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Interview

Pläne für Grand Canyon: Wie eine Seilbahn den Navajo-Stamm entzweit

Investoren wollen am Ostrand des Grand Canyons eine Seilbahn errichten, auf dem Gebiet des Navajo-Stamms. Renea Yellowhorse fürchtet, dass ihre heiligen Stätten zum Rummelplatz für Touristen werden. 

Ostrand des Grand Canyons

Ostrand des Grand Canyons - in dieser Gegend lebt der Stamm der Navajo

Frau Yellowhorse, wir treffen uns im Reservat der Navajos in Arizona, am östlichen Rand des Grand Canyon. Für welche Gruppe ihres Stammes sprechen Sie?

Ich gehöre zum Bitterwater-Clan. Unsere Familien leben seit Jahrhunderten am östlichen Rand des Grand Canyon, am "Confluence" dort wo der kleine Colorado in den großen Colorado mündet. Dort wurde Salz gefunden, was früher einmal sehr, sehr wertvoll war. Ich spreche für die traditionellen Landnutzer der Region, die von Viehzucht, Kunsthandwerk und Jagd leben. Das Gebiet ist 1,8 Millionen Acres groß.

Das sind über 7000 Quadratkilometer, und fast alles Halbwüste. Die Region war 50 Jahre lang für jegliche wirtschaftliche Nutzung und Entwicklung gesperrt, weil die Navajo im erbitterten Streit mit dem Stamm der Hopi lagen.

Meine Familie gehört zu den wenigen, die gegen alle Widerstände dort geblieben sind und ausgehalten haben. Aber es ist wahr, eine wirtschaftliche Entwicklung war nicht möglich. Seit sechs Jahren ist der Streit beigelegt. Wir können jetzt frei wirtschaften.

Renea Yellowhorse und Norbert Höfler

Renea Yellowhorse und stern-USA-Korrespondent Norbert Höfler

Auf ihrem Land will nun ein US-Investor eine Gondel vom Rand des Grand Canyon bis hinunter zum Colorado bauen. Viele Leute in ihrem Stamm können reich werden...

Bevor wir eine Chance hatten, darüber nachzudenken, was auf unserem Land geschehen soll, kamen schon die Investoren.

Die Gondel soll endlich Jobs ins Reservat bringen. Am Rand des Canyon sind Hotels, Restaurants und ein I-Max-Kino geplant, unten am Fluss soll ein Café und eine große Promenade gebaut werden. Es werden  viele Millionen Dollar investiert. Der Präsident ihres Stammes hat schon zugestimmt.

Der bisherige Präsident der Navajo Nation wird heute, während wir hier sprechen, abgelöst.

Es heißt: Geld habe ihren Stamm entzweit.

Ja. Der Zusammenfluss ist für uns ein heiliger Ort. Dort hat unser Leben begonnen, dorthin kehren wir nach dem Tod zurück. Wenn Sie in den Grand Canyon absteigen, sehen sie die Felsen und Berge, die unsere Ahnen sahen, als sie zur Welt kamen und als sie die Erde wieder verließen. Auch ich werde einmal an diesem Ort meine Ruhe finden.

Haben Sie den Investoren jemals getroffen?

Nein. Ich hörte von dem Projekt zum ersten Mal in einem Lebensmittelladen im Reservat. Dort habe ich oft ausgeholfen und Leute kamen herein und erzählten, dass eine Gondel für hunderttausende Touristen gebaut werden soll. Ich glaubte, das sei ein Witz. Sie sagten: Nein. Die wollen das bauen.

Gab es Streit?

Die Investoren haben zunächst nur mit den Teilen unseres Stammes gesprochen, die weit weg vom Zusammenfluss leben. Sie haben ihnen Geld und gute Jobs versprochen. Einigen wurde gesagt, dass sie Hilfe bei der nächsten Wahl zur lokalen Regierung bekommen werden. Sie haben versucht, uns gegeneinander auszuspielen. Es war schon ausgemacht, wo die Helikopter starten und landen sollten. Es gab eine Computeranimation des Escalade-Projekts von der sich viele beeindrucken ließen. Wir, die Eigentümer des Landes, sollten zu Ausstellungsstücken werden, mit Federschmuck und Pfeil und Bogen.

Der Nachbarstamm, die Hualapai, betreiben im Westen am Grand Canyon den Skywalk. Eine Touristenattraktion. Man steht auf einem Glasboden viele hundert Meter über dem Canyon. In diesem Jahr sollen über eine Millionen Besucher dorthin kommen.

Ich kenne das. Auch die Hulapai wurden mit Geld auseinandergetrieben. Die Traditionalisten wollten nicht, die anderen nahmen das Geld.

In Peach Spring, dem Sitz der Stammesregierung, gibt es eine neue Schule, ein neues Gesundheits- und Jugendzentrum, ein neues Hotel und vieles mehr. Der Grand Canyon hat den Stamm reich gemacht. Und trotzdem sind sie dagegen, den Canyon zu erschließen?

Ja, so lange ich lebe. Ich will mich nicht beim Singen, Tanzen oder Beten zur Schau stellen lassen. Ich bin dagegen. Das zerstört unsere Kultur. Wir sind doch keine Museumsstücke. Wir leben. Wir gehen in Restaurants, wir fahren zu McDonalds, wir arbeiten in Autowerkstätten und Banken. Wir leben heute und hier. Wir haben unseren Glauben, aber wir leben auch in der modernen Welt. Wir sind nicht gegen ökonomische Entwicklung. Aber nicht an unserem heiligen Ort.

Warum fürchten Sie den Bau so sehr?

Es gibt eine Klausel im Vertrag die regelt, welche Geschäfte im Umfeld von "Escalade" zulässig sind und welche nicht. Wenn ich zum Beispiel ein Bed & Breakfast Hotel aufmachen will, können es die Investoren verbieten, weil es mit ihrem eigenen Angebot konkurrieren könnte.

Warum geht das?

Weil wir das Verfügungsrecht über das Land an den Investor abtreten würden. Die Geldgeber können auf unserem Land machen, was sie wollen. Die Navajos bekommen lediglich einen finanziellen Ausgleich. Mehr nicht.

Wurden Sie von den Befürwortern des Projekts in ihrem Stamm unter Druck gesetzt?

Ja, natürlich. In den sozialen Medien. Es macht böses Blut. Für viele sind wir die Nein-Sager. Wir sind für ökonomische Entwicklungen, aber nicht in unserer Kirche.

Können sie ihren Glauben erklären?

Der Zusammenfluss ist ein heiliger Ort für uns. Ein Fluss symbolisiert den Mann, der andere die Frau. Wo sie sich treffen, entsteht Leben. Wenn unsere Reise auf dieser Welt zu Ende ist, kehren wir dorthin zurück. Es ist der Ort, an dem wir mit unseren Toten sprechen. Es ist der Ort an dem unsere Geister leben. Mein Bruder kämpfte im Vietnamkrieg. Er hat Schreckliches erlebt. Nach seiner Rückkehr nach Amerika verbrachte er viele Tage am Fluss und kam geheilt zurück.

Interessieren sich die jungen Leute im Stamm auch so sehr dafür. Oder ist der Kampf um den heiligen Ort etwas für die Alten?

Wir erleben gerade eine starke Rückbesinnung auf unsere alten Traditionen und auf unseren alten Glauben. Meine jüngste Enkeltochter sagt: Meine Großmutter schützt den Zusammenfluss, damit ich dort später beten kann. Sie ist neun Jahre alt. Wenn wir unsere Traditionen, unsere Kultur und unseren Glauben verlieren, sind wir nicht mehr als Menschen mit braunen Gesichtern unter Amerikanern.

Ein junger Schwarzer in Ferguson sagte mir kürzlich: Ich habe keine Geschichte. Woher komme ich? Ich musste immer nur die Geschichte der Weißen lernen. Ich habe keine Wurzeln.

(Tränen in den Augen) Junge Männer aus unserem Stamm sind in diesen Tagen auf alten Wegen durch unser Land unterwegs. Sie Jagen und leben unter freiem Himmel. Es gibt eine Renaissance. Ich hoffe, wir treffen die Männer heute Nacht am Grand Canyon.

Lesen Sie mehr über die Seilbahn-Gegner auf deren Facebook-Seite


Interview: Norbert Höfler
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