HOME

Irak: Mehr Gewalt, weniger Normalität

Im Irak sterben täglich bis zu 100 Menschen bei Anschlägen von Rebellen oder Kämpfen rivalisierender Gruppen. US-General John Abizaid und der britische Botschafter im Irak, William Patey, gehen davon aus, dass sich die Lage weiter drastisch verschlechtern wird.

Die Gewalt im Irak hat nach Worten von US-General John Abizaid noch nie da gewesene Ausmaße erreicht und könnte sich zu einem Bürgerkrieg entwickeln. Auch nach Einschätzung des scheidenden britischen Botschafters ist in dem Golfstaat ein Bürgerkrieg wahrscheinlicher als der Übergang zu einer stabilen Demokratie. Die pessimistischen Einschätzungen wurden am Donnerstag durch einen weiteren Tag der Gewalt in und um Bagdad unterstrichen.

Der Oberkommandierende der US-Truppen im Nahen Osten, Abizaid, zeichnete bei der Anhörung vor dem Streitkräfteausschuss des Senats am Donnerstag ein düsteres Bild von der Lage im Irak. "Wenn die religiös motivierte Gewalt nicht gestoppt wird, ist es möglich, dass der Irak in einen Bürgerkrieg abgleitet", sagte er. Im Irak sterben täglich bis zu 100 Menschen bei Anschlägen von Rebellen oder Kämpfen rivalisierender Gruppen. Auch am Donnerstag ereignete sich in der irakischen Hauptstadt Bagdad ein Anschlag, bei dem mindestens zehn Menschen getötet und Dutzende weitere verletzt wurden. Südlich der Hauptstadt griffen zudem bewaffnete Männer im so genannten "Todesdreieck" eine schiitische Hochzeitgesellschaft an und erschossen fünf Gäste.

Rumsfeld; Nicht nachgeben

"Die Gewalt ist wahrscheinlich die schlimmste, die ich je gesehen habe", sagte Abizaid. Auch Verteidigungsminister Donald Rumsfeld äußerte sich vor dem Ausschuss und warnte angesichts der Gewalt vor einem frühzeitigen Abzug der US-Truppen. Dies käme einem Sieg für die Aufständischen gleich, betonte Rumsfeld. "Wenn wir den Irak verfrüht verlassen, wie es die Terroristen fordern, würden sie uns als nächstes dazu drängen, Afghanistan und dann den gesamten Nahen Osten zu verlassen." Dann entstünde der Eindruck, als ob Extremisten der freien Welt sagen könnten, was sie zu tun und zu lassen hätten.

Rumsfeld bekräftigte das Ziel der US-Regierung, die Truppenpräsenz im Irak zu reduzieren, wenn die Bedingungen vor Ort dies zuließen. Auch Abizaid betonte, angesichts der Gewalt sei 2006 keine substanzielle Reduzierung zu erwarten. Die USA haben rund 133.000 Soldaten in dem Land stationiert.

Die Regierung von US-Präsident George W. Bush steht im Jahr der Kongresswahl unter massivem Druck, die Soldaten in die Heimat zurückzuholen. Die Gewalt im Irak richtet sich immer wieder auch gegen die Besatzungstruppen: Seit der Invasion im März 2003 starben mehr als 2500 US-Soldaten.

Pesssimistische Einschätzung durch den britischen Botschafter

Auch der scheidende britische Botschafter im Irak, William Patey, zeichnet ein wenig optimistisches Bild, wie aus einem Schreiben des Diplomaten an Premierminister Tony Blair hervorgeht, das an die Öffentlichkeit gelangte und vom Rundfunksender BBC in Auszügen verbreitet wurde. Patey warnte davor, dass im Irak eine schiitische Miliz einen "Staat im Staate" bilden könnte wie die Hisbollah im Libanon.

Die Einschätzung des Botschafters in seinem letzten Schreiben aus Bagdad ist pessimistischer als die bislang von Großbritannien vertretene offizielle Position zur Lage im Irak. "Die Aussicht auf einen Bürgerkrieg geringer Intensität und auf eine faktische Spaltung des Irak ist wahrscheinlicher als ein erfolgreicher und substanzieller Übergang zu einer stabilen Demokratie", schrieb der Botschafter laut dem BBC-Bericht.

Reuters