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Irak-Krise: "Sie hielten uns wie Schafe"

"Sie respektieren niemanden", sagt Rahad Naif, der nach einem Nachbarstreit festgenommen worden war, über seine amerikanischen Aufseher. Wer sich in den Gefangenenlagern im Irak quer stellt, muss mit harten Repressionen rechnen.

Wer sich in den amerikanischen Gefangenenlagern in Irak quer stellt, muss nach Darstellung kürzlich entlassener Häftlinge mit harten Repressionen rechnen. Die Gefangenen stundenlang gefesselt in der Sonne liegen zu lassen oder die Kürzung von Lebensmittelrationen seien mögliche Strafmaßnahmen der US-Truppen. Nach ihrer Freilassung erheben einige Häftlinge schwere Vorwürfe gegen US-Wärter, die sich teilweise auch mit Berichten der Menschenrechtsorganisation Amnesty International decken.

"Sie respektieren niemanden, ob jung oder alt", sagt Rahad Naif über seine amerikanischen Aufseher. Zusammen mit seinen beiden Brüdern war der 31-jährige im Juli nach einem Streit mit einem einflussreichen Nachbarn festgenommen worden, Anklage wurde nicht erhoben. Der letzte der drei Brüder kam erst Mitte Oktober wieder frei.

Schläge und Demütigungen

"Sie hielten uns wie Schafe", sagt der 38-jährige Saad Naif. "Sie schlugen Menschen. Sie demütigten Menschen." Die Bitterkeit sitzt tief bei ihm. Sein Bruder Hassan betont jedoch, dass es auch "gute Menschen" unter den US-Wärtern gegeben habe. In Camp Cropper nahe dem Bagdader Flughafen habe ein älterer Amerikaner seine Kollegen gerügt, wenn sie Gefangenenrechte nicht respektiert hätten - von den Irakern sei er respektvoll mit dem Ehrentitel Hadschi angesprochen worden.

Wie US-Brigadegeneral Janis Karpinski, der für die Gefangenenlager verantwortlich ist, erklärt, werden die Gefangenen human und fair behandelt. Mitte Oktober mit Fragen zu den Berichten frei gelassener Iraker an die Nachrichtenagentur AP konfrontiert, hat das US-Kommando bislang noch keine Stellungnahme abgegeben. Bekannt ist, dass sich US-Soldaten in einigen Fällen gerichtlich verantworten müssen: So wird vier Soldaten vorgeworfen, irakische Gefangene geschlagen zu haben. Zwei Marineinfanteristen sehen sich Vorwürfen im Zusammenhang mit dem Tod eines Häftlings gegenüber.

US-Truppen zählen rund 5.500 Gefangene

Rund 5.500 Gefangene zählen die US-Truppen, nach Ansicht einiger Juristen und Iraker sind es mehr. Widerstandskämpfer und Funktionäre des Baath-Regimes werden zusammen mit gewöhnlichen Kriminellen und mit Irakern, die gegen die Sperrstunde verstießen, gefangen gehalten.

US-Zivilverwalter Paul Bremer hat zugesichert, die Entlassung unschuldig gefangen genommener Iraker zu beschleunigen. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK), dem Zugang zu den Lagern gewährt wird, bestätigt Verbesserungen in den vergangenen Wochen.

Immer wieder hätten die Gefangenen für eine Freilassung protestiert, berichtet Hassan Ali Muslim, ein Exgefangener aus dem mittlerweile geschlossenen Camp Cropper. "Etwa 20 von uns begannen dann zu rufen: 'Lasst uns raus! Lasst uns gehen!'" Fast jeden Tag habe es in Camp Bucca nahe der südirakischen Stadt Basra Proteste gegeben, bestätigt Rahad Naif, oft auch gewaltsame. "Manchmal griffen wir die Amerikaner mit Zeltstangen an", sagt Naif. "Wir wussten aber, dass sie gewinnen würden. Wir hätten es nie geschafft, da raus zu kommen."

Zehn Wasserhähne für 1.000 Gefangene

In Bucca war vor allem im heißen Sommer Wassermangel ein großes Problem, wie ehemalige Gefangene berichten. "Sie gaben uns warmes Wasser, während wir sehen mussten, wie sie kaltes tranken", sagt Raid Mohammed Hassan über amerikanische Soldaten in dem Lager. Der 41-Jährige saß zwei Monate in Camp Bucca ein, nachdem eine Waffe in seinem Auto gefunden worden war. Nach Angaben von Rahad Naif mussten sich in seinem Bereich des Lagers rund 1.000 Gefangene zehn Wasserhähne teilen.

Nach einem Streit über Zigaretten mit einem Wärter habe er vier Tage lang in Einzelhaft in einer winzigen, drückend heißen Zelle ausharren müssen, berichtet Muslim. "Ich hatte das Gefühl, dass meine Haut schmilzt." Danach hätten sich die Amerikaner bei ihm entschuldigt und den betreffenden Wärter versetzt.

Gefesselt in der Sonne

Immer wieder erheben Freigelassene Vorwürfe, dass die US-Soldaten weibliche Gefangene rücksichtslos behandelt hätten. "Wir mussten beobachten, dass irakische Frauen auf dieselbe Weise bestraft wurden wie Männer", sagt Hassan Naif. Als einmal ein Häftling seiner Schwester in einem nahe gelegenen Zelt etwas zugerufen habe, hätten die Wärter die Frau bestraft. Der Mann habe zusehen müssen, wie seine Schwester gefesselt in der Sonne habe liegen müssen und versucht, die Absperrung um sein Zelt zu überwinden. Daraufhin sei er in die Schulter geschossen worden.

Saad Naif berichtet sogar von einem tödlichen Schuss in einem ähnlichen Fall auf dem Gelände des Gefängnisses Abu Ghraib bei Bagdad. Amnesty International stuft Schilderungen solcher Schüsse als glaubwürdig ein. Auf die Nachfrage von AP über Berichte von Todesfällen haben die US-Streitkräfte in Irak bislang nicht geantwortet.

Täglich wachsende Niedergeschlagenheit

Mit jedem Tag der Gefangenschaft und der Ungewissheit seien Niedergeschlagenheit und Aggression in den Lagern gewachsen, berichten entlassene Häftlinge. "Sie fragten mich nach Saddams Familie, nach El-Kaida-Terroristen, nach dem Waffenmarkt - alles Dinge, von denen ich keine Ahnung habe", sagt der 24-jährige Siad Tarik. "Ich dachte, sie würden Fragen zu meinem Fall stellen. Warum wurde ich festgenommen?"

Charles Hanley