Irak Der falsche Name ist das Todesurteil


Wer Ammar heißt, darf leben, wer Omar heißt, muss sterben. Im Irak kann die Zugehörigkeit zur jeweiligen Minderheit zum Todesurteil werden. Deshalb ändern nun viele Irakis ihre Namen, um den Fememorden zu entgehen.

Wer in Bagdads schiitischen Vorstädten Omar heißt, lebt in Angst und Schrecken. Denn kein Schiit heißt so. Der Name deutet eindeutig darauf hin, dass sein Träger Sunnit ist. In einer Zeit der konfessionellen Polarisierung kann die Zugehörigkeit zur jeweiligen Minderheit in der Nachbarschaft den Tod bedeuten. In den Nächten gehen Mordkommandos um, die Jagd auf Angehörige der jeweils anderen Religionsgruppe machen. Die zutiefst korrupte Polizei sieht dem nicht nur zu, sondern macht oft selbst mit bei diesen Fememorden.

Namensänderung schützt vor Gewalt

Abu Mustafa und seine Familie bedrückte genau dieses Problem. Denn mit Nachnamen hießen sie Al-Omar. "Es war keine leichte Entscheidung", sagt der 66-jährige Patriarch. "Aber anders kann sich die Familie nicht gegen die konfessionelle Gewalt schützen." Jetzt heißen sie Ammar. In ihrer schiitischen Nachbarschaft klingt das unverfänglich. Einer der Söhne änderte auch den Vornamen: vom eindeutig sunnitischen Bakr zum neutralen Mustafa.

Vor der Invasion der Amerikaner hatten die Sunniten das Sagen im Irak. Obwohl sie nur rund 20 Prozent der Bevölkerung stellen, sicherte ihnen der Diktator Saddam Hussein, ein Sunnit, und seine Baath-Partei die Vorherrschaft über ihre shiitischen Landsleute. Doch nach dem Sturz des Regimes im Jahr 2003 ist der Kampf um die Macht im Land entbrannt. Da die Iraker bei Wahlen steng nach Konfession abgestimmt haben, können die Shiiten bislang auf eine zuverlässige Mehrheit in den Institutionen des Landes zählen.

Shiiten flüchten nach Morddrohungen

Doch die Gewalt zwischen den konfessionellen und ethnischen Gruppen zeigt kein Zeichen des Abebbens. Mehr als 30 000 schiitische Familien in mehrheitlich sunnitisch bewohnten Gebieten zogen nach Angaben des irakischen Einwanderungsministeriums fort, nachdem sie Morddrohungen erhalten hatten. Die Leichenschauhäuser in Bagdad nahmen in den ersten sieben Monaten dieses Jahren die sterblichen Überreste von mehr als 10 000 Mordopfern auf. Die meisten von ihnen blieben unidentifiziert.

In dem konfessionell gemischten, von Gewalt geplagten Vorort Dora im Süden von Bagdad will eine Frau namens Umm Omar - zu deutsch: Mutter von Omar - erreichen, dass ihr Mann der Namensänderung für den jüngsten Sohn zustimmt. Omar zieht die Aufmerksamkeit von Schiiten und Sunniten gleichermaßen auf sich. Aber der Mann hat bislang nichts in der Sache unternommen. "Ich fürchte um das Leben meines Sohnes in diesem Meer von Gewalt", sagt Umm Omar.

Irakische Zeitungen berichteten in letzter Zeit häufig über Bürger, die sich an die Behörden wandten, um ihren Namen von Omar in Mohammed, Ammar oder Baschar ändern zu lassen. Aber die Mühlen der Bürokratie mahlen langsam. Das irakische Personenstandsgesetz verlangt, dass der Betroffene sein Begehren in den Tageszeitungen veröffentlicht und dann zehn Tage wartet. Erhebt niemand Einspruch, wird dem Gesuch um Namensänderung stattgegeben.

Zwei Ausweise für die sichere Reise

Wer den legalen Weg scheut, kann für 30 000 Dinar (15 rpt 15 Euro) einen gefälschten Personalausweis erwerben. Vor allem bei Reisen übers Land wird es als "praktisch" angesehen, zwei Ausweise in der Tasche zu haben, mit dem jeweils "richtigen" Namen für die Miliz, die den jeweiligen Kontrollpunkt betreibt.

DPA/mta DPA

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