Georgier in Moskau "Es trifft immer die Kleinen"


Sie werden schikaniert, beschimpft und verfolgt: Die Georgier in Moskau durchleben infolge der Krise zwischen ihrem Heimatland und Russland schwierige Zeiten. Viele Moskauer begrüßen die harten Methoden der Behörden.

Mit leicht gesenktem Kopf schleicht Irakli im Moskauer Stadtzentrum an einem parkenden Streifenwagen vorbei. Am liebsten würde sich der dunkelhaarige, hagere Georgier in diesen Tagen unsichtbar machen. "Seit der Zuspitzung der russisch-georgischen Beziehungen gehe ich der Polizei lieber aus dem Weg", sagt der 24-Jährige, der als Küchenjunge in einem Restaurant arbeitet. Schätzungsweise 100.000 Georgier leben in Moskau, ein großer Teil illegal. Sie alle fürchten, von der Polizei schikaniert zu werden, im Gefängnis zu landen oder ausgewiesen zu werden.

Miliz stürmt Gästehaus

Regierungskritische russische Medien wie die Tageszeitung "Kommersant" und der Radiosender "Echo Moskwy" berichten seit Tagen über die volle Bandbreite gezielter Behördenmaßnahmen gegen Georgier. Lehrer müssen demnach alle Schulkinder mit georgisch klingendem Nachnamen der Polizei melden, um die Behörden auf die Spur von Familien ohne Aufenthaltsgenehmigung zu bringen. Einen Tag, nachdem Präsident Wladimir Putin seinem georgischen Amtskollegen Michail Saakaschwili "Staatsterrorismus" vorgeworfen hatte, stürmte die Moskauer Miliz ein Gästehaus der georgischen Botschaft in Moskau.

Mit jeder diplomatischen Entgleisung wird auf den Straßen Moskaus der Umgangston rauer. Die Polizei schiebt Sonderschichten, um die mehr als 100 georgischen Restaurants in der Hauptstadt zu filzen. Gleich zwei der größten Spielcasinos der Stadt wurden über Nacht mit der Begründung geschlossen, die Eigentümer seien "georgische Kriminelle". Der Einwand der Betreiber, die allmonatlichen Überprüfungen durch die Behörden bislang immer bestanden zu haben, fand keine Beachtung.

Konsequenzen: Fehlanzeige

Eine Maßregelung von oben brauchen die Sicherheitskräfte derzeit nicht zu fürchten. "Alles geschieht im Rahmen des Gesetzes", sagte der Generalstaatsanwalt Juri Tschaika am Freitag in Moskau. Auslöser der aktuellen Krise zwischen Russland und Georgien war die vorübergehende Verhaftung russischer Offiziere unter Spionageverdacht. Obwohl die Verdächtigen längst abgeschoben wurden, hat Russland eine Verkehrsblockade über den südlichen Nachbarn verhängt, dessen Führung in die Nato strebt.

Die russische Regierung plant ein Gesetz, das in Russland arbeitenden Georgiern verbietet, wie bisher ihre Familien in der Heimat finanziell zu unterstützen. Experten befürchten in diesem Zusammenhang katastrophale Auswirkungen für die Wirtschaft Georgiens, da georgische Gastarbeiter schätzungsweise pro Jahr bis zu einer Milliarde Dollar aus Russland in ihre verarmte Heimat überweisen.

Auf öffentliche Unterstützung können die Georgier in Moskau in diesen Tagen kaum hoffen. Ein großer Teil der russischen Bevölkerung begrüßt die Maßnahmen der Behörden. "Die Georgier leben hier doch nur auf unsere Kosten", schimpft eine aufgeregte Moskauerin in einer Fragestunde von "Echo Moskwy". Rechtsextremisten rufen in Internetforen ihre Gesinnungsgenossen auf, Aufenthaltsorte von Georgiern im Land zu melden.

Unverständnis bei Georgiern

Die russische Migrationsstatistik macht fast alle in Russland lebenden Georgier zu Kriminellen. Im Land lebe eine Million georgische Immigranten, von denen nur ein Prozent eine Aufenthaltsgenehmigung besäße, teilte der Föderale Migrationsdienst mit.

Im Schutz eines Hauseingangs redet sich Irakli in Rage. "Ich kann nicht verstehen, warum wir auf einmal Zielscheibe aller Aggressionen sind", meint er. "Es gibt doch so viele illegale Einwanderer in Moskau. Mein Cousin arbeitet auf einer Baustelle mit Ukrainern, Weißrussen und Tadschiken zusammen. Keiner von denen hat eine Arbeitsgenehmigung, und trotzdem werden sie in Ruhe gelassen", empört sich der Georgier.

Aus seiner Sicht blamiere sich der russische Staat mit diesen Vergeltungsschlägen gegen georgische Bürger. Moskau sei doch immerhin eine europäische Hauptstadt. "Es trifft eben immer die Kleinen", schimpft Irakli, bevor er sich wieder auf die Straße hinauswagt.

DPA DPA

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