Irak-Konflikt Die Schlacht an der Heimatfront


US-Reporter müssen bei der Berichterstattung über Beerdigungen auf Pentagon-Anweisung neuerdings hinter Absperrgittern bleiben. Heimkehrende Särge dürfen nicht gefilmt werden. Die Regierung wolle "die Bilder kontrollieren", kritisieren Veteranen.

Aufrecht und im schwarzen Anzug saß William Swartworth (8) am Grab, als seine Mutter Sharon diese Woche auf dem Militärfriedhof in Arlington bei Washington beerdigt wurde. Ein Offizier tätschelte dem Kleinen mit tröstenden Worten die Wange. Sharon Swartworth (43) war beim Abschuss eines US-Helikopters am 7. November in der Nähe der irakischen Stadt Tikrit ums Leben gekommen. Es war die 38. Beerdigung auf dem Heldenfriedhof - weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Reporter müssen bei der Berichterstattung über Beerdigungen auf Pentagon-Anweisung neuerdings weit entfernt hinter Absperrgittern bleiben. Auch heimkehrende Särge dürfen auf dem Stützpunkt Dover nicht mehr gefilmt werden. "Das Pentagon versucht zu verstecken, was der Krieg uns wirklich kostet", kritisiert Charles Sheehan-Miles, der 1991 auf US-Seite für die Befreiung Kuwaits kämpfte und inzwischen einen kriegskritischen Veteranenverband leitet. "Die Reaktion der Öffentlichkeit auf Bilder von Särgen und Beerdigungen würde die ganze Einstellung zum Krieg beeinflussen. Deshalb will die Regierung die Bilder kontrollieren."

Bush bei keiner einzigen Beerdigung anwesend

Ein Staatsakt wie in Italien beim Begräbnis der im Irak gefallenen Soldaten wäre in den USA zurzeit undenkbar. US-Präsident George W. Bush hat bislang an keiner einzigen Beerdigung teilgenommen, und der Präsident vermeidet es, einzelne Opfer selbst bei besonders tragischen Vorfällen mit vielen Toten zu erwähnen. "Wir fühlen mit allen Angehörigen und ehren alle, die ihr Leben für das Land gelassen haben", sagt Bush immer wieder. Bis Dienstag waren im Irak 422 US-Soldaten getötet worden.

"Das Verteidigungsministerium sagt, damit soll die Privatsphäre der Familien geschützt werden. Aber gleichzeitig kommt (die Einschränkung der Berichterstattung) zu einem Zeitpunkt, an dem die Aussicht auf großes Medieninteresse an Beerdigungen und die wachsende Zahl von Toten politisch negative Konsequenzen für den Präsidenten haben könnten", schrieb die Zeitung "USA Today".

Die Regierung weist dies zurück. Schon seit 1991 dürften in Flaggen gewickelte Särge gefallener Soldaten auf dem Stützpunkt Dover nicht mehr aufgenommen werden, erklärte Generalstabschef Richard Myers. Auch der Aufseher des Arlington-Friedhofs, Jack Metzler, sagt, die Reporter-Regeln seien alt und nur in Vergessenheit geraten. Das Pentagon forderte jetzt eine rigorose Einhaltung.

Das Vietnam-Trauma und die Ehrung der Gefallenen

Früher war das anders. Die Ehrung der Gefallenen bekam nach dem Vietnam-Trauma mit 58 000 gefallenen Soldaten einen neuen Stellenwert. Präsident Jimmy Carter nahm 1980 an einer Gedenkfeier in Dover teil, als die Särge der acht Soldaten ankamen, die bei der fehlgeschlagenen Befreiungsaktion für die US-Geiseln in Teheran ums Leben gekommen waren. Ronald Reagan war 1983 zugegen, als die Särge mit den 241 gefallenen Soldaten heimgebracht wurden, die beim Anschlag auf eine US-Kaserne in Beirut ums Leben gekommen waren.

Nach Angaben des Weißen Hauses ist Bush schon mehrfach unter Ausschluss der Öffentlichkeit mit Angehörigen von Gefallenen zusammen gekommen. Doch wird der Ruf nach öffentlicher Anerkennung der Opfer lauter. "Offen mit dem Tod umzugehen ist ein zentrales Element der Kriegskultur, das leider allzu oft in Präsident Bushs Kriegsführung fehlt", schrieb Kommentator Andrew Rosenthal in der "New York Times".

"Zerbrechliche Unterstützung"

"Die Regierung meint zweifellos, dass die öffentliche Unterstützung für den Krieg schwinden würde, wenn heimkehrende Särge oder der Präsident bei Beerdigungen im Fernsehen zu sehen wären. Das scheint mehr als jede Umfrage zu zeigen, wie zerbrechlich diese Unterstützung ist."

Christiane Oelrich DPA

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