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Illinois: Der Staat der Korrupten

Er soll ein Kinderkrankenhaus erpresst und Journalisten unter Druck gesetzt haben. Zuletzt versuchte Rod Blagojevich Barack Obamas frei gewordenen Senatssitz zu verhökern. Nun wurde der Gouverneur des US-Bundesstaats Illinois vom FBI abgeführt. Er ist nicht der einzige ranghohe Politiker aus Illinois, der sein ganz eigenes Rechtsverständnis hat.

Von Felix Disselhoff

"Chicago ist einmalig. Es ist die einzige Stadt in Amerika, die durch und durch korrupt ist." So formulierte der Politikberater Charles Merriam die dortigen politischen Zustände in den 1920ern. Daran scheint sich auch 90 Jahre später nicht viel geändert zu haben, wie nun der Fall "Blag" zeigt: Seit fünf Jahren schon ermittelt das FBI gegen Rod R. Blagojevich, dem Gouverneur Illinois, nun wurde er festgenommen und die Vorwürfe sind haarsträubend: Nachdem Illinois' Senator Barack Obama zum US-Präsidenten gewählt wurde, ist sein Senatssitz frei. Blagojevich soll geplant haben, ihn an den Meistbietenden zu verkaufen. Die Rede ist von 500.000 Dollar. Auch Blagojevichs Stabschef John Harris wurde festgenommen.

"Blag" hat ausgeblufft

Noch am gleichen Tag wurde "Blag" (englisch für "Bluff"), wie ihn die amerikanische Presse nennt, dem Haftrichter vorgeführt. Die "New York Times" druckte die 76 Seiten umfassende Klageschrift ab. Er wird darin der massiven Korruption und "andauernder krimineller Aktivitäten" beschuldigt. Außerdem wird ihm Verschwörung zum Betrug und Aufruf zur Bestechung vorgeworfen, darauf stehen jeweils maximal 20 Jahre Haft. Die US-Strafverfolger fürchteten sogar, dass Blagojevich sich den Posten selbst zuschanzen wollte - dann wäre seine Verhaftung dank diplomatischer Immunität nahezu unmöglich gewesen. Der Gouverneur schien dabei nur eines im Sinn gehabt zu haben: möglichst viel Profit aus seiner Position zu schlagen. Sein Gouverneursgehalt in Höhe von rund 177.000 Dollar pro Jahr reichte ihm offenbar nicht, laut der Anklage verlangte Blagojevich für den Sitz im Senat zudem ein Posten mit einem Gehalt zwischen 250.000 und 300.000 Dollar. Dazu noch einen Kabinettsposten und einen Platz in einem Aufsichtsrat für seine Frau Patti mit einem Mindestgehalt von 150.000 Dollar. Dabei gab er sich gar keine Mühe, seine Absichten zu verbergen. "Ich will Geld machen" soll er in einem der letzten Telefonate vor der Verhaftung gesagt haben.

Dieses Vergehen war aber nur der letzte Nagel im politischen Sarg des ehemaligen Staatsanwaltsassistenten. Schon zuvor gab sich "Blag" alle Mühe, dem Hollywoodstereotyp des skrupellosen Politikers zu entsprechen. So soll er versucht haben, ein Kinderkrankenhaus zu erpressen. Vom Leiter des Chicagoer Children's Memorial Hospital verlangte er 50.000 Dollar Bonus für die Bewilligung von staatlichen Zuschüssen in Höhe von 8 Millionen Dollar.

"Fire those Fuckers!"

Das Medienecho ist nicht nur wegen der Verbindung zu Amerikas nächstem Präsidenten Obama groß. Blagojevich hatte unter anderem der finanziell schwer angeschlagenen "Chicago Tribune" zugesetzt. Die mittlerweile unter Gläubigerschutz stehende Tribune Company versucht seit einiger Zeit ihre Baseballmannschaft Chicago Cubs samt Stadion zu verkaufen. Der rücksichtslose Gouverneur blockierte den Verkauf und forderte, dass Redakteure gefeuert werden, die kritisch über ihn schreiben. "Fire those Fuckers", soll er gerufen haben. Blagojevich und sein Stabschef Harris hatten daraufhin versucht, die Berichterstattung der Zeitung massiv zu beeinflussen. Beide wurden gestern nach einen fünfzehnminütigen Anhörung am Bundesgerichtshof entlassen, nach Zahlung einer Kaution von je 4.500 Dollar. Ein FBI-Angehöriger, der an der Untersuchung mitwirkte, sagte, er wisse nicht, ob Illinois der korrupteste Staat der USA sei. Er müsse aber als heißer Anwärter gelten.

Illinois: Sündenpfuhl der amerikanischen Politik

Denn dieser Vorfall ist nur ein weiteres Beispiel für das gestörte Rechtsverständnis mancher Politiker im Staate Illinois. Bereits in den 1830ern blühte in Illinois das illegale Glücksspiel, ab den 1870ern auch die Prostitution. Chicago, die größte Stadt Illinois und drittgrößte der USA, gilt als Wiege des amerikanischen organisierten Verbrechens. Zu Zeiten der Prohibition wurde Verbrechergröße Al Capone mit illegalem Glücksspiel, Prostitution und illegalem Alkoholhandel zum Mythos. Und selbst John F. Kennedys Karriere erhielt einen kleinen Dämpfer aus dem Staat am Lake Michigan. Bei der Präsidentschaftswahl 1960 kam der Verdacht auf, dass das Wahlergebnis manipuliert worden sei. Er gewann nur mit einem Vorsprung von knapp 9.000 von insgesamt rund 4,7 Millionen abgegebenen Stimmen im ganzen Staat. Erneute Auszählungen wurden damals mit juristischen Mittel gestoppt. Zwei Jahre später bekannten sich aber tatsächlich zwei Wahlhelfer aus Chicago schuldig, Stimmzettel manipuliert, verändert und zerstört zu haben.

Schon vor Blagojevichs Verhaftung sind bereits drei Gouverneure wegen diverser Gesetzesverstöße im Gefängnis gelandet: Der Republikaner Georg Ryan sitzt eine sechseinhalbjährige Haftstrafe wegen Betrugs ab. Der Demokrat Otto Kerner wurde Anfang der Siebziger der Korruption, Verschwörung und des Meineids in siebzehn Fällen überführt. Der letzte demokratische Gouverneur vor Blagojevich, Dan Walker, wurde wegen Bankbetruges verklagt. Ein ähnlicher Fall kam 1970 zu Tage, als bei der Leiche des damaligen Ministers Paul Powell 800.000 unterschlagene Dollar in Schuhkartons entdeckt wurden. Wer korrupt ist, scheint in Illinois auf großem Fuß zu leben.

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