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Generalstreik in Griechenland: Schock am Syntagmaplatz

Wut, Enttäuschung, Fassungslosigkeit. Nach einem Tag der Gewalt fragen sich die Athener, warum die Demonstrationen gegen die Regierung eskalierten.

Von Manuela Pfohl, Athen

Eh, das glaubt dir doch später mal kein Mensch. Chiara ist völlig außer sich. Am Abend war die 28-Jährige mit ihrem Freund auf den Syntagmaplatz gekommen, um gegen die Sparpläne der Regierung zu demonstrieren. Sie hat im Tränengasnebel gestanden, wurde bei den Auseinandersetzungen mit der Polizei ein paar Mal zu Boden gerissen. Aber das alles ist nichts gegen die Sache mit dem Finger.

"Das müsst ihr euch mal vorstellen", erzählt sie der Gruppe der Protestler, die kurz vor Mitternacht in einer Straße vor dem Syntagmaplatz steht. "Da sind wir mitten in der Kempelei mit den Bullen und plötzlich fangen die an, auf dem Boden herum zu kriechen und jedes Stück Müll umzudrehen, das herumliegt." Die Umstehenden sind gespannt. Und? "Na dann stellte sich heraus, dass einer der Polizisten beim Abschießen einer dieser Knallgranaten seinen Finger abgerissen hatte. Und den haben die dann gesucht. Und wir mit, bis einer ihn hatte. Dann ging die Sirene, der Typ kam ins Krankenhaus und vielleicht geben die Bullen morgen Sekt aus statt Tränengas."

Heldengeschichten, die erträglich machen, was die Athener Demonstranten an diesem Tag erlebten: Das Ende der bislang meist sehr friedlichen Proteste, auf die sie eigentlich so stolz waren. Am Abend gleicht der Syntagmaplatz einem Trümmerfeld. Aus den Säulen des noblen Hotels "Grande Bretagne" sind die Marmorplatten herausgerissen und zertrümmert worden. Munition für die Auseinandersetzung mit der Polizei. An den heruntergezogenen Jalousien des Hotels steht: "Wir wollen nicht wie Sklaven leben" und: "Klassenkampf." Dass dort, wor die Demonstranten ihre Zelte aufgeschlagen haben und wo eigentlich am Abend ein Konzert stattfinden sollte, nun schiere Verzweiflung über die Eskalation der Gewalt herrscht, hätte am Montag niemand für möglich gehalten.

"Haut ab, das knallt gleich"

Nach Mitternacht hat sich die Polizei weitgehend vom Syntagmaplatz zurückgezogen und steht nun in den Nebenstraßen. Vor dem Parlament brennen Barrikaden aus Müll. Ein paar Jugendliche, die sich vermummt haben, versuchen einen Minikiosk aufzubrechen. Andere bemühen sich, die letzten Reste der Scheiben vom Mc Donalds zu zertrümmern. Sinnlose Zerstörungswut, die nichts mit den Protesten der Griechen zu tun hat, die seit mehr als 40 Tagen auf dem Syntagmaplatz zusammenkommen. "Ich weiß auch gar nicht, wo die ganzen Krawallmacher plötzlich her sind", meint Andreas kopfschüttelnd. Doch irgendwie sei die Stimmung schon am Nachmittag unheimlich gewesen.

Rückblende: Haut ab, das knallt gleich", ruft am frühen Nachmittag einer und rennt, was das Zeug hält. Nur weg vom Syntagmaplatz. Die Hand vor dem Mund, wie auch all die anderen, die sich in den Straßen rund um das Parlament in Athen versammelt haben. Im Herzen der griechischen Hauptstadt brennt die Luft vom Tränengas, das die Polizei seit Stunden verschießt. Das dumpfe Knallen der Granaten warnt davor, sich dem Platz der Verfassung zu nähern. Die Sonnenschirme vor dem Mc Donalds direkt am Platz sind heruntergebrannt. Die schwere gläserne Eingangstür wurde herausgerissen. Von Bäumen unter denen am Montag noch die Demonstranten ihre Vollversammlung abhielten, sind nur verkohlte Reste geblieben. Davor rauchen Barrikaden aus Müll und Holz, die die Protestler auf den Straßen angezündet haben. Doch der Ruf des Flüchtenden verhallt nahezu ungehört. Die Athener sind gekommen, um zu bleiben.

20.000 Demonstranten und 5000 Polizisten sind gekommen

20.000 Demonstranten und 5000 Polizisten sind aufmarschiert am und um den Syntagmaplatz, dem Zentrum des Protestes. Noch mehr als sonst. Denn am Abend steht im Parlament die Diskussion über das Sparpaket der Regierung an. Das ist wiederum Bedingung für die Hilfen aus der Eurozone und vom IWF. Die Gewerkschaften haben zum Generalstreik aufgerufen, bis Mittwochabend soll er dauern.

Die Gewerkschaft der Verkehrsbetriebe hat sich allerdings um die Proteste nicht zu blockieren, entschlossen, die U-Bahn fahren zu lassen. Der Syntagmaplatz ist schon am Mittag voller Menschen. Sogar ein Motorradkorso mit dutzenden Aktivisten aus Thessaloniki ist nach Athen gekommen, um die Demonstranten zu unterstützen. Doch wenig später knallt es. Die ersten Steine fliegen. Die Nachrichten melden später, dass drei Polizisten verletzt wurden, mindestens drei Demonstranten hätten Atemprobleme. Bei Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden Gruppen sei jemand durch einen Stich verletzt worden.

Sitzblockade mit Cappuccino

Dramatische Szenen, die ein paar Straßen entfernt kaum wahrgenommen werden. Dort zeigt sich der Widerstand dialektisch weniger verbissen. Dazu gehört auch die ganz entspannte "Sitzblockade" in einem der vielen kleinen Straßencafés. Direkt hinter den Polizeiabsperrungen trinken die Protestler ihren Cappuccino zusammen mit den neugierigen Touristen. Den Blick auf die Zelte der Belagerer, die wie in einem Kessel von der Polizei eingeschlossen sind. "No Pasaran" - sie werden nicht durchkommen, steht auf einem riesigen Transparent, das sich gegen die Regierung richtet.

Die Athener sind zu allem entschlossen. Es ist ihr Tag. Ihr verzweifelter Versuch, doch noch abzuwenden, was kaum noch abzuwenden ist: Der Beschluss der Parlamentarier, das Volk noch einmal mehr zur Kasse zu bitten. Die Abgeordneten sitzen im Parlamentsgebäude und werden von schwerbewaffneten Polizisten beschützt, die in mehreren Reihen dicht an dicht versuchen, Abstand zwischen den aufgebrachten Demonstranten auf dem Platz und dem Parlament zu halten. Tatsächlich lichten sich am frühen Nachmittag die Reihen.

"Wir ziehen uns vielleicht vorübergehend zurück", sagt Zina, "aber wir kommen in ein paar Stunden wieder". Dass der stellvertretende Ministerpräsident Theodoros Pagalos am Sonntag damit drohte, zum Schutz der Banken Panzer auffahren zu lassen, war das eine. Das andere, dass schon dessen Großvater in der Krise 1925 Panzer gegen die griechische Bevölkerung einsetzte. Ein Trauma, das vielen Athenern noch gut in Erinnerung ist. "Ich hätte nie gedacht, dass ich in meinem Alter noch mal auf die Straße gehen muss, um wieder gegen ein despotisches System zu demonstrieren", wettert Zina. Die 75 -Jährige kann überhaupt nur mit Mühe laufen. Das Tränengas beißt in den Augen und lässt sie schwer atmen. Trotzdem ist sie zum Syntagma gekommen. Jetzt erst recht. Die nächsten Stunden will sie kämpfen.