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Generalstreik in Griechenland: Im Zentrum des Zorns

Athen brodelt. Das griechische Parlament berät über das harte Sparpaket, das Land liegt im Streik, auf dem Syntagmaplatz wird randaliert. Szenen aus dem Herzen des Protestes.

Von Manuela Pfohl, Athen

In Griechenland läuft der Countdown zur großen Abstimmung im Parlament. Und ein Streik legt das Land mal wieder lahm. 48 Stunden lang soll der dauern - Protest gegen das geplante Sparpaket. Rund geht es dagegen in der Gegend um den Sygmantaplatz im Herzen Athens, seit Wochen Zentrum des Protestes. Dutzende Autonome griffen am Rande einer friedlichen Demonstration die Polizei mit Flaschen und Steinen an. Die Randalierer zündeten Mülleimer und Sonnenschirme von Cafés an. Meterhohe Flammen loderten. Die Polizei setzte Tränengas ein. Tausende friedliche Demonstranten flüchteten von dem Platz vor dem Parlament.

Seit 40 Tagen wird dort protestiert - aber längst nicht immer so zornig. Es ist Montagabend. Drei Minuten Redezeit hat Eleni, eine zierliche junge Frau. Genug, um in das Mikrofon auf dem Platz zu sagen, dass ihr die Politik stinkt. Und zwar gewaltig. "Ich hab einfach keine Geduld mehr", ruft sie drohend herüber in Richtung des Parlamentsgebäudes. "Ich hab zwei Kinder und weiß nicht, wie ich sie noch durchbringen soll. Und wenn das so weitergeht, dann hau ich hier irgendwann alles zusammen." Die Masse um sie herum klatscht Beifall.

Denn nicht nur Eleni ist aufgebracht. Es sind die Tage der großen Entscheidung, bei der nicht weniger auf dem Spiel steht als das Schicksal des Landes. Das Sparpaket, über das die Parlamentarier abstimmen, ist Bedingung für die Rettungsmilliarden der EU.

Der Fernfahrer und die Pappkartons

Doch die Menschen auf dem Syntagmaplatz wollen nicht noch mehr sparen. Der Platz ist auch am Abend vor dem Krawalltag schon knackevoll. Die Vollversammlung diskutiert über die Krise und die Auswege daraus. Manche machen auch einfach nur ihrem Ärger Luft. Jeder hat hier das Recht, übers Mikro zu den anderen zu sprechen. Vorausgesetzt, er war vorher bei Thanassis und seinen vier Pappkartons der Demokratie. Den ganzen Tag über hat der 35-Jährige zusammen mit den anderen Jungs aus seiner Gruppe hinter einem grob gezimmerten Holztisch vor den vier Kisten gesessen. In eine kommen die Vorschläge für politisch geforderte Abläufe. In eine zweite gehören generelle politische Vorschläge. Ideen für Aktionen kommen in Karton drei und auf dem vierten steht: "Schmeiß hier deinen Slogan rein." Am Abend entscheidet dann das Los, wer seine Vorschläge im Plenum öffentlich machen kann. Basisdemokratie, die bestens funktioniert, wie Thanassis versichert.

Ob sie allerdings auch die Parlamentarier beeindruckt, die über die Zukunft der Griechen entscheiden sollen, ist eher ungewiss. Thanassis jedenfalls ist skeptisch. "Ich glaube, die wollen gar keine andere Lösung, als uns noch weiter zu schröpfen", meint er und nennt sich einen der "Verzweifelten an dieser Eurozone", für die es keine Zukunft mehr gebe. Der Platz ist voll von ihnen. Rentner, die kaum noch Rente kriegen, Studenten, die sich ihr Studium nicht mehr leisten können, Frauen, die sich um ihre Kinder sorgen.

Und Arbeiter wie Thanassis. Eigentlich ist er Fernfahrer. Aber irgendwann in der Wirtschaftskrise hat seine Firma ihn und die meisten seiner Kollegen entlassen müssen. Jetzt ist der Athener arbeitslos, kann sich keine Versicherung mehr leisten und wohnt wieder bei seinen Eltern, weil das Geld nicht für die Miete einer eigenen Wohnung reicht. Immer wieder hat Thanassis überlegt, wie er aus dem ganzen Schlamassel herauskommen kann, dann hat er sich entschlossen, mitzumachen bei den Protestlern auf dem Syntagmaplatz.

Das Widerstandsnest

Er hat, wie viele andere auch, mitten auf dem Platz sein Zelt aufgeschlagen und campiert dort Tag und Nacht. Ein Nest des Widerstands, das zusehends größer wird und nicht nur ganz unterschiedliche politische Ansichten toleriert, sondern auch künstlerische, religiöse und soziale Gruppen integriert. Auf Transparenten, Zeltwänden, Plakaten und Flyern sind die jeweiligen Forderungen zu lesen. Die einen wollen eine Verfassungsänderung, die anderen, die Banken verstaatlichen, die dritten meinen, die EU müsse reformiert werden.

Die "Gruppe der 300", die ihr blauweiß gestreiftes Zelt am Rand des Platzes hat, sammelt Unterschriften für ein Volksbegehren und fordert, dass alle 300 Parlamentarier sofort zurücktreten. Mittendrin streunen ein paar herrenlose Hunde herum, die solidarisch mitversorgt werden. Ein Händler verkauft Brezeln und gebratene Maiskolben, irgendwo wird gegrillt, am Mediazelt laufen die Infos aus anderen Städten ein und ein paar Schwarzafrikaner versuchen echt falsche Guccitaschen unters Volk zu bringen. Ein friedliches Miteinander, das nur von den Polizisten argwöhnisch beäugt wird, die rund um den Platz postiert sind. "Warum kommt ihr nicht rüber und macht bei uns mit", fragt einer am Mikro. "Ihr gehört doch zu uns und werdet von den Politikern genau so beschissen." Und: "Wir fordern euch auf, uns nicht am Schutz der Verfassung zu hindern."

Die Männer hinter den Schutzschilden verziehen keine Miene. Manche sind nicht älter als die Jugendlichen, die auf dem Platz gegen das System protestieren. Am Dienstagabend werden sie in Alarmbereitschaft sein, denn dann sollen bis zu 40.000 Demonstranten kommen, während die Parlamentarier drinnen debattieren. Und sollte das Parlament am Abend darauf für den Sparkurs stimmen, wird es wohl nicht beim abendlichen Rededuell bleiben, befürchten viele. Die Polizei hat schon jede Menge Absperrgitter herangeschafft, die das Parlament schützen sollen. In den Zelten der Widerständler werden Tipps ausgetauscht, wie man sich gegen Tränengas schützen kann. Und in den drei sehr noblen Hotels direkt am Platz werden die livrierten Doormen ihre Gäste vor möglichen Unannehmlichkeiten warnen.

Eine Zeit lang hofften die Sicherheitsleute, dass ausgerechnet die Gewerkschaften mit ihrem Generalstreik für Entspannung auf dem Syntagmaplatz sorgen könnten. In ganz Athen sollte am Dienstag und Mittwoch der Bus- und Bahnverkehr lahmgelegt werden. Dann würde es schwierig für die Demonstranten aus den Außenbezirken, zum Parlament zu kommen. Doch die Angestellten der Verkehrsbetriebe haben am Abend kurzfristig beschlossen, die U-Bahn aus dem Streik herauszunehmen, um den Demonstrationen nicht zu schaden.