohnraum knapp. Das Land, auf denen die jüdischen Siedlungen noch stehen, gehört zu den wenigen weitgehend unbebauten Gebieten.

Die meisten der Siedlungsflächen, 91 Prozent, waren vor dem Sechs-Tage-Krieg 1967 in öffentlicher Hand, sagte die Autonomiebehörde. Die übrigen neun Prozent waren in Privatbesitz. "Wir werden das Land nur zurückgeben, wenn es nicht für die Öffentlichkeit gebraucht wird, etwa für Straßen, Schulen oder Einrichtungen, die die Israelis hinterlassen", sagt Freih Abu Meddein, Direktor der palästinensischen Baubehörde. Die Eigentümer würden eine Entschädigung erhalten. Für Mohammed Duhair kann es keine wirkliche Entschädigung geben. "Bis die Israelis uns enteigneten, haben wir dort, wo heute Morag steht, Linsen, Mandeln, Pfirsiche und Zitronen angebaut", sagt er, während er einen 40 Jahre alten Grundbucheintrag zeigt. "Die Linsen waren so gut, dass sie im ganzen Gazastreifen bekannt waren." Das Land sei ein kleines Stück Himmel gewesen. "Wir wollen es zurück." Alle Mittel werde der Clan ausschöpfen und möglicherweise auch vor Gericht gegen die Autonomiebehörde klagen.

"Mein Lebenswerk vernichtet"

Ein Stück des Landes gehört Mohammeds Cousin Suhair. Nur drei seiner 18 Hektar wurden 1970 von den israelischen Streitkräften konfisziert. Doch als im Oktober 2000 palästinensische Extremisten Granaten von dem Grundstück, das ihm geblieben war, auf Morag feuerten, rückten die israelischen Bulldozer an und machten seine Treibhäuser und Felder platt. "Ich saß auf meinen Koffern und musste mit ansehen, wie sie mein Lebenswerk vernichteten", erinnert er sich an die Nacht im Oktober vor fünf Jahren. "Ich war ein Bauer und konnte gut leben. Heute muss ich um ein Paket Mehl betteln."

AP/Reuters AP Reuters

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