Interview "Das ist eine brutale Form von Krieg"


Mit Helmut Harff, Brigadegeneral a.D., sprach Tilman Gerwien für stern.de über Unwägbarkeiten des Häuserkampfes in Bagdad und die Illusion vom sauberen High-Tech-Krieg.

Mit Helmut Harff, Brigadegeneral a.D., sprach Tilman Gerwien für stern.de über Unwägbarkeiten des Häuserkampfes in Bagdad und die Illusion vom sauberen High-Tech-Krieg.

Was erwartet die Amerikaner, wenn sie versuchen, die Stadt Bagdad flächendeckend unter Kontrolle zu bekommen?

Man muss überall und jederzeit mit allem rechnen: Hinterhalte, Sprengfallen, Heckenschützen, als Zivilisten getarnte Guerilla-Kämpfer, feindliche Soldaten, die erbeutete US-Uniformen tragen.

Welche persönlichen Erfahrungen verbinden Sie mit dem Häuserkampf?

Die Vorstellungskraft eines normalen Menschen reicht dafür nicht aus. Das ist eine brutale Form von Krieg, vielleicht die brutalste überhaupt. Eine Ahnung davon haben wir in Mogadischu bekommen, als ein nigerianischer Bataillonskommandeur der UN-Blauhelme mit acht seiner Leute plötzlich vor einer Gruppe Somalis stand, vorwiegend Frauen und Kinder. Sie versperrten den Weg, die Soldaten wussten nicht, ob die betteln oder demonstrieren wollten. Die Nigerianer sind von ihrem Panzerwagen abgesprungen, um die Menschen zurückzudrängen. Die machten Platz, aber nur in der Mitte, so dass sich ein Halbkreis bildete. Aus den Gewändern heraus haben sie dann ihre Kalaschnikows gezogen und das Feuer eröffnet. Die Nigerianer wurden buchstäblich abgeschlachtet und hatten keine Chance.

Wird Bagdad zum Stalingrad dieses Krieges?

Ich kann mir das für die Schlacht um Bagdad nicht vorstellen, und wenn, dann wird es grausam. Schon jetzt hat es eine erstaunlich hohe Zahl von Opfern durch "friendly fire" gegeben. Und das in offenem Gelände. Stellen Sie sich das vor in einer Stadt wie Bagdad. Verwinkelte Gebäude, die Sicht ist schlecht, der Strom vielleicht ausgefallen, es wird abends schlagartig dunkel. Die Soldaten haben Angst. Häuserkampf bedeutet extremen seelischen Stress. Das provoziert Fehlreaktionen im Gefecht, Schüsse auf Kameraden, vorschnelles Schießen auf Zivilisten.

Sind die Soldaten darauf vorbereitet?

Die Spezialisten ja. Der Umgang mit Stresssituationen wird geübt: Überfall von hinten, deinem Nebenmann wird von einer Handgranate der Arm abgerissen. Aber das gilt nicht für die Masse.

Wie läuft Häuserkampf konkret ab?

Die Hauptlast liegt beim einzelnen Soldaten. Er muss Schritt für Schritt durch die Stadt, um die Hausecke rum, in das Haus rein. Aufforderung an die Zivilisten, sich zu ergeben oder zu verschwinden. Dann Handgranate ins Haus. Dann wird vorsichtig die erste Tür aufgemacht. Dahinter kann schon eine Sprengfalle sein.

Stirbt in einem solchen Szenario die Illusion vom sauberen High-Tech-Krieg?

Ja. Wenn ich einen bestimmten Straßenzug durchkämme, brauche ich schweren Feuerschutz. Den kann natürlich ein Panzer geben. Aber der kann in der Stadt nicht um die Ecke sehen, seine Beweglichkeit ist zudem sehr begrenzt. Ich kann Überwachung aus der Luft anfordern, mit Hubschraubern, aber mit hohem Risiko, siehe Mogadischu. Und die Luftwaffe muss unglaublich aufpassen, dass sie nicht die eigenen Leute trifft.

Variiert die Einsatztaktik, je nach Stadtviertel?

Ja. Es gibt die Armenviertel, enge Gassen, in denen man mit gepanzerten Fahrzeugen gar nicht durch kann. Hier geht es nur meterweise, Mann gegen Mann. Im Bereich der Regierungsgebäude dürfte es noch komplizierter werden. Das sind oft Hochhäuser. Es ist immer schwieriger, sich nach oben durchzukämpfen. Der Verteidiger hat die bessere Sicht und muss nur Handgranaten in den Treppenhausschacht fallen lassen. Daher gilt die Regel: Wer das Treppenhaus hat, dem gehört das Haus. Dann die Vororte, unübersichtliche Siedlungen. Bagdad wird durch kein Gebirge begrenzt, die Vororte ziehen sich endlos in die Ebene und saugen die Truppen auf.

Können die US-Truppen mit solchen Situationen umgehen?

Die Spezialisten ja. Aber davon gibt es nicht genug. Und es wäre unverantwortlich, junge Soldaten in einen Häuserkampf zu schicken, wenn sie dafür nicht speziell ausgebildet sind. Die USA verlegen weitere Truppen. Wenn die Städte wirklich freigekämpft werden müssen, reichen dafür auch die Reserven der US-Armee nicht aus. Für Bagdad reichen nicht mal die Spezialkräfte der gesamten Nato.

Wenn die Irakis nicht kapitulieren, sind die Städte nicht zu gewinnen?

Aufgrund meiner Erfahrung sage ich: Wenn Widerstand geleistet wird, sind die Städte des Irak militärisch nicht einzunehmen. Ich kann mir prinzipiell nicht vorstellen, dass man im 21. Jahrhundert eine Millionenstadt mit Bodentruppen im Kampf besetzt. Die Toleranz gegenüber Opfern auf der eigenen und der anderen Seite ist zu gering geworden. Es würde Tausende Tote geben. Das würde die Weltöffentlichkeit nicht hinnehmen. Auch die amerikanische nicht.

Wie wäre die Taktik, wenn Bagdad nur belagert wird?

Man schnürt ab. Rein kommt keiner mehr, raus nur unbewaffnet. Dann psychologische Kriegsführung: Flugblätter, TV-Einsatz mit Satellitenschüsseln, Lautsprechern. Dazu gezielte Luftschläge. Wenn Wasser und Nahrung ausgehen, kann es zur Kapitulation kommen. Aber das ist auch furchtbar genug für die betroffenen Menschen. Ich wünsche das keiner Stadt der Welt.

Interview: Tilman Gerwien

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