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Irak: Neue Vorwürfe gegen die US-Armee

Irakische Sicherheitskräfte und Augenzeugen haben neue Vorwürfe gegen die US-Armee erhoben. Die amerikanischen Soldaten sollen nicht nur in Haditha irakische Zivilisten erschossen haben. US-Präsident George W. Bush zeigt sich besorgt.

Gegen die US-Armee im Irak sind neue Vorwürfe laut geworden. Die irakische Armee, Polizisten und Augenzeugen beschuldigten die US-Truppen, sie hätten am 4. Mai in der Stadt Samarra im Norden des Landes zwei Frauen und einen geistig behinderten Mann erschossen. "Sie waren nicht bewaffnet und es waren keine Kämpfer in dem Haus", sagte ein hochrangiger Polizeioffizier, der anonym bleiben wollte. Ein Augenzeuge äußerte sich entsprechend. Seine 60 Jahre alte Ehefrau, sein behinderter 40-jähriger Sohn und seine 20 Jahre alte Tochter seien getötet worden. Ein Sprecher der betroffenen US-Division wies die Vorwürfe zurück. Die Soldaten hätten zwei unbekannte Männer und eine Frau getötet, die Anschläge auf die Truppen geplant hätten. Die Opfer seien bei einem Feuergefecht in einem Haus ums Leben gekommen.

George W. Bush besorgt

US-Präsident George W. Bush kündigte an, falls die Soldaten Gesetze überschritten hätten, würden sie bestraft. Die Regierung kündigte an, alle Details zu dem Vorgang offen zu legen. "Ich bin besorgt über die Nachrichten", sagte Bush. "Ich weiß, dass es eine umfassende Untersuchung gibt. Wenn tatsächlich Gesetze gebrochen wurden, dann gibt es eine Bestrafung." US-Regierungssprecher Tony Snow hatte erklärt, Bush habe erst von dem Vorfall erfahren, als ihn ein Reporter des Magazins "Time" dazu befragt habe. Danach habe der nationale Sicherheitsberater Stephen Hadley Bush darüber informiert.

US-Unteroffizier James Crossan, der zu Beginn der Vorfälle in Haditha am 19. November 2005 bei der Explosion einer Bombe verletzt worden war, schilderte in Fernsehinterviews die Wut seiner Kameraden an diesem Tag. Nachdem ein Soldat bei der Explosion des Sprengsatzes am Straßenrand getötet und zwei weitere verletzt worden waren, hätten "wohl einige die Kontrolle verloren", so Crossan in einem Gespräch mit CNN. Deshalb sei es "zu schlechten Entscheidungen" der US-Militärs gekommen.

Pentagon verspricht Aufklärung

Die Ergebnisse der Pentagon-Untersuchung über das mutmaßliche Massaker in Haditha werden nach Angaben des Weißen Hauses bald der Öffentlichkeit präsentiert. Dies versicherte nach Angaben des Nachrichtensenders CNN vom Mittwoch der Sprecher des Weißen Hauses, Tony Snow. Es werde eine vollständige Aufklärung geben.

Dem irakischen Ministerpräsidenten Nuri al Maliki geht die Geduld mit den US-Truppen und deren Erklärungen für die Tötung zahlreicher Zivilisten aus. Unter Hinweis auf das mutmaßliche Massaker in der nordirakischen Stadt Haditha im November sprach er in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters von einer Besorgnis erregenden Zunahme so genannter Fehler, auf die sich die US-Soldaten bei den Vorfällen beriefen. "Entschuldigungen sind nur begrenzt akzeptabel", sagte Maliki in dem Interview. "Wir sind besorgt über die Zunahme an 'Fehlern'. Ich sage nicht, dass sie beabsichtigt sind. Aber sie sind Besorgnis erregend." Maliki will nun Antworten über die Vorfälle in Haditha einfordern. "Wir werden um Antworten nicht nur auf die Haditha-Frage bitten, sondern für jeden Einsatz, bei dem es zu einer fehlerhaften Tötung kam, und wir werden diejenigen, die dies getan haben, zur Verantwortung ziehen."

Vertuschungsversuche der US-Soldaten

Die US-Armee versuchte ihr Vorgehen zunächst offenbar zu vertuschen und erklärte, die Zivilisten seien bei einem Bombenschlag ums Leben gekommen. Der Vorfall wird in den USA inzwischen mit dem Verbrechen in My Lai in Vietnam 1968 verglichen. Auch damals hatten Soldaten unter Zivilisten eines Ortes ein Massaker angerichtet, der als Widerstandsnest galt.

Der "New York Times" zufolge bestätigen die Ermittlungen einige zentrale Angaben der Augenzeugen. Demnach wurden die US-Truppen in Haditha durch nichts zu ihrem Angriff auf die Zivilisten provoziert. Alle Opfer seien durch Schüsse in den Kopf oder die Brust getötet worden. Keines weise Verletzungen auf, wie sie bei Bombenexplosionen zu erwarten seien. Das Blatt berief sich dabei auf ein hochrangiges Mitglied der US-Armee im Irak, das über die vorläufigen Ergebnisse der Ermittlungen unterrichtet sei. Die Untersuchung wird von der Ermittlungsbehörde der Marine geleitet. Offiziell ist bislang nichts von den Untersuchungsergebnissen nach außen gedrungen. Wie die Zeitung weiter berichtete, zahlte die US-Armee den Angehörigen der Opfer wenige Wochen nach dem Vorfall insgesamt rund 38.000 Dollar an Entschädigung.

"Ich bin überzeugt, dass er absichtlich getötet wurde"

Der neue irakische Botschafter in den USA, Samir al Sumaidaie, erhob seinerseits schwere Vorwürfe gegen die US-Armee: Vertrauenswürdigen Angaben seiner Angehörigen zufolge sei sein 21-jähriger Cousin vor einem Jahr ebenfalls in Haditha im Haus seiner Familie willkürlich von einem Marineinfanteristen erschossen worden, sagte er in einem Interview mit dem US-Nachrichtensender CNN. "Ich bin überzeugt, er wurde in voller Absicht getötet. Ich bin überzeugt, dass es keinen Grund für die Tötung gab", sagte er. Anschließende Ermittlungen der US-Armee "schlugen aber eine andere Richtung ein und kamen zu dem Schluss, die Tötung sei nicht gesetzwidrig gewesen". Seine Verwandten berichteten ihm auch von den Vorfällen im November. "Meine Freunde und Angehörigen haben mich jedoch unter Druck gesetzt, das Thema nicht weiter zur Sprache zu bringen", setzte er hinzu, ohne die Freunde näher zu beschreiben.

Im März warf die irakische Polizei der US-Armee vor, blindwütig eine elfköpfige Familie in Ischaki nördlich von Bagdad erschossen zu haben. Vor wenigen Tagen leitete die US-Armee zudem Ermittlungen zum Tod eines weiteren irakischen Zivilisten westlich von Bagdad im April ein. Wegen dieses Falls und wegen Haditha hat die US-Armee mehrere Soldaten und Offiziere vom Dienst suspendiert.

Reuters/DPA / DPA / Reuters